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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

So war der Samstag: Sonnenbrand als schlimmster Feind

Haldern Pop Festival 2012

Sonntag ist am Niederrhein noch Ruhetag, deshalb schließt das Haldern Pop Jahr für Jahr am Samstag. Auch wenn der letzte Tag des Festival wieder so entspannend wie reizvoll war, ist das voll okay. Wir alle müssen ja mal schlafen.
Geschrieben am

Dieses Jahr hat sich Intro den wohl kompetentesten Sachverstand ins Haus geholt, den man in Haldern haben kann: Stefan Honig führt unser Festival-Kamerateam mit der Erfahrung aus zehn Jahren Haldern-Hardcore-Camping an seine Lieblingsorte, bevor er samstagnachmittags mit seinem Bandprojekt »Honig« erstmals selbst auf die Bühne des Spiegelzeltes muss. Alles kommt auf den Tisch: Campingplatz-Jams, Weltuntergänge, verschluckte Wespen. Und natürlich unzählige unvergessliche und leider auch vorm Zelt vertrödelte Konzerte. Einen Teil davon gibt es sehr bald an dieser Stelle in Wort und Bewegtbild.
 
Ab davon strahlt auch am dritten Tag am Niederrhein die Sonne über dem Festival. Eine nur angemessene Entschädigung für das vergangene Jahr, das weitestgehend in Regen und Schlamm versank. Und wenn wir von Schlamm in Haldern reden, reden wir von viel Schlamm.


 
So, wie es jetzt ist, macht es alle glücklich. Die Veranstalter sowieso, sie gondeln tiefenentspannt mit Fahrrad oder altem Golf über die Pattwege rund um das Gelände. Die Besucher natürlich auch, denn sie müssen sich höchstens darum sorgen, wie sie den scharlachroten Sonnenbrand auf der Nase wieder heil bekommen. Und selbstverständlich auch die Bands. Die spielen in Haldern immer vor einem befriedigend großen Publikum, das – und das ist noch besser – tatsächlich aufmerksam lauscht, anstatt grölend sich selbst zu feiern.


Manch eine Band muss erst lernen, dass euphorische Reaktionen beim Haldern-Publikum keine Selbstläufer sind. Erst dann wissen sie zu schätzen, dass das hier ein Festival ist, bei dem Musik tatsächlich genossen, kennengelernt und mit dem eigenen Geschmack abgeglichen wird. Ausnahmen bestätigen die Regel, und eine dieser seltenen Ausnahmen sind Team Me. Die norwegische Big Band mit dem so hymnisch-mitreißenden Indie-Sound hopst unisono wie Duracell-Hasen über die Bühne, und selbst die gemütliche Haldern-Crowd kann nicht anders als mitzuhüpfen. Die Band ist zwar jung, aber zweifelsohne so gut, dass man sie auf einem Festival wie diesem schon bald auf einer Headliner-Position wiedersehen könnte.
 
Das Gegenmodell stellt der US-Songwriter Damien Jurado dar. Er steht allein auf der Bühne des Spiegelzeltes, obwohl gerade die letzten Alben in seiner fast 20jährigen Release-Karriere durchaus voll instrumentiert waren. Dass Jurado aber eigentlich Solokünstler ist, merkt man gleich. Alte wie neue Songs besitzen soviel Seele und melancholische Schönheit, dass sie auch von ihm allein interpretiert perfekt funktionieren. Danach machen die Tune-Yards mit ihren enthusiastisch in Sechszehntel zerhackstückten Song-Mosaiken wieder die Kehrtwende und spalten die Zuhörer in Tanzen, Staunen und kopfschüttelnd Abdrehen. Danach Megafaun mit ihrem warmen und ruhigen, wohlüberlegt und gekonnt instrumentierten bluesigen Folk. Es gibt so viel hier, und alles besitzt viel von dieser herzlich konservativen Kategorie namens »Qualität«.
 
Dass es der diesjährigen Ausgabe vom Haldern Pop an echten Headlinern mangelt, ist bloß eine zu vernachlässigende Fußnote. Zu den wenigen Ausnahmen gehören zweifelsohne die Afghan Whigs. Die alte, reformierte Dulli-Band zieht in der letzten Nacht vor allem Siebziger-Jahrgänge vor die Hauptbühne und zeigt ihren charismatischen Frontmann in einer Form, die man ihm noch vor wenigen Jahren nicht mehr zugetraut hätte. Dass alte Fans schwelgen ist geschenkt und etwa so schwierig, als würde man Fische aus einem Eimer fangen. Die Afghan Whigs beweisen mit ihrem souligen Neunziger-Rock aber noch mehr: Man kann der Band einiges vorwerfen – ihre Songs klängen durch immergleich Gitarreneffekte und Harmonien alle gleich, oder die sehr männliche Hetero-Perspektive der Texte – eines aber hebt sie von allen Bands ihres Jahrganges ab: Ihre Musik klingt so frisch wie ein Jungbrunnen, so gar nicht abgestanden wie Brackwasser. Das kann, trotz der sich noch anschließenden Auftritte der tollen Wilco und Alt-J, durchaus als grandioser Schlusspunkt eines wieder mal unvergleichlich schönen Haldern Pop stehenbleiben.