×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Introducing

So war der Donnerstag: Bordsteinschwalben überall

Reeperbahn Festival 2011

Ray Cokes kämpft mit seiner Stimme, auf dem Spielbudenplatz tuscheln die Delegierten und in der Pocca Bar singt ein verkleideter Vogel: Das Reeperbahn Festival riskiert den Kontrast zwischen Geschäft und Nische. Ähnlich wie der Straßenzug, der ihm den Namen gab. Christian Steinbrink ist für uns vor Ort.
Geschrieben am

Es gibt als Fan von Popmusik wenig Schöneres als ein Clubfestival: Einfach über eine lange Straße ziehen, hier einkehren und dort, und überall spielen Bands, die einen im besten Fall auch noch positiv überraschen. Und auch wenn auf der Reeperbahn sowohl die Dirnen als auch die Werber vor den Laufhäusern gehörig nerven können, ist die Straße ein idealer Standort für so ein Festival wie eben das Reeperbahn Festival. Venue reiht sich an Venue, die Charaktere der Spielstätten sind völlig verschieden und reichen von Revuetheater bis Kirche, und kaum eine Band kulminiert das Zuschauerinteresse so sehr auf sich, dass man nicht wenigstens kurz mal reinschauen kann.

Dass das Reeperbahn Festival ohne Headliner auskommt, ist so unorthodox wie mutig und wird von den Zuschauern höchst unterschiedlich bewertet. Die einen vermissen Auftritte avancierter, hipper Acts, wie sie beispielsweise auf der c/o pop regelmäßig stattfinden. Andere loben dagegen die große Bandbreite der Konzerte, die auch Bands eine Chance gibt, die sonst unter dem Radar der Medien stattfinden.

Bestes Beispiel dafür ist Ray’s Reeperbahn Revue mit dem ehemaligen MTV-Moderator Ray Cokes (hier im Livestream). Der Hibbel mit dem schütteren Haar turnt am späten Nachmittag über die Bühne des Schmidt Theaters und präsentiert auffallend heiser junge Bands, von denen er tatsächlich glaubhaft überzeugt ist. Dieselben Bands, die bei Cokes ein oder zwei Songs vor der Kamera spielen durften, bevölkern später mit ganzen Sets die Livebühnen der Reeperbahn. Die Kanadier Brasstronaut etwa füllen das Boulevardtheater Imperial Theater nach der TV-Präsentation am Nachmittag bis auf den letzten Platz und überzeugen mit ihrem farbenfroh instrumentierten und hübsch hallenden Indie-Pop. Ebenfalls fast schon traditionell voll ist die Bar Hasenschaukel in der Nähe des Hans-Albers-Platzes,  in der die finnische Songwriterin Mirel Wagner ihr atmosphärisch klammes und reduziert klingendes Debütalbum vorstellt.

Speziell der Donnerstag des Reeperbahn Festivals ist fast vollkommen frei von großen Namen. Das ist nur eine gute Gelegenheit, in die Nischen zu stechen, die sonst zu oft unbeachtet bleiben. Weiter geht es in die Pocco Bar am Hamburger Berg, in der die britische Songwriterin Liz Green so lange klassisch klingende Folksongs zum Besten gibt, bis sie sich in ein Fabelwesen aus Vogel und Mann namens Joe verwandelt, das eigene Songs spielt. Danach lärmen die Kanadier Little Scream etwa unstrukturiert im Imperial Theater. Es könnte immer so weitergehen, man kann sich treiben lassen, hier und da Anregungen von anderen Besuchern annehmen, sie in den Wind schlagen oder ihnen folgen. Die Chance für unerwartete Wendungen besteht immer.

Die einzige Band, auf die an diesem Abend eine große Mehrheit der Festivalbesucher zu warten scheint, ist S.C.U.M, die Band aus Londoner Beauties, die das erste Signing des reanimierten Labels Mute ist und gerade ihr Debüt »Again Into Eyes« veröffentlichte. Das Molotow ist jedenfalls proppenvoll, und S.C.U.M meistern diese beengte Nagelprobe bravourös. Eine Kante, auf der sich Post-Punk, New Wave und Noise treffen und sich unter Hymnik und erhebenden Melodien vereinen. Ohne Zweifel ein erstes Highlight des Festivals, dem sicher noch weitere folgen. Schließlich geht es heute erst richtig los.   

Heute geht das Reeperbahn Festival weiter, u.a. mit den Get Up Kids, Turbostaat, EMA, The War On Drugs, Christiane Rösinger und nicht zuletzt dem INTRODUCING im Uebel & Gefährlich.