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So war's in Dortmund: Loud is the new quiet

Miss Li und Dear Reader live

Das deutschlandweit immer noch einmalige Pop-Abo im klassischen Konzerthaus Dortmund ließ zum Auftakt der neuen Spielzeit schrägere und vor allem lautere Töne anklingen. Der Akzeptanz dieser geschmackssicheren Konzertreihe tat dies keinen Abbruch - im Gegenteil.
Geschrieben am

Als  scheinbare Antithese zur Singer/Songwriter-Dominanz der letzten Spielzeit erweitert das Team des Dortmunder Pop-Abos mit Miss Li und den südafrikanischen Indie-Lieblingen Dear Reader das etablierte Konzept (semi)akustischer Popmusik in gehobenem Ambiente an diesem Abend um einige beschleunigende Facetten. Schon beim Opener Dear Reader beweisen die Pop-Abo-Planer einmal mehr ihr Gespür für Bands, die trotz aller experimentellen Verspieltheit in ihrer Essenz schlicht ergreifenden Pop spielen. Das  Quintett um die Wahl-Berlinerin Cherilyn Macneil arrangiert opulente Klangkaskaden, die sich nicht in ermüdenden Mustern erschöpfen,  stattdessen das bestuhlte Auditorium mit schwelgerischer Eleganz und noisig ausladenden Passagen schnell für sich einnehmen. Um die vielbemühte Multiinstrumentalität der Bandmitglieder kommt man in diesem Fall kaum herum, da tatsächlich jeder der beteiligten Musiker, inklusive Calexico-Import Martin Wenk, mehrere Instrumente von Akkordeon über Trompete bis hin zur Viola bisweilen abwechselnd und innerhalb eines Songs bedient. Eine gelungene Umsetzung des Materials der aktuellen »Idealistic Animals«-Platte, die eine generelle Hinwendung vom Folk-Pop zu einer Art weltmusikalischen Kammerpop beschreibt. Aller lyrischen Ernsthaftigkeit zum Trotz mag vielleicht  »Traditional White«, ein Song über die Weigerung, erwachsen zu werden, prototypisch für die kindliche Begeisterungsfähigkeit und ungeschminkte Spielfreude stehen, die Dear Reader so unverwechselbar machen.

Diesem mehr als gelungenen Auftakt steht der Main Act des Abends, das schwedische Energiebündel Linda Carlsson alias Miss Li, natürlich in nichts nach. Es wäre vermessen, die extrovertierte Chanteuse nur auf ihren unbestrittenen kommerziellen Erfolg der letzten Jahre zu reduzieren. Zu eigen und vielschichtig gestaltet sich ihre mitreißende Melange aus Ragtime, Blues, Jazz und Soulelementen. Die von Stakkato-Piano dominierten Songs präsentiert sie mithilfe ihrer fünfköpfigen Begleitband in einer Intensität, die die Grenzen des Akustik-Pop-Konzepts neu ausloten. Wenn die Schwedin mal nicht das Piano malträtiert, gibt sie sich als Soul-Diva im Stile einer Amy Winehouse, um im nächsten Moment aufgekratzt und mit Schellenkranz bewaffnet durch die verdutzten  Zuschauerreihen zu wirbeln. Das vergleichsweise verhaltene Material vom aktuellen »Beats and Bruises«-Album kommt live mit einer enormen Durchschlagskraft und unbändiger Spielfreude, Carlssons schrilles Gesangsorgan lässt sich nicht nur bei Hits wie »Hit It« oder »You Could Have It« von posenreichen Bluesgitarren-Eskapaden ihres Lebensgefährten Sonny Gustaffson oder den jazzigen Saxofonsoli Lars Ahlunds treiben. Die begeisterten Zuschauer hielt es jedenfalls schon vor dem eigentlichen Höhepunkt, einer ausgedehnten Version von »Oh Boy«, nicht mehr auf den Sitzen. Nicht enden wollender Applaus nach mehreren Zugaben beschließt einen gelungenen Saisonauftakt in Dortmund.