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So war’s in Berlin: Sex On Legs

The Kills live

Alle Mädchen wollen so sein wie sie, alle Jungs wollen sie nach dem Konzert mit nach Hause nehmen – Alison Mosshart glänzt mit erotischer Überpräsenz, sowie ungeahnten Stimmqualitäten. Opa Hince wirkt dabei zeitweilig wie Staffage. Trotzdem ein toller Abend.
Geschrieben am
30.11.2011, Berlin, Columbiahalle

Die im Vorfeld vom Berliner Radiosender Flux.fm als sexieste Duo seit Beavis and Butt-Head bezeichneten The Kills stellen ihr Publikum auf die Geduldsprobe. Seit 18:30 Uhr steht so mancher graumelierte, ältere Herr neben der 15-jährigen-Undercut-Fashionista in der ersten Reihe und muss ganze drei Stunden warten bis Alison Mosshart und Jamie Hince die Bühne der Columbiahalle betreten. Und er womöglich Antwort auf die Frage findet, worin genau die Verbindung der Band zu den beiden AC/DC-Shirts-tragenden, an Unterbiss leidenden MTV-Zeichentrickfiguren besteht. Die Vorband Weekend soll die Wartezeit verkürzen. So einfallslos wie der Bandname gestaltet sich allerdings auch die Musik der Kalifornier. Ihr monotoner Shoegaze-Lo-Fi-Sound, unterlegt von einer extrem einschläfernden Stimme, verliert sich in Hall- und Echoeffekten – Statt das Publikum zu unterhalten, beschäftigen sich die drei Youngster lieber mit den Reglern zu ihren Füßen.

Um 21:30 Uhr lösen schließlich Mosshart und Hince vor Leopardenmuster-Hintergrund ihren Support-Act ab. Ebenso trashig wie der Backdrop mutet Mossharts neue Frisur an: Dank pinker, antoupierter Frisur und komplett in schwarz gehaltenem Outfit weckt sie gleichsam Assoziationen zur Wasted-Version von Arielle und der Addams Family. Statt Drumcomputer haben sich The Kills zur Live-Darbietung ihres rohen, auf Platte nur spärlich instrumentierten Garagen-Blues, vier Trommler in Lederjacken-Kluft und Gesichtsbedeckung à la Wu Lyf ins Boot geholt, die dem ersten Song des Sets »No Wow« dank perfekt einstudierter Drum-Choreographie sowohl musikalisch, als auch optisch zu einem frühen Highlight des Konzerts machen.

Es folgen »Future Starts Slow« und »Heart Is A Beating Drum« des neuen, vierten Longplayers »Blood Pressures«, sowie »DNA«, bei dem sich unnötigerweise zwei Background-Sängerinnen dazugesellen, die Mosshart schlicht nicht nötig hat. Letztere beeindruckt nämlich nicht nur stimmlich mit ungeahntem Facettenreichtum (vor allem bei dem Cover der Patsy Cline-Ballade »Crazy«), sondern macht auch sonst die knapp 30 Euro Eintrittspreis ab der ersten Minute zu einer lohnenden Investition. Mosshart mag keine klassische Schönheit sein. Aber mein Gott, hat diese Frau eine Ausstrahlung! Man muss es sich neidlos eingestehen: Ihre Bewegungen sind derart perfekt (inszeniert), dass man den Blick nicht eine Sekunde von ihr abwenden kann. Egal, ob sie sich auf ihren Gazellen-Beinen, die in schwarzer Röhre und passenden Plateau-Ankleboots stecken, wie ein Raubtier im Kreis bewegt, lasziv eine ihrer vielen silbernen Ketten in den Mund nimmt oder aus dem Stand heraus eine Brücke macht. Egal, ob sie eine elegante Pirouette um das Mikro dreht, sich am Verstärker abstützt oder anmutig-akrobatisch auf die Boxen klettert – Mosshart ist sich ihrer Wirkung auf das Publikum stets bewusst. Wir haben es hier nicht mit einer unschuldigen Sängerin zu tun, die uns mit Natürlichkeit und kindlicher Naivität um den Finger wickeln will. Wenn sie kurzerhand wenig lady-like in die Ecke spuckt, mag das vielleicht eine spontane Triebbefriedigung sein – Die Tatsache, dass ihr Haar dabei dank einer Windmaschine konstant in den perfekten Winkel geblasen wird, macht jedoch jede Frage nach Authentizität hinfällig.

Daneben geht Hince ein bisschen unter. Lebte das Zusammenspiel der beiden einst von einem spürbaren Knistern zwischen dem Londoner und der Amerikanerin, ist ein paar Jahre und seine Einfahrt in den Hafen der Moss-Ehe später, zwar eine latente Anziehungskraft immer noch zu spüren, aber im großen und ganzen ist Mosshart Sex on legs und Hince der gealterte, leicht statische Dandy, der der Vater der meisten heute Anwesenden sein könnte. Ihm schenkt man seine Aufmerksamkeit nur, wenn er ein charmantes »Dankeschön« ins Mikro nuschelt oder eines seiner brillanten Gitarren-Soli zum Besten gibt.

Als Mosshart in der Single »Cheap And Cheerful« zu »loose your cool in public« auffordert, muss sie zu diesem Zeipunkt des Konzerts zum kollektiven Ausrasten eigentlich schon lange nicht mehr ermahnen. Kurz zuvor hatte sich bei »Tape Song« schon die gesamte Columbiahalle in ein Meer ekstatisch springender Menschen verwandelt. Getreu dem Motto »you’re stupid baby, when you’re sane« singt eine Gruppe Spanierinnen weiter hinten völlig enthemmt sogar die Instrumentalparts lauthals mit, parallel dazu wird die erste und einzige Stagediverin des Abends mit einem seligen Grinsen aus der Masse gezogen. In den vorderen Reihen formen hormongesteuerte Halbstarke simultan Herzen mit den Händen und erhoffen sich in Zusammenhang mit lautem Grölen wenigstens einen kurzen Blickkontakt mit Mosshart – Die schaut jedoch in eine andere Richtung, erntet prompt grenzdebiles Gekreische und Gewinke als Danksagung und entschwindet mit »Pots And Pans« von der Bühne. Nur um kurz später mit einer Flasche Rotwein und fünf Songs (darunter ein wunderschönes Cover des Velvet Underground-Songs »Pale Blue Eyes«) die Halle erneut mit ihrer Überpräsenz zu belohnen und sich schließlich nach inniger Umarmung mit Kollege Hince und ausgiebiger Verbeugung endgültig zu verabschieden.

Die Ähnlichkeiten zu Beavis and Butt-Head bleiben ungeklärt, fest steht jedoch: Nach diesem Abend werden Berliner Friseursalons einen erhöhte Bedarf an pinkem Haarfärbemittel verzeichnen.