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So war's in Bonn: Streber-Grunge

Sport live

Irgendwann nach der Jahrtausendwende hatten einige Musik-Kritiker den möglichweise nicht ganz uneigennützigen Gedanken, Grunge könnte doch mal ein Revival feiern.
Geschrieben am
31.03.2012, Bonn, Bla

Schöne Sache, schon der eigenen Nostalgie wegen, dachten sie sich. In der Folge wurde das Phänomen in großer Regelmäßigkeit herbeigeschrieben. Sei es anlässlich des Postpunk-Revivals um Franz Ferdinand und Co., als der Dancefloor nach Jahren der Pause wieder von Rockmusik mit Strahlkraft vereinnahmt wurde. Oder sei im Zuge des Erfolgs der White Stripes, die mit dramaturgisch einfachen Mitteln den Gitarren-Verzerrern ihre Seele zurückgaben. Oder aber ganz konkret anhand von (wenigen) jungen Bands wie Navel, deren Sänger so entgrenzt ins Mikro schrie, als sei er die Reinkarnation von Kurt Cobain.

Mehr als einmal war in den letzten zehn Jahren zu lesen, es sei bald soweit. Grunge könne jenen, die bei »Nevermind« noch die Kita besucht hatten, als Adoleszenz-Soundtrack dienen. Doch die Feder ist eine stumpfe Waffe: Grunge kam nie zurück. Höchstens in Form von Wiedervereinigungsflops alter Säcke aus Seattle.

»Und? Was hat dieser Scheiß mit uns zu tun?«, mögen sich die (neuerdings vier) Mitglieder von Sport beim Lesen dieser Zeilen denken. Ganz einfach: Wollte Grunge jemals zurückkommen - kann nicht irgendwer einfach mal klingeln und fragen? - es würde ihm gut stehen, 2012 so zu klingen wie die Band aus Hamburg.

Was Sport oder: »Die Gruppe Sport« am letzten Samstagabend auf eine ungefähr sechs Euro-Palletten große Bühne am Bonner Altstadtrand brachte, klingt natürlich nicht nach Grunge im klassischen Sinn – schon gar nicht jenseits des Sounds. Die deutschen Texte von Felix Müller, der auch bei Kante Gitarre spielt, handeln zwar regelmäßig vom Scheitern, sind aber zu klug für den Einbahnstraßen-Nihilismus des Genres. Das Auftreten der Band gestaltet sich außerdem viel zu wenig abgründig.

Wenn man überhaupt will, sind Sport deutscher Streber-Grunge. Unterm Strich aber: eine Art deutscher Grunge. Sie überführten einen in der hiesigen Musikszene nie selbstbewusst gepflegten Rockstil in die eigene Lebenswelt und durchsetzten ihn mit den erzählerischen Vermittlungsebenen dessen, was man einst Hamburger Schule nannte. So klug, bilderreich und laut rockt eine deutsche Band nur selten. »Rockt« wohlgemerkt ausnahmsweise völlig unironisch gemeint.
 
Sport, die sich in ihrer eineinhalbstündigen Show durch ihre vier Alben arbeiteten, brachten der halb gefüllten Eckkneipe die Geste großer Rock-Arenen mit: Sogar der Bassist befehligte beim Spielen noch eine kleine Armada von Effektpedalen - bei den beiden Gitarristen waren es um die 15 Stück. Jeweils. Was andernorts für Gelächter gesorgt hätte, brachte hier nicht weniger als einen der besten Live-Sounds, den der Laden in seiner langen Geschichte erlebt haben dürfte. So akzentuiert und krachend klingen Konzerte vor 50 Leuten selten.
 
Als Sport nach all dem Lärm, den schneidenden Ping-Pong-Gitarrenriffs und Crash-Becken-Refrains plötzlich das kommerzielle Scheitern einer Indie-Band, die sich aufgrund von Erfolglosigkeit auflöst, in Form einer traurigen Ballade besingen, gehen die Türen zu den Herzen Bonns endgültig auf. »Ein Ende« vom bezeichnenderweise »Aufstieg und Fall der Gruppe Sport« benannten zweiten Album ist und bleibt der beste deutsche Song-Kommentar über die Prekarisierung von Musikern. Er markiert das Ende des Glaubens, dass sich musikalische Eigenständigkeit irgendwann automatisch an Reichweite und dem eigenen Konto ablesen lassen könnte.
 
Dass Sport, denen die großen Erfolge bisher gleichermaßen fehlen wie der fiktiven Band, über die sie singen, das Thema mit solcher Selbstverständlichkeit vor einem Mini-Publikum aufgriffen, wirkte in seiner Symbolkraft fast erdrückend. Zeugt aber gleichzeitig von wahrer Größe. Sollen doch andere Bands den Traum von großem Rock träumen, hier wird er längst gelebt - wenn auch eher auf den kleineren Bühnen. Vielleicht würde es Sport wirklich helfen, wenn alle Radiosender plötzlich wieder Grunge spielten. Aber genau genommen kann die Band auch einfach darauf scheißen. Sie hat sich von dem toten Gaul doch längst emanzipiert. Es müssten nur mal endlich mehr Leute mitkriegen.