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So war der Mittwoch: Hebebühne über allen

Øya Festival 2011

Während die anderen Festivals des Wochenendes noch aufbauen, stehen in Oslo schon die ersten Bands auf der Bühne. Mit dabei: Destroyer, Sharon Jones, James Blake und Kanye West.
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So richtig viel Mittelalter lässt sich in Oslos Middelalderparken auf den ersten Blick nicht finden. Über die paar Grundmauern kann man als Kölner jedenfalls nur müde lächeln. Besser als in Köln ist aber dieses: Hier sind die Ruinen nicht unter Glas, sondern frei begehbar. Die Einheimischen gehen sogar so sorglos mit ihnen um, dass man ein Rockfestival direkt nebenan veranstalten kann.

Das Øya Festival existiert seit 1999 und muss als reine Erfolgsgeschichte bezeichnet werden. Mittlerweile schauen sich 85.000 die vier Tage Festival, den vorangestellten Club Day und die fünf Club Nächte an. So richtig mag man an diese Zahl aber nicht glauben, wenn man das Festivalgelände direkt am Oslo Fjord überblickt. Der Bereich ist überschaubar groß und nicht gerade überfüllt, im Gegenteil ist das Vorankommen immer entspannt, und die Grasnarbe hält selbst bei Regen, wie an diesem ersten »offiziellen« Festivaltag.
 
Unterstrichen wird diese lau zurückgelehnte Atmosphäre von Destroyer, der ersten größeren Band des Mittwochs. Der bisherige Festivalsommer hat schon gezeigt, dass die Kanadier um Dan Bejar nicht die großen Entertainer vor dem Herrn sind, sondern ziemlich faul und frei von Enthusiasmus ihre unbestreitbar schönen Songs runterspielen. Ähnlich nüchtern geben sich James Blake und Band ein wenig später, die aber zugegebenermaßen auch eine Ochsentour seit Januar hinter sich haben und einfach nicht mehr die totale Emphase in ihre hundertmal gespielten Stücke legen können. Immerhin haben sie ihren Bass, der drückt wie eh und je und den Norwegern das gewünschte Gefühl von Körperlichkeit vermittelt.
 
Mehr Profi ist da schon Sharon Jones mit ihren Dap Kings (Foto). Auch sie haben schon einen langen Festivalsommer hinter sich. Davon merkt man der Soul-Queen aber kaum etwas an. Stattdessen spielt sie ihre höchst amtliche Show, die jeden bisher Unbekehrten sofort für sich einnimmt und die Big Band zum zur Zeit besten Soul-Act überhaupt macht. Diesem Charme kann sich auch Kanye West nicht entziehen, der kurz mal reinschaut, bevor er sich selbst auf seiner eigens installierten Hebebühne versteckt, um ein amtliches Intro für seine eigene Headliner-Show zu bieten. Kanye ist, wie man aus Funk und Fernsehen weiß, größer als das Leben, und er selbst weiß das auch. Auf der Bühne hat er eine Armada an Tänzerinnen und an den Seite superkühle Keyboarder, die ihm ein facettenreiches Umfeld bieten, um an eine Jacko-Animation die Credibility des wahren HipHop und daran multimedialen Größenwahn zu reihen. Kanyes Show ist eine Riesenproduktion mit einem Overkill an Reizen gerade zu Beginn, der aber im Laufe der Show zunehmend verflacht. Dass man als Rapper auf einem Rockfestival eigentlich nur mit voller Band gewinnen kann, hätte Kanye von seinem Kollaborationspartner Jay-Z lernen können. Vielleicht nächstes mal, bei Kanyes Händchen für große Inszenierungen wäre das nicht verwunderlich.
 
Zu den Morden von Oslo und Utoya sagt von den gesehenen Acts übrigens nur James Blake etwas. Seine drei Sätze Bedauern und die Freude darüber, dass die Osloer Einwohner trotzdem Popmusik genießen können, kommen zäh wie Kaugummi, zeigen so aber noch deutlicher das aufrichtige Anliegen, das Blake diese Ansprache ist. Die Osloer wissen seine Anteilnahme zu schätzen und prosten ihm kollektiv zu, auch das ein schräges Bild. Kanye West hingegen sagt – nichts. Ist vielleicht auch besser so, angesichts seiner umstrittenen Äußerungen der jüngeren Vergangenheit. 
 
Heute geht es beim Øya mit Guided By Voices, Shabazz Palaces, Fleet Foxes, Explosions In The Sky, Aphex Twin u.a. weiter.