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So war der Freitag: Mit astreinen Hip Shakes

Reeperbahn Festival 2012

Zweiter Tag auf der Reeperbahn. Nach dem noch etwas verhaltenen Donnerstag geht das Festival-Line-up an diesem Tag in die Vollen: Wintersleep, KMPFSPRT, Honig, Japandroids: Ein guter Auftritt jagt den nächsten!
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15:15 Uhr, Hörsaal
Eine gemütliche Location haben sich die Kanadier ausgesucht, um zwei Tage lang ihre Bands zu präsentieren. Allein 17 davon treten hier beim Showcase Canada House auf. Mittags sind This Sound Will Save You, ein Duo aus Halifax, dran. Leider wenig überzeugend. Die Sängerin stöckelt piepsstimmig über die Bühne, als hätte man sie einem drittklassigen Karaoke-Schuppen um die Ecke entwendet, und die fürs Liveset engagierte Drummerin trommelt im konzentrierten Anfängermodus. Der zum Hipster frisierte Matt Fudge an Gitarre und Keyboard könnte glatt unser Mitleid verdienen. Aber der ausgebildete Toningenieur hat sich dieses Band-Schicksal wohl selbst erwählt. Da hilft es auch nicht, dass Effekte und Beats live erzeugt werden und Sängerin Chloe Jones auch mal einen tieferen Ton trifft. Zeit, ein erstes Bier zu trinken.
 
16:00 Uhr, Hörsaal
Mit dem lässt sich auf Wintersleep anstoßen. Das Quintett, ebenfalls in Halifax ansässig, ist ein alter Hase. Zehn Jahre gibt es sie schon, inklusive Juno Award auf dem Karriere-Konto. Dass es gleich laut werden wird, davon zeugen die zahlreichen Gitarrencases, die sich beim Umbau vor der Bühne stapeln. Wintersleep spielen einen dröhnenden Indierock, durchsetzt von schimmernden Melodien. Der Laden ist voll, der erste Schweißtest steht an, denn die Männer auf der Bühnen glühen. Es gibt zwar kaum Interaktion mit dem Publikum, aber als die Band dann endlich Kontakt aufnimmt, wird das mit anerkennenden Pfiffen begrüßt. Schließlich greift Sänger Paul Murphy zur Akustikgitarre und der Druck weicht warmer Melodik, flankiert von stobenden Drums. Höhepunkt ist der dreistimmige Gesang zu „Weighty Ghost“.
 
19:35 Uhr, Grüner Jäger
Martin Henrik Hasselgren hat Probleme mit seiner Loopstation. Sie ist offensichtlich neu, das Metall schimmert noch so schön. Aber den richtigen Knopf hat Hasselgren alias Boy Omega noch nicht immer parat. Dreimal stobt ein fast voll arrangiertes Songteil an den falschen Stellen durch den halbvollen Grünen Jäger, Boy Omega hat notgedrungen auf eine Backingband verzichtet und steht seiner Loopstation mit Gesang und Gitarre vor. Das Konzert ist schön wie das neue Album, das sehnsüchtigen Pop der guten Sorte beinhaltet, aber: Ist man altmodisch, wenn man es immer noch befremdlich findet, wenn ein opulent produziertes Popalbum live von einer einzigen Person an einer Akustikgitarre dargeboten wird?


 
20:00 Uhr, Indra
Deutscher Punkrock ist back! Und er kommt weder aus Husum (Turbostaat) noch aus Rheine (Muff Potter), sondern aus Köln. Die KMPFSPRTler halten sich nicht lange auf, legen los und sind so was von auf dem Punkt. Tolles Gitarrensolo und der erste von der Band initiierte Mitklatschpart nach nicht mal zwei Minuten - Respekt! Dass einst die Beatles ihre ersten Konzerte hier gespielt haben, hätten sie gar nicht gewusst, lässt Sänger Richard das dicht gedrängte Publikum wissen. Dafür teilt er mit, dass man auf dem Weg nach Hamburg in 72 Kilometer Stauhölle gesteckt habe. Aber was soll’s. Nicht lange aufhalten, nächste Nummer. Auch die grätscht in Bestform. Wo sind die Stagediver? Der wiederholten Aufforderung der Band, sich im Anschluss auf ein Bier am Merchandisingstand zu treffen, kämen wir gerne nach. Aber die nächsten Bands warten. KMPFSPRT jedenfalls sind echter Festival-Höhepunkt.

20:27 Uhr, Terrace Hill
Stefan Honig kündigt im Terrace Hill sein letztes Stück »For Those Lost At Sea« an. Das Publikum folgt der Aufforderung zum kollektiven »LaLaLa«, ein würdiges Finale. Eigentlich, denn mit breitem Grinsen verkündet der Singer/Songwriter anschließend, sich bei der Setlänge vertan zu haben. Es bleiben weitere fünfzehn Minuten, und da Honig an diesem Abend von Jonas David und Band unterstützt wird, folgt eine beeindruckende Demonstration in Sachen Folk-Improvisation.


