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So war der Samstag: D.I.Y.-Beats prall wie Wasserbomben

Reeperbahn Festival 2012

Die Reeperbahn tobt, es ist Wochenende. Zwischen Freudenmädchen und Laufhäusern zwängt sich das Reeperbahn Festival und ruft nochmal sein volles Potenzial ab: Neuentdeckungen, alte Helden und sogar eine Demonstration!
Geschrieben am
15:30 Uhr, Plattenrille
Ein Besuch in Hamburg ist nicht vollständig, ohne einen der zahlreichen Plattenläden aufgesucht zu haben. Die Wahl fällt auf die Plattenrille in Uni-Nähe, ein Laden, der sich als wahr gewordener Traum eines jeden Schallplattenfreunds beschreiben lässt. Gut sortierte Kisten, arrangiert fast wie in einer Bibliothek. Dazu Plakate, Cover, Sehenswürdigkeiten. Wer hier eine Frage stellt, muss sich darauf einstellen, dass ihm tatsächlich geholfen wird. Gucken, hören, fühlen. Ein guter Start in einen weiteren Tag im Zeichen der Musik.

16:30 Uhr, Clouds Hill Recordings Studio
Reeperbahn Festival ist lang nicht nur St. Pauli. Auch drum herum gibt es eine Reihe Veranstaltungen, Konzerte, Partys, Fan- und Businesstreffen. Für den Nachmittag hat das Label Clouds Hill Recordings in ihr Anwesen in Rotenburgsort geladen, direkt an der Elbe gelegen. Man kommt viele Treppen hoch, dann tritt man in ein Labyrinth. Hinter einer Tür nehmen Turbostaat gerade ihr neues Album auf, hinter einer anderen fahren Kameras um eine Band herum, die einen enorm anregenden, sowohl krautigen als auch seelenvollen Sound spielt: Die Band heißt The Building, das Internet verrät über sie kaum etwas, am Schlagzeug sitzt einer, der früher in der Hamburger Garage-Band Tigerbeat spielte. Die Songs sind ausladend, aber auch fein ziseliert und werden von den Franzosen des Videoblogs La Blogotheque mitgefilmt. Ein Album ist fertig und soll bald erscheinen, dann sollte auch das Internet etwas ausspucken.



16:40 Uhr, Spielbudenplatz
Das Festival beginnt als Volksfest. Auf dem Spielbudenplatz kann man gratis und ohne Festivalbändchen einige Konzerte sehen, weshalb sich bereits am Nachmittag ein gemischtes Publikum aus Touristen, Hamburgern und Festivalbesuchern einfindet. Vermutlich rastet mancher hier, um der auffällig hohen Dichte an Junggesellenabschieden aus dem Weg zu gehen, die grell kostümiert und Bierschweiß aus jeder Pore tropfend die Reeperbahn hoch und runter walzen.

20:07 Uhr, Indra
Zeit für den ersten Auftritt. Ab ins traditionsreiche Indra. Im Stehen zu trommeln scheint dieses Jahr in Mode zu sein. Karin Park tut es, Citizens! tun es und nun auch einer von zwei Begleitern, mit denen Indians auf der Bühne steht. Der Däne mischt glucksenden Synthie-Dreampop mit Nixengesang. Das ist eher verschlafen, als verträumt und vieles klingt wie kurz vor dem Ertrinken. Außerdem mag der Musiker lange vor sich hin mäandernde Intros und Outros. Mehr als höfliches Wohlgefallen löst das beim Publikum nicht aus. In den vorderen Reihen wird sich um Aufmerksamkeit bemüht, aber im Hintergrund schwillt der Gesprächspegel an.

