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Museum der Emotionen

So war das Week-End Fest 2013

Die dritte Ausgabe des Week-End Festes in Köln ehrt einmal mehr Indie-Helden längst vergangener Jahrzehnte. Ohne Angst vor Jugendwahn oder erwachsener Nüchternheit schaffen die Macher einen würdevollen Rahmen für lang nicht mehr gesehene Pioniere wie Robert Forster, Grant Hart, Young Marble Giants und Mark E. Smiths The Fall.
Geschrieben am

13.-14.12.13, Köln, Stadthalle Köln-Mülheim

 

Es ist ein Konzept, bei dem jeder geschulte Eventmanager die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde: Alte, lange nicht mehr existente Bands spielen in einer Stadthalle in der Peripherie von Köln, es gibt keine überdimensionierte Licht- oder Sound-Anlage, keine Hostessen, die dekorativ im Weg stehen und neue Produkte feilbieten, und keine angesagten Newcomer, die die Kids anziehen könnten. Stattdessen sind da eine Reihe semilegendärer Indie- und Postpunk-Acts der 80er und 90er, die eigentlich schon lange nicht mehr auf Tour gehen und es auch nicht für nötig halten, per Masterplan an ihrem großen Comeback zu arbeiten. Das ist doch ein Konzept, das eigentlich gar nicht funktionieren kann. Kann es auch nicht, jedenfalls nicht, um damit in erster Linie Geld zu verdienen.

 

Es ist aber eines der ehrenwerten und selten gewordenen Motive des Week-End Festes, eben nicht in erster Linie Geld verdienen zu wollen. Den beiden mehr oder weniger ehrenamtlichen Veranstaltern des zweitägigen Festivals geht es tatsächlich vor allem darum, ihre Lieblingsbands noch einmal live zu sehen, und das in einem würdigen Rahmen. Es ist ihnen dabei vollkommen egal, dass sie mit ihrem Booking vor allem ältere Leute ab 40 anziehen. Obwohl die Live-Kulturindustrie mittlerweile allüberall auf die junge, werberelevante Zielgruppe aus ist und ältere Künstler sehr schnell als irrelevant abgestempelt werden. Es ist ihnen egal, dass das Week-End Fest bisweilen wie ein Museum für den Underground Rock längst vergangener Jahrzehnte wirkt. Denn auch die Generation, die mit dieser Musik aufwuchs, ist noch lange nicht tot. Sondern lebendiger, als die Apologeten des Jugendwahns in Mainstream und Subkultur uns glauben machen wollen.

Die Mülheimer Stadthalle liefert dafür einen feierlichen, würdigen und trotzdem anregenden Rahmen, so dass Alte und Junge sich fragen, warum hier schon so lange keine Konzerte mehr stattfinden. Ein Rahmen, der Künstler ehrt und ihnen perfekte Bedingungen gibt. Nicht umsonst sieht man an beiden Tagen die Musiker ständig selbst durch die Hallen streifen. Sie genießen die Auftritte ihrer KollegInnen, lassen sich gerne ansprechen, sie merken einfach, dass hier viele Leute gekommen sind, die ihre Musik tatsächlich zu schätzen wissen. Der nette Herr Stephen McRobbie von den Pastels spricht etwa voller Bewunderung von dem Festival und seinem Abstecher in den Plattenladen Parallel, in dem er ein paar Vinyl-Singles fand, die sogar ihm noch fehlten. Nerd-Kram, sagt man dazu viel zu oft viel zu abschätzig. Besser wären andere Worte: Hingabe, oder Liebhaberei.

 

Unter Freunden und Familie

 

Fast jeder der etwa zehn großen und kleinen Auftritte des Week-End Festes ist einmalig oder schon lang nicht mehr da gewesen. Selbst die Konzertveteranen Kölns haben die Young Marble Giants noch nie gesehen, die den auf Haut und Knochen reduzierten Postpunk ihres einzigen Albums »Colossal Youth« wunderbar steif und irgendwie auch unbeholfen auf die Bühne bringen. Das Klischee von den Studienräten mit E-Gitarren fällt – liebevoll gemeint. Ein paar Altvordere mehr können sich noch an die The Fall-Auftritte des letzten Jahrzehnts erinnern – immer schon eine Band, an deren Live-Qualitäten sich die Geister schieden. Zufriedener als an diesem Abend wirkte Mark E. Smith jedenfalls noch nie, sogar ein »Danke« rutscht einmal versehentlich über seine Lippen. Die johlenden Fans, die seine Band zum glasklaren Hauptact des ersten Tages machen, freuen ihn dann doch. Ganz programmatisch prangt der Titel seiner neuen EP »The Remainderer« von wenig sorgfältig bekritzelten Stoffbahnen am hinteren Bühnenrand, während sich Smith davor ganz munter an den Verstärkern seiner Mitmusiker zu schaffen macht. Wieso genießt so ein Griesgram eigentlich diese Narrenfreiheit? Seine Fans geben die Antwort, die auch von ihm selbst kommen könnte: »Darum«.

 

Deutlich nahbarer sind The Pastels. Waren sie immer. Das Week-End Fest ist ein Festival ganz nach ihrem Geschmack, an beiden Tagen rennen sie durch die Säle der Stadthalle und schauen sich Shows an. Ihre eigene Show hat leider nichts von den durchaus vorhandenen experimentellen Momenten ihrer Diskographie, sie spielen ein schnuffeliges Indie-Set mit Folk-Gestus und bedanken sich vor nahezu jedem Song bei jemandem, der an diesem Festival beteiligt ist. Dankbarkeit und Respekt sind sowieso die Elemente, die sich wie ein Leitmotiv durch die vollen zwei Abende ziehen: Nahezu jeder Musiker absolviert Gastauftritte, nahezu jeder weist auf die tollen Auftritte hin, die noch folgen.

 

Ganz am Ende erweist sich der Auftritt vom Go-Betweens-Legende Robert Forster mit einem von Jherek Bischoff herausragend arrangierten Streicherquartett als durch und durch würdiger Abschluss: Forster gibt den augenzwinkernden Gentleman, der sowohl allein als auch mit dem ungewohnten klassischen Hintergrund eine herausragende Figur macht. So wie schon ganz zu Anfang des Festivals, als er den ehemaligen Hüsker Dü-Songwriter Grant Hart bei dessen Stück »2541« unterstützte.

 

»Well things are so much different now/ I’d say the situation’s reversed« heißt es in dem Song gegen Ende. Worte, die beschreiben, wie sowohl die Macher als auch die meisten der Bands der heutigen Musikindustrie gegenüberstehen dürften. Gemessen an ihr wirkt das Week-End Fest wie aus der Zeit gefallen, und es bedarf großer Anstrengungen, um so ein Festival trotzdem auf die Beine zu stellen. Wäre es nicht eine so versnobbte Aussage, müsste man sagen, dass Musik als Kunstform hier die Bedeutung und Aufmerksamkeit gegeben wird, die sie an so vielen anderen Orten nicht mehr genießt. Es geht hier nicht um das Publikum, das enthusiastisch durchdreht und die Party des Jahres erlebt. Es geht um die Würde der Musik und den Respekt, den man Künstlern auch mal entgegenbringen darf, die so vielen Fans schon ihre Tage gerettet haben. So lässt sich Musik sicher aufrichtiger erleben als auf jedem Festival, das sich ein Eventmanager ausdenken könnte.