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Die inszenierte Anti-Inszenierung

So war's in Berlin: Shellac live

Steve Albini, das Enfant terrible des Rock-Business, kam mit seiner Band Shellac mal wieder nach Deutschland. Die Berliner Show am Mittwoch war wohl die beste von den sechs, die Intro-Redakteur Felix Scharlau bisher gesehen hat.
Geschrieben am
29.05.2013 Berlin, Berghain

Todd Trainer, hagerer Schlagzeuger von Shellac, steht in der Mitte der Bühne und hält eine Snare-Drum hoch. Es ist 23.30 Uhr, als Zentimeter neben seinem Kopf der Stick Richtung Boden jagt, den er zwei Sekunden zuvor senkrecht gegen die 15 Meter hohe Decke des Berghain geworfen hatte, ohne hinzugucken. Das Trio oben auf der Bühne wirkt längst entgrenzt, das Publikum seelig.

Dramatische, coole, ironische oder abgründige Posen wie diese gibt es viele bei Shellac-Konzerten. Die Band um den notorisch schlecht gelaunt wirkenden Indierock-Star-Produzenten Steve Albini – der jedes dieser drei Wörter auf das Tiefste verachten dürfte – liebt es, rockistische Posen zu verweigern, wo sie den Live-Gesetzen folgend angebracht wären. Oder sie überhöht sie, wie hier Todd Trainer, bis sie lachhaft wirken. Möglicherweise tun Shellac das, um zu unterstreichen, was sie von dem pathetischen Dienstleistungs-Vergnügungspark halten, als der sich Rockmusik seit Jahrzehnten inszeniert.

Die Abweichung beginnt schon vorne. Damit, dass im ersten Drittel der neunzigminütigen Show einige noch nicht erschienene Stücke zu hören sind. Ein Hinweis auf ein kommendes neues Studioalbum? Vielleicht. Shellac pflegen keine Website und machen keine Promotion für ihre Alben, geschweige denn, dass sie frühzeitig erwähnen würden, wann mal ein neues käme.

Das Erstaunliche an dieser Shellac-Show ist die konsequente Energie, mit der die Band ihre vertrackten, schreienden Noise-Rock-Patterns auf das Berliner Publikum einzuprügeln vermag. 1997 hätte man zumindest noch fest auf sie hoffen dürfen. 2013, Steve Albini ist mittlerweile 50 Jahre alt, aber wirkt sie wie ein hart erarbeitetes, aufgespartes Geschenk an Berlin. Der Stadt, in der Shellac auch am Abend des 11. September 2001 spielten, und der die Band viel verdankt, wie sie vor einigen Jahren im Intro-Interview erzählte.

Das seit Wochen ausverkaufte Konzert lebt von stetem Wechsel zwischen Humor und Wut, Lärm und Stille. Die obligatorischen paar Minuten, in denen Bob Weston auf Zuruf die Fragen der Zuschauer beantwortet (»Warum trägst du schon wieder eine orangene Hose, Bob?« – »Die ist rot! Nächste Frage!«) bringt eine angenehme Nahbarkeit mit sich. Albinis Irrsinns-Monolog im bestimmt 15-minütigen und besten Stück des Abends (»The End of Radio«) schafft hingegen Abgründe, erschüttert das Verhältnis zwischen Band und Zuschauer zum wiederholten Mal.

Shellac-Konzerte bleiben durch diese ständigen Reizwechsel stets dynamisch, unabsehbar und fühlen sich, wenn es gut läuft, irgendwann überwältigend an. Dass man nie genau weiß, wie ernst die Band sich nimmt, regt auch die Zuhörer zum Nachdenken darüber an, was das eigentlich immer für ein komisches Verhältnis ist bei Live-Konzerten - zwischen den paar da oben und den vielen da unten. Im Falle von Shellac jedenfalls stehen weder die großen Rockstars auf der Bühne – auch wenn sie besser klingen als die meisten von ihnen – noch die guten Kumpels. Dort stehen drei Phantome in Rockerkörpern.

Das wird spätestens klar, als die Band wissen lässt, man könne sie auch nach der Show sehr gerne weiter befragen. »Achso«, kriegen es die glücklichen Gesichter im Publikum dann aber umgehend reingedrückt, »wir sind hier ja in Deutschland. Daher der Hinweis, wir möchten explizit keine Fragen beantworten, warum die Bassdrum diesmal vielleicht schlechter klang als bei dem Konzert vor vier Jahren. Wenn ihr unzufrieden seid, kommt daher bitte nicht zu uns damit, sondern schreibt es direkt ins Internet.«

Schwierig, eine Band zu finden, die sich so viel Mühe gibt, all das nicht zu sein, was andere Rockbands gerne wären, um mit ihrer Antihaltung am Ende mehr Erfolg und noch treuere Fans zu haben, als die meisten von ihnen. Rockmusik kann in seltenen Ausnahmefällen tatsächlich noch verwirrend sein.

Wie schön.

P.S.: Die deutsche Vorband Auf war auch sehr gut. Demnächst mehr zu ihr.