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So war's in London: Nostalgisch

New Order live

Nach fünf Jahren Bühnenabstinenz in Großbritannien warten New Order im Londoner Troxy mit einem Set auf, das sie fast identisch auch vor zwanzig Jahren hätten spielen können.
Geschrieben am
10.12.2011, London, Troxy.
 
Der Osten Londons in der Nähe der früheren Docklands ist eine Gegend, in der »Cool Britannia« nie angekommen ist. Touristen verirren sich hierhin nur selten. Stattdessen taumeln vor dem Local Pub ein paar Jugendliche herum. Mittendrin das unspektakuläre Troxy, in der New Order ihr erstes Konzert in Großbritannien seit fünf Jahren spielen. Das Konzert war rasant schnell ausverkauft, nur fünfzehn Minuten sollen es gewesen sein. Die Band hat das britische Publikum scheinbar vermisst, schließlich gibt sich ein vergnügter und moppeliger Bernard Sumner durchaus redselig. Noch immer zehren New Order von ihrem Erfolg der 1980er Jahre, sind in Großbritannien Nationalheiligtum. Dieser Abend ist eine Retro-Show, eine Zeitreise in die Synthiepop-Hochzeit. Alle Songs, mit Ausnahme von »Regret« und »Crystal«, sind vor 1989 entstanden. Die heutige New-Order-Interpretation klingt allerdings gitarrenlastiger, rockiger, weniger elektronisch. Der Nostalgietrip geht bei so einer durchgängig brillanten Setlist (»Bizarre Love Triangle«, »True Faith«, »The Perfect Kiss«, »Temptation«, »Blue Monday«, »586« und »Age of Consent«) völlig in Ordnung. Neue Songs spielt die Band an diesem Abend nicht. Das letzte Album »Waiting For The Sirens Call« von 2007 fehlt komplett. Mit »Crystal«, dem fast einzigen großartigen Hit aus der Post-Millenium-Zeit dabei, beginnt die Show. Zwei Studioalben waren in den letzten 18 Jahren die doch recht bescheidene Ausbeute von Sumner und Co.

Weil Bassist Peter Hook in einem seiner merkwürdigen Interviews über das Ende von New Order spekulierte und mit dem Projekt Peter Hook And The Light seine eigene Art der Vergangenheitsbewältigung des Joy-Division-Erbes betrieb, steht der Bassist mit den anderen New-Order-Mitgliedern derzeit auf Kriegsfuß und wird im Troxy von Tom Chapman, der auch bei Bad Lieutenant, Bernard Sumners Nebenprojekt, dabei ist, ersetzt. Die Begeisterung der lauthals und textsicher mitgröhlenden Fans schmälert Hooks Abwesenheit nicht. Mit einem großmäuligen Bassisten hält sich hier keiner auf. Schließlich stand bei New Order ja stets das Kollektiv über den einzelnen Bandmitgliedern, um nach der Traumatisierung nach dem Selbstmord von Ian Curtis überhaupt irgendwie weitermachen zu können.
 
Mit zwei von Curtis geschriebenen Songs, »Ceremony« und »Love Will Tear Us Apart«, erinnern New Order an diesem Abend an die Joy-Division-Phase. Mit ihrem Erbe sind New Order immer sehr pfleglich umgegangen, um jeglichen Verdacht eines Ausverkaufs zu entkräften. Weil zwei der verbliebenen Bandmitglieder an der Produktion des vermutlich besten Popsong aller Zeiten, »Love Will Tear Us Apart«, beteiligt waren, wäre es auch ein Frevel, diesen auszuklammern. So endet das Konzert mit den Worten, die der schwer depressive Ian Curtis vor knapp 30 Jahren geschrieben hat und die zu seinem Vermächtnis wurden: »When routine bites hard, and ambitions are low, and resentment rides high and emotions won’t grow, and we’re changing our ways, taking different roads, then love will tear us apart«. Mit diesem bewegenden Abschluss ist man nach einem soliden 90-minütigen, stellenweise begeisternden Konzert zufrieden. Wenn es sogar die Stone Roses geschafft haben, eine Reunion hinzubekommen, dann steht vielleicht auch Peter Hook mal wieder als Bassist von New Order auf der Bühne.