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So war's in Leipzig: Kontrastreich

Dear Reader und Herrenmagazin live

Dear Reader und Herrenmagazin bringen beim Auftaktkonzert der TV Noir-Reihe das Beste aus beiden Welten zusammen – der schönen und der albernen.
Geschrieben am
09.11.2012, Leipzig, Werk 2

Heute kann das Publikum Dear Reader und Herrenmagazin beim Kompilieren zusehen (beim Kompilieren nicht Kopulieren, Ihr Schelme!). Beim Kompilieren eines mehr oder weniger akustischen Sets in herausfordernder Besetzung. Denn für die TV Noir-Konzertreihe, die in Berlin für ZDFkultur aufgezeichnet wird, spielen Dear Reader und Herrenmagazin in lauschiger Schwarz-Weiß-Atmosphäre und teilweise zusammen. Deshalb, und weil im Leipziger Werk 2 der Tourauftakt und so etwas wie Generalprobe ist, sind die MusikerInnen nervös. Deniz sagt vor dem Konzert, dass sie jetzt mal eine Setlist fertig machen müssten und wenig später auf der Bühne, dass sie »In den dunkelsten Stunden« in der Akustikversion mit Dear Readers John an der Violine nur einmal geprobt haben. »Also wenigstens einer, der es kann« macht Rasmus Engler am Glockenspiel auf Optimist.

Das erste, was Cherilyn sagt, als sie den Abend eröffnet, ist irgendetwas von Berlin und Winter; das zweite, dass sie immer zu viel redet, wenn sie nervös ist und die Leute ihr dann sagen: »Sei ruhig und sing endlich«.

Galgenhumor? Keine Ahnung, aber auf jeden Fall ein Wegweiser, wohin der Abend geht: Charmante und verspielte Begleitung als perfektes Gegengift für den Bombast an Schönheit, der zu erwarten ist, wenn sich Cherilyns Gesang, Piano, Violine und Herrenmagazin mit Akustikgitarre und Glockenspiel treffen. Obwohl beide Bands nur 2 bis 3 Mal zusammen spielen, harmonieren sie wie Bier und  Rockmusik: Sowohl Cherilyn als auch Herrenmagazin schaffen es, mit quatschigen Ansagen der Schönheit die lähmende Steifheit zu nehmen und bringen damit das Beste aus beiden Welten zusammen – der schönen und der albernen. 

Dass die Kombination ein Selbstläufer ist, mag für die Bands nicht selbstverständlich und sicher auch mit Arbeit verbunden sein, für das Publikum ist es jedenfalls keine Überraschung. Das Konzert ist ausverkauft, die Leute lassen sich von der Stimmung mitziehen.

Mit Cherilyn und Deniz haben die Bands natürlich auch Sänger bzw. Sängerin, deren Stimmen so einen akustischen Abend problemlos tragen können. Das zeigt sich besonders daran, dass die Interpretationen bei aller sanften Schönheit eine unglaubliche Energie in sich tragen.

Wer Dear Reader schon mal live gesehen hat, ist davon wohl weniger überrascht. Die Lieder sind mit Cherilyn als Sängerin und am Piano oder Gitarre ja generell auf den Gesang fokussiert. Bei Herrenmagazin konnten die, die eine der wenigen Akustikversionen mal gehört haben, zumindest ahnen, was akustisch in den Liedern steckt. Das zeigt sich heute auch wieder: In einem Club wie dem Conne Island, das nur ein paar 100 Meter die Straße runter liegt, würde Schweiß fließen, wäre der Verstärker auf 10 gedreht und die Lieder würden explodieren. Akustisch implodieren sie mehr. Da kommt die Energie nicht aus dem Zusammenspiel der Band, sondern aus dem Gesang. Glockenspiel statt zweiter Gitarre und zurückgenommenes Schlagzeug – mitunter nur ein Schellenring – geben gerade soviel Halt, dass der Gesang nicht nackt dasteht aber die Bestuhlung des Konzerts rechtfertigt. Besonders gut funktioniert das Konzept »Akustisch« bei den Melodie-orientierten Stücken von »Das wird alles einmal Dir gehören« wie »Alle sind so« am Anfang, »Fahne« vor der Pause und »Angst« vor der Zugabe.

Der schönste Moment ist allerdings die letzte Zugabe, »Under African Skies«, die Coverversion  eines Paul Simon-Liedes, die Dear Reader und Herrenmagazin zusammen spielen. Es ist ein befreiender Moment, weil diese wunderschöne Interpretation mit dem vorangegangenen, irritierendsten Moment versöhnt: Vor »Under African Skies« nämlich singen Herrenmagazin die Zeilen »Da steht ein Mann, der von den Toten singt. Es weht ein Wind, der nichts als Scheiße bringt«. Und als hätte es sie nicht verstanden, fängt das Publikum an, dazu mitzuklatschen. Also liebes Berliner Publikum, wenn das Konzert bei Euch aufgezeichnet wird, um auf ZDFkultur zu laufen, bitte unbedingt darauf verzichten. Sonst werde ich bei der Ausstrahlung vorspulen müssen. Davon abgesehen dürfte die Übertragung aber mal wieder zeigen, dass Spartenfernsehen das bessere Fernsehen ist.