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»Full English, please!«

So war es bei Liam Gallagher im Finsbury Park

Am vergangenen Wochenende spielte Liam Gallagher im ehrwürdigen Finsbury Park und brachte einen Haufen befreundeter Acts mit: Wolf Alice, Loyle Carner, die DMA’s, Dream Wife – und sogar Richard Ashcroft. Daniel Koch war vor Ort zum Nachberichten und Christian Hedel hatte die Kamera dabei. Hier unser Nachbericht samt Bildergalerie.

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Um die wahre, simple, schöne Kraft eines Britpop-Konzerts zu fühlen – muss man es leider tatsächlich in England sehen. Das soll jetzt gar keine nationalistische Kackscheiße sein. Ich zehre da nur von eigenen Erfahrungen. Aber gut, vielleicht sind diese traumatisch. Ich musste damals die The Verve-Reunion ausgerechnet auf dem Rock am Ring sehen – wo diese Band direkt nach den Söhnen Mannheims ran musste und deren Publikum leider zu großen Teilen stehen blieb, weil es ja auch »den Hit aus dem Radio kannte«. Auch das Blur-Konzert auf dem Berlin-Festival im Rahmen ihrer Reuniontour war auf Seiten des Publikums geradezu fade, wenn man Albarn und Co. einmal auf dem Glastonbury als Headliner am letzten Abend gesehen hatte. Warum ich hier so weit aushole? Weil ich einfach jedem, der das wirklich gute Liam-Soloalbum mag, empfehle, ihn in England anzuschauen. Wenn schon denn schon! Was im übrigen auch für das Frühstücken in England gilt – da sagt man ja auch: »Full English, please!«

Genau deshalb wollte ich die Chance wahrnehmen, ihn im Rahmen der Finsbury-Park-Konzerte zu sehen, wo jedes Jahr im Juni/Juli kleine Ein-Tages-Festivals stattfinden. Am Tag nach Liam gehört der Park zum Beispiel Run The Jewels, Iggy Pop und dem Headliner Queen Of The Stone Age. Liam selbst – oder sein Team – haben für ein formidables Line-up gesorgt, bei dem man kaum zum Biertrinken kommt. Was ganz gut ist, denn anscheinend wird am Liam-Tag im Park mehr getrunken als sonst, da die Thekenkräfte heillos überfordert sind und man bisweilen 40 Minuten um ein Bier kämpfen muss. Die DMA’s beginnen auf der Hauptbühne und sind immer noch die britischste Band, die je aus Australien rausgekommen ist. Zwar ist deren zweites Album fürchterlich weichgespült und hat kaum noch diese melodieselige Prolligkeit, die ihr Debüt so besonders machte, live entfaltet sich ihr Potential aber noch und die ersten Bierbecher fliegen bereits beim dritten Song. Was ja in England eher als Kompliment zu betrachten ist.

Loyle Carner – einer der besten, den London in Sachen HipHop zu bieten hat – macht die Sache ebenfalls gut und traut sich nur mit DJ im Rücken auf die Bühne dieser Rockveranstaltung. »It’s great that you’re staying with me. I know, you don’t like HipHop.«, sagt er nachdem er seinen Hit »Damselfly« zum Besten gibt, bei dem tatsächlich schon munter mitgegrölt wird. Wolf Alice haben im Anschluss leider einen etwas schwierigeren Stand, was ausdrücklich nicht an Ellie Rowsell und ihren Kollegen liegt. Es wird munter gejubelt, aber dennoch hätten Wolf Alice es irgendwie verdient, dass ein paar Leute mehr bei Knallern wie »Don’t Delete The Kisses« und »Beautifully Unconventional« mitsingen. Aber vielleicht – no offense, mates! – sind die lyrisch einfachen einen Tacken zu gut und zu vertrackt, als dass man sie an einem bierseligen Sonnenbrandabend wie diesem mitsingen kann.

