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So war’s in Duisburg: Widersprüche potenziert

Refused live

Ein gutdotiertes Risiko hatten Refused bei den Telekom Street Gigs in Duisburg zu überstehen. Lässt sich Kredibilität unter dem Magentalogo hindurch retten? Christian Steinbrink hat genau hingeschaut.
Geschrieben am
28.04.12, Duisburg, Landschaftspark Nord, Gießhalle
 
Es ist sinnlos von dem Widerspruch anzufangen, eine so emanzipierte und anspruchsvolle Band wie Refused auf ihrer eigentlich nie für möglich gehaltenen Reunion-Tour (!) bei einem Markenevent wie den Telekom Street Gigs (!!) zu sehen. Auch wenn schon die Goldenen Zitronen ihrerzeit herausarbeiteten, wie zwangsläufig Widersprüche in der Karriere eine Rockband sind, ist das schon eine Dimension, die den Jüngern von DIY-Hardcore schwer auf den Magen schlägt. Auf der anderen Seite sind Refused eine der bedeutendsten Bands der jüngeren Geschichte des Genres, und sie waren 15 Jahre nicht auf Tour. Deshalb heißt es allein schon um der Musik Willen hingehen, wenn sich die Gelegenheit bietet und man nicht nach Berlin oder Belgien reisen kann.

Warum es die Band jetzt doch wieder gibt, erklärt der wiedererblondete Dennis Lyxzén direkt von der Bühne weg: Im heutigen Rock ginge es nur noch um Party und Alkohol, daher hätten Refused zurückkehren müssen, um das aufrührerische Potenzial dieser Musik neu zu erwecken. Sagt’s und steht dabei unter einem großen magentafarbenen Telekom-Logo – absurder geht es kaum. Aber aus irgendeinem Grund gelingt es Lyxzén und seinen vier neuen alten Freunden, sowohl die Klasse ihrer Musik als auch ihre politischen Ansprüche über die Jahre und in dieses Setting herüberzuretten. Ja – Refused sind nicht feist geworden. Ja, ihre Musik klingt sogar noch ebenso frisch wie in den späten 1990er-Jahren. Und sogar Lyxzén mit all seinen Ambitionen schafft es, die alte Musik für sich wieder dringlich zu machen.Der Einstieg mit »Worms of the Senses / Faculties of the Skull«, »The Refused Party Program« und »Liberation Frequency« erinnert wohlig an »The Shape Of Punk To Come« und zeigt, wie ungestüm und hart diese Musik damals wie heute wirkt. Die vorher auftretenden Lagwagon und Donots sind gemessen daran bloße Schmockrocker, obwohl ein Teil des Duisburger Publikums gerade letztere im Vergleich zu Refused deutlich zu favorisieren scheint. Poppige Stücke wie »Summerholidays vs. Punkroutine« werden zu ersten Höhepunkten der in gewohntem Einheitsschwarz gekleideten Schweden. Das Publikum geht erst hier wirklich ab, vorher sind wahlweise Verblüffung oder wache Aufmerksamkeit ausgeprägter als ein tanzender Moshpit, gerade die älteren Fans wollen angesichts dieses durchaus bedeutenden Hardcore-Moments nichts verpassen.
 
Diese verhältnismäßige Stille scheint Lyxzén ein bisschen zu verunsichern, gerade auch weil er alles gibt und so agil wirkt, als wären keine 15 Jahre ins Land gegangen. Er steht hier eben nicht in einem kleinen Hardcore-Schuppen, der seine Band auch kaum hätte bezahlen können. Er steht von einem Publikum, von dem etwa die Hälfte gerade mal »New Noise« kennt und ob der Brachialität der Schweden doch ein wenig verblüfft ist. Die alten Fans, die sich vor allem wegen Refused auf den Weg in die alte Stahlhütte gemacht haben, sehen ihre Befürchtungen aber unbegründet und schnalzen mit den Zungen.
 
Gegen Ende einer furiosen, gut einstündigen Show findet Lyxzén dann auch wieder den Faden zu den Gründen, warum es seine Band nun wieder geben muss. In einer flammenden Ansprache bittet er die Menge, ihm eines zu versprechen: »Stay wild, stay curious and stay fucking hungry!« Refused haben ihn gefunden, den schmalen Grat von politischer Emanzipation in einem Markenumfeld. Finalisiert durch den Zugabenblock mit dem Jahrzehntsong »New Noise«, der selbst die größten Spötter unter den Anwesenden umschwenken lässt. »Don‘t let anybody tell you what to do with your life« hatte Lyxzén ein paar Minuten früher von seinen Fans gefordert. An diesem Abend in Duisburg ist seine Band diesem Slogan gefolgt und hat ein paar gutdotierte Risiken überstanden.