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So war's: Hedonismus à la carte

Amsterdam Dance Event 2012

Vom 17. bis zum 21. Oktober stieg in der niederländischen Hauptstadt das weltweit größte Festival für elektronische Musik und Clubkultur. Ein Muss – nicht nur für Electro-Liebhaber.
Geschrieben am
17.-21.10.12, Amsterdam
 
»What unites the citizens of Amsterdam? Politics? No. Football? Maybe. Music? Sure. Electronic music? Yes, definitely!«, schreibt Tom Holkenborg alias Junkie XL im Vorwort des begleitenden Festival-Magazins. Im Schatten der hiesigen Szene sind die Benelux-Staaten für viele immer noch ein blinder Fleck in Sachen Club-Kultur. Eine grobe Fehleinschätzung, wie das diesjährige Amsterdam Dance Event (ADE) einmal mehr beweist. Denn kaum wo sieht ein Festivalbesucher die Ambivalenz aus dezidiertem D.I.Y.-Ethos und kommerzieller Megalomanie besser abgebildet als hier. Bereits am Mittwochabend trennen gerade mal 20 Meter diese beiden Parallelwelten voneinander. Trance-Maestro Paul Van Dyk hält mit seiner prätentiösen Großraum-Perfomance Einzug im Theatersaal des Veranstaltungskomplexes Melkweg, während das familiär geführte Kompakt-Label zeitgleich den Konzert- und Kinosaal für sein Showcase in Anspruch nimmt. Hier stößt man bereits um Mitternacht auf volle Tanzflächen – und auf einen ersten Höhepunkt. Der Brasilianische Kompakt-Act Gui Boratto zieht bei seinem Live-Set alle Register emotional geladener Club-Musik und liefert gleich die Erkenntnis mit, dass ein selbstbewusster Pop-Einschlag eben nicht gleich nach Handtasche und Polohemd klingen muss.



Neben den Club-Showcases bilden beim ADE die Conference und der Playground zwei weitere, wesentlichen Programm-Stränge. Dort darf sich der Besucher bei diversen Workshops, Panel-Diskussionen oder Künstlerinterviews die Zeit vertreiben. Detroit-Legende Jeff Mills plaudert aus dem Nähkästchen, der Dokumentarfilm »Left Fields« beleuchtet die Schwierigkeiten von unabhängigen Künstlern und Akai Professional lehrt den richtigen Umgang mit elektronischen Musik-Equipment. Gegen Abend bietet die Wibautstraat im südöstlichen Teil der Stadt die reizvollste Anlaufstelle. Im TrouwAmsterdam, einem ehemaligen Verlagsgebäude inklusive erhaltener Druckpresse, finden sich in dieser Nacht gleich eine ganze Reihe an DJs und Produzenten der Stunde ein. Mit Sets von Ben Ufo und Pearson Sound wird das Showcase des britischen Labels Hessle Audio zur Chefsache, während Maya Jane Coles im oberen Teil des Clubs zeigt, warum gerade sie als Newcomerin des Jahres gehandelt wird. Eine Ampel-Überquerung und Fahrstuhlfahrt später findet sich der Besucher im Canvas op de 7e wieder. Neben dem großzügigen Panoramablick aus dem siebten Stock hat der Club ebenfalls einen heiß gehandelten Newcomer im Angebot: Erdbeerschnitzel. Der DJ und Produzent mit dem kuriosen Namen veröffentlicht am 16. November sein fantastisches Debütalbum »Tender Leaf« auf dem von Tensnake mitbetriebenen Label Mirau. Der ohnehin gerne wankende Deep-House des Bonners gerät hier irgendwann komplett aus dem Gleichgewicht und rappelt sich plötzlich mit HipHop-Klassikern von Pete Rock und dem Wu-Tang Clan wieder auf.


Mit dem anbrechenden Wochenende scheint das ohnehin schon turbulente Nachtleben weiter an Fahrt zu gewinnen. Satzfetzen in allen erdenklichen Sprachen tönen durch die Gassen, die Schlangen vor den Clubs werden länger und auch die Ordnungshüter zeigen verstärkte Präsenz. Auch an diesem Abend fällt die Planung alles andere als einfach aus. Das MC Theater lockt mit UK Bass-Spezialisten wie Joy Orbison oder Lone, im TrouwAmsterdam garantieren A Made Up Sound und Delta Funktionen düstere wie mächtige DJ-Sets. Die Wahl fällt auf das altehrwürdige Paradiso, in dem Dubstep-Vordenker Benga ein Live-Set zum besten gibt. Die ehemalige Kirche mit ihren ausladenden, sich über drei Etagen erstreckenden Balustraden ist rein architektonisch gesehen schon einen Besuch wert. Subbass und Stroboskop machen den Besuch gar zum surrealen Erlebnis.


 
Nach drei Tagen bleibt vor allem die Erkenntnis, dass kaum ein Festival derart unterschiedliche Impressionen und Erlebnisse produziert wie das ADE. Jeder Besucher stellt sich sein eigenes Programm à la carte zusammen, ein Konsenspfad existiert bei insgesamt 300 Veranstaltungen mit über 1700 Künstlern schlichtweg nicht. Das führt direkt zu dem einzigen Kritikpunkt: Die Informationspolitik des Festivals. Bei einem derartigen Überangebot hätte man sich zumindest ein Tool zur Erstellung eines individuellen Zeitplans gewünscht. In der Praxis ließ sich das umfangreiche Programm allerdings nicht einmal übersichtlich ausdrucken. Auch die Smartphone-App leistete in dieser Hinsicht nur bedingt Abhilfe. In der Gesamtbetrachtung fällt dieses Manko allerdings kaum ins Gewicht, denn ein derart vielfältiges wie hochkarätig besetztes Festival für elektronisches Musik findet man derzeit kein zweites Mal.