20:45 Uhr, Gruenspan
Ein Viermaster fährt über raue See. Und fährt und fährt. Vielfältig sind die Visuals der isländischen Band Immanu El zwar nicht, dafür aber stimmungsvoll. Und im Gruenspan kommen sie endlich mal voll zur Geltung, anders als in den kleinen Clubs, in denen die Band sonst spielt. Und da das junge Quintett sowieso einen Breitwand-Postrock der atmosphärischen Sorte spielt, passt das gut und ist zumindest als Variante der anderen auf dem Festival vertretenen Stilarten sehr wohltuend. Vielleicht wird die Band bald ja auch groß genug, um immer so für sie stimmige Bedingungen zu haben. Die Leute im Gruenspan sind jedenfalls angetan, auch wenn es ob der frühen Spielzeit noch nicht sehr voll ist.

21:00 Uhr, Café Keese
DENA ist nicht alleine gekommen. Sie hat ANA mitgebracht. Gemeinsam kochen sie mal kurz das Reeperbahnfestival auf. Zwischen Cool und Trash rappt DENA im Slowflow während ihre D.I.Y.-Beats prall wie Wasserbomben aus den Boxen knallen. Von der Bulgarin, die in Berlin lebt und mit charmantem Ostblock-Akzent ihre Ansagen macht, gab es bisher nicht viel mehr zu sehen, als das Video zu »Cash, Diamond Rings, Swimming Pools«. Trotzdem schwappt die gute Laune direkt auf jeden über, der reinkommt. Die Arme sind oben, die Knie gebeugt, wir bouncen nach links, wir bouncen nach rechts. Und dann noch die fetten 90er House-Beats abfeiern, die DENA ganz ungeniert in ihren Sound mixt. Rhythm is a Dancer und DENA unbedingt im Ohr zu behalten.

21:08 Uhr, Kaiserkeller
Die Temperatur steigt. Nach den ersten Stücken kann man förmlich zusehen, wie Monti Fiori ihr Publikum einwickeln und fest umklammern. Die Band aus Tel Aviv inszeniert sich als italienische 50er Combo mit schmalen Krawatten und Fliege. Die fünf Musiker gehen in ihren Rollen auf und zelebrieren bei ihrem zweiten Deutschlandauftritt überhaupt eine Show aus Surf, Swing, Balkan-Pop und Rockabilly. Charmant, charmant!

21:25 Uhr, Große Freiheit 36
Die Große Freiheit ist an Abenden des Wochenendes die Hölle. Wie gut, dass man in den legendären Liveclub bei Hausnummer 36 fliehen kann. Dort spielen The Wedding Present mal wieder ein aktuelleres Set, und nicht wie zuletzt bei diversen Festivals einer ihrer Classic Alben. Weil es davon ein paar gibt, ist diese Band zu Recht legendär, auch wenn ihre Songs zuletzt desöfteren der Beliebigkeit anheim fielen. So auch heute: Die speckige Holzverkleidung der Seitenwände der Großen Freiheit sehen und hören viele Songs mit den immergleichen Gitarreneffekten, denen aber das Genialische im Songwriting fehlt, das David Gedge und seine wechselnden Bandbesetzungen sonst auszeichnete. Dementsprechend verhalten ist die Euphorie in der verhalten gefüllten Halle.

21:42 Uhr, Imperial Theater,
»What?«, Nigel Wright blickt verständnislos ins Publikum. Der Amerikaner erzählt gerne Anekdoten zwischen seinen Songs, kann die Reaktion aber wegen der Stöpsel in den Ohren nicht hören. So auch nicht die „Awesomes“, die man ihm entgegen ruft. Wenn der junge Mann redet, lachen alle über seine Scherze. Wenn er singt, verschlägt es ihnen die Sprache. Erst 18 Jahre alt ist Wright, hat aber die Whiskey gefärbte Holzfällerstimme eines Musikveteranen. Mit der singt er vom Blues angehauchte Singer/Songwriter-Stücke, mal zur Akustik- mal zur E-Gitarre. Awesome! Erst recht, wenn er Leonard Cohens »Hallelujah« in bester Jeff Buckley Manier covert. Nach dem Konzert macht Nigel Wright noch ein Foto für Mama daheim in Georgia. Darauf zu sehen: Lauter neue Fans.  

