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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»So lang ihr gute Fragen stellt, is’ alles cool.«

So war das Superintim beim Reeperbahn Festival 2017

Am Samstag des Reeperbahn Festivals veranstalteten wir in der Superbude wieder einmal unser Intro Intim. Bei rund 45 Grad Raumtemperatur, guten Gesprächen, kalten Bieren und einem sehr angenehmen Publikum überzeugten Wildes, Sløtface, Ilgen-Nur und LeVent mit ihren Auftritten
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Es ist gar nicht so leicht bei uns. Das Intro Intim auf dem Reeperbahn Festival soll nämlich mehr sein als ein schnödes, schönes Konzert. Das Plaudern vor, während und nach der Gigs ist ausdrücklich Teil des Konzepts – und vor allem Moderator Carsten Schumacher hat eine große Freude daran, mit Zwischenrufen und Fragen während der Show die Acts aus dem Konzept und damit aus der Reserve zu locken. Ihm zur Seite steht Intro-Chefredakteur Daniel Koch, der sich eher auf die klassischen Interviewfragen konzentriert. Aber: Kann man ja alles machen. Wenn es so ist, wie es Songwriterin Ilgen-Nur im Laufe des Nachmittags einfordert: »So lang ihr gute Fragen stellt, is’ alles cool.« Recht hat sie.
Das Intro Intim, das bereits zum fünften Mal in der Superbude St. Pauli stattfindet, ist in diesem Jahr erstmals Teils des offiziellen Festivalprogramms – und vermutlich deshalb bei jedem Konzert gepackt voll. Könnte allerdings auch am Line-up liegen, das bei unseren Gästen große Zustimmung erfährt. Den Anfang macht die Britin Ella Walker alias Wildes, die wir schon im Rahmen des Eurosonic Festival sprachen. Obwohl sie bis dato noch an ihrer Debüt-EP arbeitet und nur einzelne Songs digital veröffentlicht hat, sind diese – namentlich: »Ghost«, »Illuminate« und »Bare« – dermaßen gut, dass Booker und Labels sie heiß umworben haben. Man merkt schnell, woran das liegt: Ihre wandlungsfähige Stimme, ihre emotionalen Texte, ihr Gitarrenspiel, das an Bands wie Daughter und auch The xx erinnert, ergeben eine Mischung, der man sich schwer entziehen kann. Dennoch ist Ella alles andere als verschlossen oder in sich gekehrt – was ja gut zu ihrer Musik gepasst hätte – sie pariert gekonnt jeder unserer Fragen, nippt dabei an einer Teetasse und antwortet auf die Publikumsfrage, was sie denn dort tränke, charmant: »Es ist nicht mal Tee, nur heißes Wasser mit Zitrone. Ich bin erkältet. Ich wünschte, es wäre Whiskey, aber so cool bin ich nicht.«

Es folgen Sløtface, auch eine Band, der wir schon beim Eurosonic erlegen sind. Lasse, Tor-Arne, Halvard und Sängerin Haley spielen ein etwas reduziertes Set, dem trotzdem der Punk-Spirit nicht abgeht. Vor allem Haley zeigt sich im Interview als intelligente Interviewpartnerin, deren Antworten ähnlich wie ihr Gesang wirken: Sie sind mitreißend, emphatisch, intelligent und haltungsstark – und sind trotzem amüsant. Musikalisch kommt diese Verbindung vor allem beim Song »Magazine« durch, in dem sie die hohle Medienwelt und ihren Sexismus aufs Korn nimmt. Auch auf unser Geständnis, dass wir ihre Musik immer als »Pop-Punk« bezeichnen – ein Wort, das dank Bands wie Smash Mouth arg gelitten hat – kontert sie: »Damit hab ich kein Problem. In unserer Heimat Norwegen gibt es gerade ein paar Bands, die Pop-Punk wieder nach vorne bringen wollen.« So lange das so cool klingt wie bei Sløtface lassen wir uns das gerne gefallen. Make Pop-Punk great again!

Die Wahlhamburgerin Ilgen-Nur macht mit ihrer Band, bei der Trümmers Paul Pötsch in Goldhose mit Goldenen-Zitronen-Shirt am Schlagzeug sitzt, aus ihrem Slacker-Pop eine bisweilen sehr noisige Angelegenheit. Das steht ihrem Songwriting sehr gut zu Gesicht. Und sie hat Hits: »The Bags Under Your Eyes« zum Beispiel. Mit der Line, die jeder gern am vierten Tag des Reeperbahn Festivals nachts um drei im Thekenlicht hören würde: »Even the bags under your eyes look nice.« Der letzte Song, nach einem sehr gelungen Sonic-Youth-Cover, ist ein weiterer Hit: »Cool« heißt er und ist eine »Zweifel is in the house«-Hymne auf das Cool-Sein-Wollen. Ilgen-Nur singt darin: »I’m just trying to be cool but I feel like a fool.« Wer kennt das nicht? Im Interview erfahren wir dann auch, dass sie in der Schulzeit genauso uncool war unser Chefredakteur.
Mit LeVent geht das Intro Intim schließlich zu Ende – und zerfetzt uns allen noch einmal amtlich die Ohren. Wir hätten ja schon skeptisch werden sollen, als sie einen riesigen Verstärker auf die Bühne wuchteten, oder beim Soundcheck die Zwei-Bässe-plus-Schlagzeug-plus-Gesang-Maschine aufheulen ließen. Aber, nun ja, die Ansage der Band war klar: »Wird aber laut. Wisst ihr, oder?« Jepp, wissen wir, las sich in der Email aber noch etwas harmloser. Die Tracks ihrer Debüts – allen voran »Curious«, »Lisa« und der Rausschmeißer »Gary« – entfalten live eine rohe Energie, die man eben äußerst schwer auf ein Debütalbum pressen kann, selbst wenn es ein gutes ist. Mit fiependen Ohren geht der Nachmittag also zu Ende – mit einem Versprecher unseres Moderators und Chefredakteurs, der beim Abschied erzählt: »Wir machen hier jede Woche ein Intro Intim ...« Er meint natürlich, »einmal im Jahr«, aber hey, vielleicht war da ja auch kurz der Wunsch Vater des Gedanken, äh, Versprechers ...