20:50 Uhr, Imperial Theater
Im kuscheligen Imperial Theater, wo sonst Edgar Wallace Krimis touristentauglich inszeniert werden, sinken wir tief in gepolsterte Sitze. Das live aufs Quartett angewachsene Trio Fenster hat originelle Aufbauten: Das Schlagzeug ist um einen Stuhl drapiert, Keyboard, Xylophon und Glockenspiel auf einem Bügelbrett arrangiert. Der Sound ist netter Folk-Artpop mit ein paar Überraschungen: Klangeffekte wie Windböen, ein rauschendes Transistorradio, Geschepper vom Glockenspiel. Es ist nicht ganz klar, wo die Berliner musikalisch hinwollen, aber immerhin ist kein Song wie der andere. Dazu gibt es Besetzungswechsel bei den Instrumenten, bei einem Song lässt Jonathan Jarzyna seine Gitarre surfgerecht sliden, und JJ Weihls Stimme wechselt in einen schönen tiefen Aloha-Klang. Insgesamt aber wirkt das Ganze wie ein Kinderzimmerbesuch bei bekifften ADHSlern.


21:05 Uhr, Gruenspan
Respekt, Japandroids! Die euphorischen Berichte ob ihrer Klasse als Live-Act waren tatsächlich nicht übertrieben. Der Garage-Rock des Duos drückt und ist gleichzeitig variabel, ist rau und gleichzeitig melodisch. Außerdem erweist sich Brian King als cooler Frontmann, der sich trotz allen Erfolgs den nötigen Rest Selbstironie nicht erspart. Für viele im vollen Gruenspan der Act des Abends, auch wenn ihr bester Song „nur“ ein Mclusky-Cover ist.
 
21:40 Uhr, Indra
Jetzt kann man es endlich laut sagen: Rock’n’Roll lebt wieder! Und zwar dank Kadavar, die, wie schon die britischen Wolf People vor Jahresfrist, die Epoche der Deep Purples und Led Zeppelins dieser Welt mit neuer Vitalität erfüllen. Und das mit viel Rhythmik und detailverliebtem Gefühl, aber ohne das unnötige Ornament. Das heißt nein: Aussehen tut das Berliner Trio auch wie aus den Siebzigern. Selbst wem diese Zeilen echt komisch vorkommen, dem sei gesagt: Diese Band ist ein echter Tipp. 

23:20 Uhr, Uebel & Gefährlich
Natürlich haben Citizens! hier nichts mehr zu beweisen. 2012 stehen sie auf den Hipster-Pop-Listen ganz oben. Vielleicht ist Sänger Tom Burke deshalb an Selbstverliebtheit kaum zu überbieten. Da kann sogar Morrissey noch etwas lernen. Burke stolziert wie ein Gockel über die Bühne, steigt dem Drummer auf sein Podest, schwenkt den Mikrofonständer hin und her und geht tief in die Knie, wenn es das Herzblut des Songs verlangt. Man möchte die Blasiertheit des Sängers zum Anlass nehmen, abzulästern, aber leider liefern Citizens! einen rundum geilen Auftritt. Der Saal ist voll, die Beats vibrieren fiebrig und die aufgeregten Indie-Mädchen tanzen ihre Jutebeutel in Schwung. Die Band belohnt den Eifer des Publikums mit astreinen Hip Shakes. Wären da nur nicht diese grässlichen Hemden, die sie tragen.
 
23:35 Uhr, Knust
Sieh an, die Crocodiles sind live doch gar nicht so schlecht, wie alle sagen!? Wahrscheinlich liegt es am Sound, dass die Band aus Kalifornien hier soviel mehr überzeugen kann als zuletzt, denn man weiß ja: das Knust tut den Künstlern gut. Hier tritt die ganze Vielschichtigkeit und der volle Glam des Psych-Pop dieser Band zutage, und das wirkt beeindruckend und mitreißend. Auch wenn es der Frontmann mit seiner theatralischen Verstiegenheit hin und wieder ein wenig übertreibt.
 
0:45 Uhr, Knust
Noch einmal Knust, noch einmal Wintersleep. Auch den Kanadiern helfen die perfekten Bedingungen des Clubs am Heiliggeistfeld. Der warm klingende Alternative Rock mit seinen so überraschenden wie drängenden dynamischen Einwürfen passt perfekt zu Club und Publikum. Sogar die Songs von ihrem gerade erschienenen neuen Album »Hello Hum« werden euphorisch aufgenommen, und die Männer in den obligatorischen Flanellhemden und Vollbärten freuen sich sichtlich drüber. Dadurch nimmt die Show eine Eigendynamik an, die sie deutlich weiter als geplant in die Nacht trägt. Danach ist das Fazit klar: Tolle Band, einer der besten in ihrem Genre.  
 
1:04 Uhr Angie’s Nightclub
Alamo Race Track erfreuen altmodische Ohren. Drei Gitarren und vier Stimmen sorgen dafür, dass sich Kinder der 1990er an die Posies, Teenage Fanclub und Lemonheads erinnern. Indie-Pop mit einer Note Country und spannenden Rhythmuswechseln. Hier schunkelt man gerne mit.
 
2:33 Uhr, Übel & Gefährlich
Die Hütte brennt. Reptile Youth lösen das Versprechen vieler bereits Bekehrter ein, wonach man es bei ihnen mit einem wirklich packenden Liveact zu tun hat. Die Dänen haben das Publikum fest im Griff und feuern Hit nach Hit in die schwitzende Masse. Die Hände zum Himmel und aufpassen, dass man sein Bier nicht verschüttet. Am Ende ist nicht alles eigener Schweiß, was da die T-Shirts an Körpern kleben lässt.