23:20 Uhr, Große Freiheit 36
Jon Spencer gibt sich das volle Programm. Am Nachmittag hat er noch die Besucher des Hamburger Plattenladens Zardoz mit einem erstaunlich rockigen und verstärkten Set überrascht, abends stellt er sich mit seinem unkaputtbaren Trio The Jon Spencer Blues Explosion auf die Bühnenbretter der Großen Freiheit 36. Für sein fortgeschrittenes Alter und Jahrzehnte im Zeichen des Rock’n’Roll sieht Spencer erstaunlich vital aus, und so agiert auch seine Band. Die Blues Explosion schreddert den Blues immer noch auf eine erhebende und unverwechselbare Art, auch wenn sie sich den Zwängen des Rock nicht entziehen kann. Die vielen alten Fans im Publikum wollen ältere Songs hören, die Spencer & Co. verständlicherweise aber nicht zentral ins Set stellen wollen. Trotzdem: Toll, dass diese Band ihre Relevanz trotz der mittlerweile 21 Lebensjahre nicht verloren hat.

23:21 Uhr, Café Keese
Der Bart akkurat frisiert, das Hemd bis oben zugeknöpft, Clock Opera-Sänger Guy Connelly sieht eher nach Amish-Prediger, als nach Popstar aus. Dazu passt auch die regelmäßige Geste der gen Himmel ausgebreiteten Arme. Aber er hat ja Recht: Hier beten ihn alle an. Zusammen mit seinen drei Bandkollegen spielt er beat-schwitzenden Dreampop. Ein Widerspruch? Nein, ein Wunder. Das Publikum erregt sich in Jauchzern, Pfiffen, Grölen. In den ersten Reihen wird so wild getanzt, dass der Autorin ihre Notizen aus der Hand fallen. Ein phantastischer Auftritt auch deshalb, weil die Band blind miteinander agiert. Bass, Drums, Gesang und Synthesizer begleiten die entrückten Ooooooohhhhh-Vokalisen Connellys, die auch das Publikum ergreifen. Und das Beste: Man nimmt der Band die Ekstase total ab. Kein aufgesetztes Mackertum, kein Popstargepose. Eben echte Erwecker-Qualitäten.   

23:55, Reeperbahn
Plötzlich versiegt der sonst nie abebbende Strom an Autos auf der Reeperbahn. Erst kommt ein paar Minuten gar nichts, dann läuft laute Musik, Electro und Stimmen. Dann erscheint ein LKW im Blickfeld, auf dessen Ladefläche Leute tanzen, und dahinter noch einige mehr. Was aussieht wie die Wiederauferstehung der Loveparade, ist eine dieses Mal echte Demonstration, nämlich gegen die GEMA-Reform, unter dem Titel »Gemeinsam gegen GEMAinheiten«. Vom Wagen aus kündigt jemand an, dass die Lichter der Großen Freiheit aus diesem Grund für zehn Minuten ausgehen sollen. Die Reeperbahn mit all ihren Bewohnern macht also auch politisch mobil, und beweist Ausdauer: Das ist nicht die erste Aktion gegen die Reform, die Clubs eine deutlich höhere Pauschale für die in ihnen gespielte Musik aufbürden will.

0:18 Uhr, Molotow Bar
Das erste Stück ist kaum verklungen, da fließt der Schweiß in Bächen die beschlagene Fensterscheibe der Molotow Bar hinunter. Love A aus Trier starten zu einem treibenden Set voller Akkord gewordener Cleverness. Gitarren wie Rasenmäher, eine Stimme, die Reihenhausbesitzer die Polizei rufen lässt, das Schlagzeug trocken und der Bass irgendwann mit einer Seite weniger. Besser kann man kaum abliefern. Die Menge feiert und singt mit. Nach KMPFSPRT und Frau Potz sind Love A bereits die dritte Band des Festivals, die zeigen, dass Punk Rock in deutscher Sprache im Jahr 2012 ein Grund zur Freude ist.