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So war´s in Osnabrück: Windstärke Zwölf im beschaulichen Club

Sepultura live

Sepultura sollten trotz kommerzieller Bedeutungslosigkeit noch lange nicht als fester Posten aus der Bilanz lohnenswerter Konzerte abgeschrieben werden. Findet unser Autor Eike Nienaber.
Geschrieben am
5.7.12, Osnabrück, Rosenhof

1996 ist nicht nur Fans der deutschen Elitekicker-Auswahl als Jahr des letzten Titel-Triumphs in guter Erinnerung geblieben. So mancher Freund zorniger Stromgitarrenmusik blickt ebenfalls noch gern zurück, wenn er heute den Metal-Meilenstein jenes Jahres – Sepulturas »Roots« – entstaubt und in die Compact-Disc-Schublade seiner nicht minder verstaubten Abspielapparatur legt. Die vier Brasilianer um Max Cavalera ließen die Kritikerwelt im Kollektiv frohlocken, welche ihnen eine prosperierende Zukunft als Superstars ihres Genres voraussagten und sie fortan in ausverkauften Stadien und als Headliner auf den Megafestivals spielen sahen. Wenig später jedoch verließ Frontmann Cavalera die Band im Streit und es sollte das passieren, was schon so vielen Kapellen mit dem Weggang des Sängers widerfuhr…
 
Ortstermin Osnabrück – wir schreiben das Jahr 2012: Der Rosenhof ist kein großes Fußballstadion und auch weit davon entfernt. Der beschauliche Club bietet ein paar Hundert Besuchern Platz zur Zerstreuung und erfreut vom Ambiente her eher die Diskonostalgiker der 70-Jahre. Der Metal-Olymp sieht wohl doch anders aus. Die Bühne ziert derweil ein Bandlogo, welches jedoch ganz anderes erahnen lässt: Sepultura! Weg waren sie nämlich nie wirklich, nach »Roots« folgten sechs weitere Studioalben mit dem neuen Sänger Derrick Leon Green und auch live war das Quartett aus Belo Horizonte stets recht aktiv. Gut, die Bühnen sind kleiner geworden, die Publikumsmassen überschaubarer und dennoch wird man im Osnabrücker Rosenhof Zeuge eines Riff gewordenen Donnerwetters, das auch durchaus das Zeug zum Headliner-Slot auf der Wacken-Mainstage hätte.

Natürlich erinnert man sich auch innerhalb der Band gern an die guten alten Zeiten zurück und eröffnet standesgemäß mit dem 23 Jahre alten »Beneath The Remains«. Über den neuen Sänger Green kann man sagen was man will. Klar ist er kein Cavalera und er möchte es auch gar nicht sein. Qualitativ zumindest steht er seinem Vorgänger in nichts nach und nach 15 Jahren in Diensten von Sepultura ist das Attribut »neu« eh auch wirklich alles andere als angebracht. Paulo Xisto Pinto Jr. wirkt am Viersaiter wie ein – zugegeben sehr sympathischer – Staubsauervertreter in den besten Jahren und Gitarrist Andreas Kisser wie… Andreas Kisser! Die drei Mittvierziger servieren die Setlist wie eine bunte Schlachtplatte bei der Fleischerei von Nebenan – von allem etwas. Sepultura knüppelt sich durch 28 Jahre Bandhistorie mit  der »neuen Ära« wie dem Titelsong des neusten Longplayers »Kairos« und Klassikern á la »Territory« und »Innerself«. Als letzteres 1989 erstmals durch die Gehörgänge der Rezipienten stürmte, war der – diesmal wirklich – neue Schlagzeuger Eloy Casagrande noch nicht einmal geboren. Doch was das Nesthäkchen mit seinen süßen 20 Lenzen zeigt, weiß das Osnabrücker Publikum auf ganzer Linie zu überzeugen. An der Double-Bass nimmt er es locker mit einem gewissen Dave Lombardo auf, und auch sonst fügt er sich nahtlos ein in die noch immer gut geölte Sepultura-Maschinerie. Und womit vor kurzem die Titelträume unserer Elitekicker schmerzhaft endeten, runden auch Sepultura ihren gut zweistündigen Gig ab: Mit 1996er-Nostalgie. Die beiden Zugaben »Rattamahata« und »Roots Bloody Roots« fegten noch einmal mit gefühlter Windstärke Zwölf durch den Rosenhof und beweisen, dass Sepultura trotz kommerzieller Bedeutungslosigkeit noch lange nicht als fester Posten aus der Bilanz lohnenswerter Konzerte abgeschrieben werden sollte.