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So wars in Berlin: Vertontes Elend

Veronica Falls live

Songs rund ums Verderben, dargeboten in feudaler Kulisse. Nein, hier geht es nicht um das letzte Wave-Gotic-Treffen, sondern um das Berlinkonzert des Londoner Retro-Quartetts Veronica Falls.
Geschrieben am
06.11.2011, Berlin, Roter Salon

Der Rote Salon besticht mit 50er/60er-Flair und passt somit perfekt zu den Protagonisten des heutigen Abends, die, was Look und musikalische Präferenzen angeht, soeben der Serie »Mad Men« entsprungen sein könnten. Zwischen roten Samtcouchen und prunkvollen Kronleuchtern, gönnt sich das größtenteils betagte Publikum ein Glas Wein bevor die Londoner Band, bestehend aus zwei Damen und ebenso vielen Herren, ohne Supportact die Bühne betritt. Veronica Falls singen von bereits gescheiterten Beziehungen oder von solchen, die von Vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Kummer, soweit das Auge reicht. Und wenn man kurzzeitig meint, in einem Song einen Hauch von Ausgelassenheit entdeckt zu haben, merkt man spätestens beim zweiten Hören: Der Schein trügt. Das hier ist vertontes Elend. Die unweigerlich aufkommende Frage: »Haben die auch mal Spaß?!« hoffe ich dennoch nach dem Konzert mit einem klaren »ja« beantworten zu können.
Doch das Quartett macht es seinem Publikum zunächst schwer. Bassistin Marion Herbain scheint sich imagehalber ein Lächeln zu verkneifen. Sängerin Roxanne Clifford, die dank Lego Haircut und Polka-Dots dem von Hadouken! gescholtenen Indie-Cindy-Klischee vollends entspricht (die Autorin möchte sich an dieser Stelle klar von solchen Schubladen-Denken distanzieren. Genau die gleiche gepunktete Bluse hängt in ihrem Schrank) gibt sich während der ersten Songs »The Box«und »Stephen« übertrieben unnahbar. Die zwei Herren der Schöpfung wiederum präsentieren sich betont lethargisch. Spätestens bei »Beachy Head«, dessen fröhlicher Twee-/Shoegaze-Pop im Kontrast zum Thema des Songs (Freitod durch Klippensprung!) steht, spürt man jedoch: Die Vier machen das hier doch einigermaßen gern und können mit ihrem (zugegeben verhaltenen) Enthusiasmus auch das Publikum anstecken. Nach einer Coverversion von Roky Erickson's »Starry Eyes« und ein paar ins Mikro genuschelten »Thank You!« seitens des Gitarristen und Sängers folgt der beste Song des gerade erschienen, selbstbetitelten Debütalbums: »Bad Feeling«.

Passend zum auf dem Plattencover abgebildeten Geisterhaus, das eine eklatante Ähnlichkeit zum Domizil aus »The Amityville Horror« aufweist, geht es mit unheimlichen Songs inklusive Kinderlied-Anleihen spooky weiter. Solange bis sich das Quartett mit »Come On Over« aus dem Scheinwerferlicht verabschiedet und den Applaus bezauberbernderweise mangels Backstagebereich mit einem Bier in der Hand in der ersten Reihe abwartet. Als erste und letzte Zugabe eines rundum soliden Auftritts folgt »Misery«. »Misery, taking over me. Misery, my old friend«, singt Roxanne da mit glockenheller Stimme. Im Zustand all zu hoher psychischer Niedergeschlagenheit sollte man die Musik der Londoner vielleicht besser meiden, ansonsten hat man an diesem Abend vier adrette Misanthropen zum gemeinsamen Liebeskummer zelebrieren gefunden.