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Beats statt Bergbau

So war das Tauron Nowa Muzyka 2015

Popkultur in Polen. Das Tauron Nowa Muzyka in Katowice überzeugt beim zehnten Geburtstag mit hochwertigem Booking und Industriekulisse.
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Bereits drei Mal wurde das vom Energieversorger Tauron gesponserte Festiwal Nowa Muzyka in Katowice in seiner zehnjährigen Geschichte mit dem »Best Small European Festival Award« ausgezeichnet. Die Gründe hierfür liegen einerseits im ausgezeichneten Booking, das anspruchsvollen Pop mit Elektronik und HipHop verbindet. Andererseits trägt der Veranstaltungsort einen erheblichen Teil zur Besonderheit dieses Festivals bei. Auf dem Gelände eines ehemaligen Kohlebergwerks unweit des Stadtzentrums verteilen sich verschiedene Bühnen, mehr oder weniger hochwertige Essensbuden, Bierstände und sogar ein von H&M gebrandetes Karussell; eine Brücke über die Hauptstraße führt die Besucher zur großen Indoor-Mainstage im modernen Kongresszentrum.  

Es ist vor allem dieser Weg, der sich im Verlauf des Wochenendes als trickreich herausstellt. So haben es die Organisatoren nicht nur vorgezogen, dem weitläufigen Gelände genau einen Eingang zu gönnen, sondern konkurrierende Biersponsoren sorgen auch noch dafür, dass man seinen Becher nicht vom Hauptgelände mit zur Mainstage nehmen darf. Ebenfalls verboten: Biertrinken in der Tent Stage, der zweitgrößten Bühne im Außenbereich. Diese ungewöhnliche Regel scheint allerdings am Samstag außer Kraft gesetzt. Katowice hat seine Eigenheiten, so viel wird schnell klar. 
Aber eins nach dem anderen. Alles beginnt mit dem Eröffnungskonzert im beeindruckenden Saal des Nationalen Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks, kurz NOSPR. Hier präsentiert Sascha Ring alias Apparat die Premiere des neuen Programms »Apparat Soundtracks« an einem Ort, der besonders für klassische Musik derzeit zu den am besten klingenden Konzerträumen in Europa zählt. Leider bekommen die Musiker auf der Bühne davon dank In-Ear-Monitoring wenig mit, wie Ring beim spontanen Interview nach dem Auftritt berichtet. Zudem habe die Konzentration darauf überwogen, die neuen Arrangements auch passend umzusetzen. Die Frage, ob man denn zufrieden sei mit der Premiere, beantwortet Rings Bandkollege mit einem Lachen. »Sowas darfst du ihn nicht fragen. Er ist niemals 100% zufrieden. Auch nach dem hundertsten Konzert einer Tour gehen wir von der Bühne und beratschlagen, was wir beim nächsten Mal anders machen wollen.« Dieser Drang zum Perfektionismus ist dem ambitionierten, mitunter etwas überfrachteten Auftritt anzumerken. Dem Publikum in Katowice gefällt es. Tosender Beifall und stehende Ovationen begleiten die Verbeugung der sichtlich erfreuten Musiker am Ende. Keine einfache Kost, aber eine sehr stimmungsvolle Eröffnung. 
Wer in dieser Festival-Saison bisher noch nicht in den Genuss einer Show von Nils Frahm kam, sollte das dringend nachholen. Das aktuelle Programm des Wahlberliners ist leicht zugängliches, elektronisch veredeltes Neo-Klassik-Entertainment auf hohem Niveau. Es besitzt den klaren Auftrag, das Publikum ohne Eile zum Tanzen zu bringen. Es dauert am Freitagabend daher auch nicht lange, bis die Hauptbühne in sanfter Bewegung ist. Zum großen Finale packt Frahm wie gewohnt die Klobürsten aus, um die Saiten seines Flügels zum Schwingen zu bringen.  

Wie grobschlächtig wirkt dagegen einige Stunden später Tyler, The Creator auf derselben Bühne? Oft konnte man in der Vergangenheit von den zweifelhaften Live-Qualitäten des US-Superstars lesen, an diesem Abend versteht man, was gemeint ist. Zwar ist die Show kein Totalausfall, allerdings wird der Flow bereits nach wenigen Takten zugunsten ausgelassener Mitgröhl-Passagen geopfert, Lieder oft nur bis zum ersten Chorus angespielt und kaum eine Strophe ohne Back-Up-Rapper vorgetragen. Am Ende lässt sich der Auftritt unter dem Motto »Ballermann statt Bronx« zusammenfassen. Wie man es richtig macht mit diesem HipHop, zeigt kurz darauf UK-Urgestein Ty auf der kleinen Bühne der Red Bull Music Academy. Auch mit Anfang 40 präsentiert er sich noch bester Laune und technisch oben auf. Im direkten Anschluss bleibt es britisch mit einem der besten DJ-Sets des Festivals: Dub-Legende Adrian Sherwood und Dubstep-Youngster Rob Ellis alias Pinch sorgen im Team mit jamaikanischen Sounds für Glückseligkeit. 
Weniger erfreulich als der Festivalfreitag ist die spürbare Polizeipräsenz in Katowices Innenstadt. Kein Tag vergeht, an dem man nicht mindestens ein breitschultriges Ordnungshüter-Gespann dabei beobachtet, wie Jugendliche im Park kontrolliert werden oder jemand einen Strafzettel für öffentlichen Alkoholkonsum bekommt. Höchste Zeit für ein bisschen mehr Seele. Zum Glück bleiben die Uniformierten dem Festivalgelände fern, so kann man das Konzert von Rhye in aller Ruhe genießen. Eleganter könnte der Samstagabend nicht starten und auch Ghostpoet hält wenig später auf der Zeltbühne mit Ausnahmestimme und groovender Begleitband die Qualität weit oben. Und damit nicht genug in Sachen Soul-Gesang: The Juan MacLean feiern nach Ghostpoet die hereinbrechende Nacht mit einer mitreißenden Mixtur aus Chicago House, Disco und 1980er-Funk.

Klare Sache: Samstagnacht bedeutet Tanzen. Im Zelt wird nach Juan MacLean einfach zum melodischen Techno von Kiasmos weitergemacht. Auf der Bühne der Red Bull Music Academy ist dagegen das Pampa-Label für die Fete zuständig. Nachdem Funkstörung gegen 23 Uhr noch leichte Probleme mit der Publikumspartizipation haben, ist spätestens beim Blasmusik-Techno von Die Vögel die Party offiziell in Gang. Jakobus Durstewitz und Mense Reents freut die ausgelassene Stimmung, zur Belohnung für die Menge gibt es Hits wie »Fratzengulasch«, bevor Label-Chef DJ Koze für ein paar Stunden das Programm übernimmt und anschließend Robag Wruhme auflegt, bis es wieder hell wird. 
Ein Festival-Ausflug der sich gelohnt hat. Es sollte einen nicht wundern, wenn man in den kommenden Jahren auch mehr internationales Publikum beim Tauron Nowa Muzyka findet.

Foto: @dailylaurel