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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

So war der Sonntag: No Sex at the Bar!

Hurricane 2012

Die Antwoord und Kraftklub sprengen die Erwartungen, Zebrahead erklären ihre Pubertät für noch nicht beendet und Die Ärzte hatten beim Southside garantiert ein glücklicheres Publikum. Jetzt alles über den Tag, als das Wasser kam
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Endlich hört das auf mit dem Staub: Der Regen ist da! Zart klopft er in den frühen Morgenstunden ans Zeltdach und fragt, ob er bleiben kann und leider war noch niemand wach, um zu widersprechen.Dabei kam er nicht mal unangekündigt, denn hätte jemand am Vortag den Männern vom Bungee-Kran zugehört, die anscheinend über ein ausgefuchstes meteorologisches Frühwarnsystem verfügen, hätte man sich darauf einstellen können. So be it oder besser: fuck it. Gaffa und der Müllsack sind dein Freund, neuester Modetrend: Zieh einfach dein Zelt an (gern auch als Gruppenperformance)!

Derart gewandet kann man dann auch schon um 12 Uhr nachsehen, wie’s Mutter geht. Völlig unerwartet: Es gab noch Platz vor der roten Bühne. Den Euphemismus abgeschworen, könnte man sogar sagen: Mutter hätten auch zuvorkommend sein können und die Fans mit auf Bühne ins Trockene holen können und trotzdem wäre sich niemand ins Gehege gekommen und auch der Stage Manager wäre wahrscheinlich relaxed geblieben.

Zebrahead denken da schon mehr an ihre Fans, vor allem die weiblichen. Sie haben eine Bar auf der Bühne, der Barkeeper singt sogar mit, während er die jungen Damen begrüßt, die für die Band auf die Bühne gebeten werden. Und denen verkünden Zebrahead dann auch die Hausordnung, die anscheinend hauptsächlich durch Mangelerscheinung inspiriert geschrieben wurde: § 1 No Sex at the bar! § 2 No Scissoring (bitte im Kamasutra nachschlagen) usw. Kalifornien übernimmt, Lagwagon, Mad Caddies - sie alle teilen sich ein Publikum, dennoch leider nicht die Wolken.

Ein Westcoast-Wunder abzuwarten wäre aucht fatal, denn jetzt gehen die beiden anscheinen unterschätztesten Bands des Festivals auf die kleinere rote Bühne, um dort die Kapazitätsgrenzen zu sprengen: Die Antwoord und Kraftklub. Diese Bühne offen zu bespielen war ein guter Ansatz für dieses Jahr, aber wie schon bei Casper am Eröffnungstag, lässt sich sagen: Diese Acts können definitv schon mit späteren Slots auf einer größeren Bühne umgehen. Es sind die Bands der Stunde. »Wenigstens das Wetter hält sich«, flachst Kraftklub-Sänger Felix Brummer, doch niemals an diesem Tag wird der Dauerbeschuss von oben so egal sein wie jetzt. Selbst auf dem angrenzenden Weg entlang des Geländes stehen Festivalbesucher dicht gedrängt, blockieren jede Durchfahrt und versuchen einen Blick über den mit Plane abgespannten Heraszaun zu ergattern. Felix vergisst auch diesen Publikumsteil nicht, das lässt die Herzen höher schlagen. Wer will schon im Schlamm steckend vergessen werden?

Derweil beginnen K.I.Z. auf der blauen Bühne ihr Set und ähnlich wie gestern bei Madsen und Thees Uhlmann kann man sich fragen: Teilen die sich nicht ein Publikum? Warum muss sich das Publikum teilen? Um nicht weiter ins Grübeln zu kommen, legt man bei K.I.Z. die tropfnasse Hand auf das vor Bewegung pochende Herz und singt die Nationalhymne - »Hurensohn«. Bei der Show von Boy legt sich die Euphorie wieder. Gegen die Schlechtwetter-Front kann das akustische Schaumbad der Band nicht anklingen. „Aber es regnet doch gar nicht!“, meint Sängerin Valeska Steiner und versucht die Stimmung auf zu hübschen. Es bleibt beim Versuch.

Einen Augenblick später sieht sich M. Ward auf seiner Zeltbühne, der White Stage folgender Situation ausgeliefert: Der gerade wieder aufdrehende Regen spült haufenweise Besucher herein, die ganz bestimmt nicht wegen ihm hier sind. Beide Parteien sehen sich etwas missmutig an, es hat etwas von einer Zwangsheirat. Ward versucht sein Publikum mit lakonischem Spott zu provozieren, muss das aber schnell aufgrund überwiegender Ignoranz der ungebetenen Gäste wieder aufgeben. Es könnte jetzt auch Bob Dylan auf der Bühne stehen, die Geschichte würde analog verlaufen. Alles wirkt wie ein Stadtfest, aber das hier ist garantiert keine Stadtfestband. M. Ward und die von ihm angeschleppten, etwas älteren Mutiinstrumentalisten ziehen ab jetzt einfach ihren Stiefel durch und landen Achtungserfolge. Man einigt sich schließlich auf »Roll Over Beethoven«, da können dann auch alle drauf tanzen, ein beinahe surrealer Moment.

Dann plötzlich ein Wunder: Bei Kettcar reißt für die Dauer eines Auftritts der Himmel auf und die Sonne lacht. Marcus Wiebusch, der heute nicht ganz so fit ist, nimmt das Trostpflaster gern an, überlässt die Ansagen aber gern Reimer Bustorff und der freut sich wie ein Kind über all die Bühnenmarkierungen, die unter ihm den Boden pflastern. Hier stand Robert Smith, da kommt später Bela B. hin usw. Schön, wenn man entspannt genug ist, um solchen Aspekten in diesen Momenten Raum zu geben, man ist ja schließlich auch zum Genießen gekommen.

Doch zurück in die harte Realität. Für Kettcar scheint die Sonne, danach ist Schluss mit lustig. New Order, Beirut, Fritz Kalkbrenner und Die Ärzte gehen mit ihren parallel laufenden Auftritten quasi Hand in Hand durch den Regen. Beirut kämpfen zwar weniger mit dem Wetter, dafür umso mehr mit der Lautstärke der Nachbarn New Order, die scheinbar ihre Amps auf elf gedreht haben. Die Ärzte aus Berlin (aus Berlin!) kommen zwar zu spät auf die Bühne, hängen dann aber an ihre vereinbarten zwei Stunden Spielzeit am Ende noch eine gute gelaunte halbe Stunde an – »Hip Hip Hurra!« Ein schönes Schlussbild, das allerdings nur noch ein Teil der diesmal 73.000 Besucher sieht, die anderen sind einfach schon mal vorgefahren.

Alle Fotos und News gibt es unter intro.de/hurricane