A propos Mitsingen: Das geht dann plötzlich von der ersten bis zur letzten Zeile für die nächsten knapp 30 Minuten. Weil Liam noch eine Überraschung in petto hat, über die im Vorfeld schon gemunkelt wurde: Plötzlich steht Richard Ashcroft mit einer Akustikgitarre und einem Glitzersakko auf der Bühne und haut die Verve-Hits raus. Man kann und darf laut überlegen, ob es eine Freude für ihn ist, dass da ein Publikum steht, das so gar keinen Bock hätte, sein aktuelles Werk zu feiern, andererseits muss man manchmal vielleicht auch einfach die Nostalgie umarmen und liefern, was gewünscht ist. »Sonnet«, »Lucky Man«, »The Drugs Don’t Work« und eine akustische Version »Bitter Sweet Symphony« sind und bleiben jedenfalls Jahrhundertsongs – und wer es geschafft hat, die alle auf einem einzigen Album unterzubringen, der kann es verdammt nochmal auch genießen, dass er sie auch heutzutage noch mit rund 50.000 Leuten gemeinsam singen kann.

Eine gute Überleitung zu Liams Konzert, wie ich finde. Denn bei ihm ist es ähnlich: Zynisch und/oder realistisch betrachtet ist das hier eine Nostalgieveranstaltung, bei der man einem längst vergangenen Jahrzehnt nachspürt. Und trotzdem: Man muss es ja auch erstmal schaffen, dass sich das dann fast ein wenig wie der »real deal« von damals anfühlt. Und das gelingt Liam inzwischen besser als Noel – auch wenn der das nicht gerne hört. Scheißegal, wer die Songs geschrieben hat: All diese Oasis-Kracher will man eben mit Liams nasalem Raspelröhren hören, weil sie erst so ihre Kraft und ihre Seele entfalten. Und wenn man die heimische Crowd mit zwei Übersongs angefixt hat, kann man ihnen auch mal eine Handvoll der eigenen Songs unterjubeln, bis dann alle im Freudentaumel »Wall Of Glass« mitbrüllen, pardon – singen und die Lautstärke des Publikums trotzdem auf Oasis-Level ist.

Lautstärke ist dann auch ein gutes Stichwort: Die ist an dem Abend ein wenig mau, was vielleicht gar nicht so sehr wundert, wenn man bedenkt, dass der Finsbury Park mitten in der Stadt liegt. Und so bleibt eben mehr Raum für die Goldkehlen der Engländer, die mich dann wieder zu meiner Einstiegsthese führen: Die klingen nämlich nur dort so wundervoll in den Ohren. Noel kommt natürlich nicht (er reibt sich irgendwo bei einem teuren Whiskey die Hände und rechnet im Kopf die Tantiemen durch, die er für den Abend bekommen wird), is’ klar, dafür schaut aber Bonehead im Zugabenteil vorbei. Und Liam, der clevere Bastard, haut sogar noch einen raus für die Geschichtsbücher: Zum ersten Mal seit 1996 singt er live die geradezu kultisch verehrte »Shakermaker«-B-Seite » D'Yer Wanna Be A Spaceman?«. Tja, was kann doch kommen? Ach ja: Ein »Wonderwall«, das an diesem Abend, mit dieser Crowd, mit dieser Band gar nicht mehr kitschig wirkt. Auch das, funktioniert wohl genau so nur genau hier. Und jetzt alle: »And maybeeeeeeeeeee ...«

Die Setlist:

Intro:
Manchester City Champions Chant und Fuckin' in the Bushes (Oasis Song)

reguläres Set:
Rock 'n' Roll Star (Oasis song)
Morning Glory (Oasis song)
Greedy Soul
Wall of Glass
Bold
For What It's Worth
Bring It on Down (Oasis song)
Listen Up (Oasis song)
Slide Away (Oasis song)
I've All I Need
Whatever (Oasis song)

Zugabe:
Supersonic (Oasis song) (mit Bonehead)
Some Might Say (Oasis song) (mit Bonehead)
Cigarettes & Alcohol (Oasis song) (mit Bonehead)
Live Forever (Oasis song)
D'Yer Wanna Be a Spaceman? (Oasis song) (Zum ersten Mal seit 1996 wieder von Liam gesungen)
Wonderwall (Oasis song)

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