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Lärm und Liebeslieder

So war die Ritournelle 2016

Unter dem treffenden Motto »Noise + Love Songs« öffnet die Ritournelle für zwei Monate Kunst und Theater im Ruhrgebiet wieder die Pforten der Ruhrtriennale. Inmitten von Installationen und Industrie-Überresten reicht das Spektrum des Line-Ups von experimenteller Musik über eine Lesung von Jens Balzer bis hin zum Auftritt der Electro-Clash-Ikone Peaches.
Geschrieben am
13.08.2016, Bochum, Jahrhunderthalle  

Lena Willikens muss die lässigste DJ sein, die Bochum je gesehen hat. Mit riesiger Brille, Bier und Kippe in der Hand bringt die Kölnerin die Besucher der Ritournelle im Abenddunst dank ihrer Kunstfertigkeit an den Platten zum Tanzen. Sie performt auf dem Goethebunker-Floor im Außenbereich der Jahrhunderthalle, wo der gleichnamige Essener Club gastiert.  

Die ewig faszinierende, richtiggehend romantische Zusammenkunft von Industrie und Kultur – an diesem Abend Popkultur – kann wohl nur im Ruhrgebiet so liebevoll gestaltet werden. Um und in der Jahrhunderthalle in Bochum, die einst als Ausstellungs- und Gebläsemaschinenhalle fungierte, findet wieder der Auftakt der Ruhrtriennale statt, die traditionell in ehemaligen Industriestätten im Ruhrgebiet stattfindet. Das zieht nicht nur die erwarteten jungen Leute an - unter sie mischt sich auch ein Publikum, das eher nach Ruhrtriennale-Dauerkarte aussieht.


Nach den warmen und stacheligen Klängen von Lena Willikens und einer kurzen Pause bei der Lesung von Musikjournalist Jens Balzer geht es in die Jahrhunderthalle auf der Main Stage weiter. Dort legt Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never seine jenseitige und zwielichtige Musik auf, passend zur Dämmerung, die noch schwach durch die Glasdecke leuchtet. Das Stroboskop harmoniert nur stellenweise mit der spannungsgeladenen Intensität dieser Performance, die gewisse melodische Soundtrack-Qualitäten besitzt. Lopatin ist unter anderem für manche Sounds auf Anohnis neuer Platte mitverantwortlich.   

Dass Peaches mit ihrer Performance dann locker alle anderen Künstler in den Schatten stellt, ist nicht überraschend. Die kanadische Künstlerin ist seit 16 Jahren dafür bekannt, mithilfe von Electro-Clash-Sexshows Geschlechterproblematiken auf die Spitze zu treiben. Leider hat sie diesmal den riesigen, durchsichtigen Penisballon nicht dabei, in welchem sie beim Melt!-Festival im Juli zu »Dick In The Air« auf die Bühne schwebte. Aber ihre fast nackten Tänzer – ein Mann, eine Frau – kompensieren diese Abwesenheit allemal. Peaches macht Shows, die einerseits radikal in ihrer drängenden Aussagekraft, andererseits aber auch vollkommen unterhaltsam sind. Vor der Zugabe bekommen die vorderen Reihen im Publikum noch eine regnerische Ladung Schampus frisch aus dem Mund der Künstlerin serviert.


Das Berliner Trio Moderat, besonders beliebt für seine elektronischen Sounds, geht danach in eine andere Richtung: Es wird eher ernst und dunkel in der fast vollen Jahrhunderthalle. Die schwarzweißen Visuals ergänzen die durchaus melancholische Message ihrer Songs. In der Turbinenhalle am Rücken der Jahrhunderthalle wird derweil das 20-jährige Jubiläum des Chemnitzer Labels Raster-Noton und seiner Vorgänger gefeiert. Dort zeigt etwa Grischa Lichtenberger seine Fertigkeit am Mischpult sowie seine begleitenden Visual Arts, was leider nur recht wenige Leute anlockt.   

Währenddessen wird auf dem Goethebunker-Floor der spätere Teil der Nacht mit Deep House von Âme eingeleitet und später von Ben UFO aus London perfektioniert. Darüber thront der rot angeleuchtete Wasserturm der Anlage im Nachthimmel. Hier sammeln sich diejenigen, die auf die reizende Retro-Disco in der Blockhütte, auch genannt Refektorium, verzichten möchten – obwohl sich dort riesige, etwas gruselige Kunstköpfe aus Draht ohne Taktgefühl zur Musik bewegen. Diese Mischungen machen den besonderen Reiz der Ritournelle und auch der Ruhrtriennale aus. Es ist ein Spagat zwischen Pop- und »Hochkultur«, wobei trotz des Fokus’ auf Letztere beide Pole als gleichwertig angesehen werden können.