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Ein Fest der harten Schnitte

So war das Superintim 2016

Am Samstag des Reeperbahn Festivals luden wir wie schon im letzten Jahr zum Superintim in der Superbude. Dem Verwirrspiel aus Moderation, Konzert, Zwischenruf-Ping-Pong und Interview stellten sich diesmal Warhaus, Gurr, Konni Kass und Fil Bo Riva. 
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Diesen Barmann muss man im Auge behalten. Es ist gerade mal Viertel vor zwei, als sich ein junger Mann nähert und schüchtern eine Limo und ein Wasser bestellt. Der Barman stellt die Getränke hin und fragt ganz unverblümt: »Bitte sehr – noch einen Whiskey mit Zimtnote auf Eis dazu?« Kurze Schrecksekunde, zögern, dann sagt der junge Mann: »Oh, klar. Warum nicht?« Ja, warum eigentlich nicht. Ist ja immerhin noch Festival, da muss man nicht durchgehend vernünftig sein. Andreya Casablanca von Gurr hat also nicht ganz unrecht, als sie kurze Zeit später vorbeischaut und sagt: »Ich habe schon die ganze Zeit das Gefühl, hier hängt so eine dezente Fahne im Raum.«

Bevor Gurr die kleine Bühne der Rockstarsuite in der Superbude bespielen, entern erst einmal Warhaus aus Belgien den Raum. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Das Projekt des Balthazar-Sängers, bei dem Maarten Devoldere seine Liebe zu den Cohens, Caves und Reeds der Popwelt auslebt, bringt neben drei weiteren Bandmitgliedern auch Besteck für eine Stadionbühne mit. Trotzdem wirkt das ganze nicht übertrieben, was vielleicht daran liegt, dass alle inklusive des Frontmannes ihr Equipment selbst aufbauen, anschließen, soundchecken und stimmen. Wie schon im letzten Jahr belassen wir es als Gastgeber nicht bei einem schnöden Gig, sondern stellen die Band vor, machen ein kurzes Interview und laden selbst zu Zwischenfragen während des Sets ein, sofern die Künstlerinnen oder Künstler da keine Probleme mit haben. Maarten ist völlig fein damit: »I am up for social experiments!« Die Songs von Warhaus schillern dann live ebenso düster-schön wie auf dem Album – und auch wenn der Hall auf den Mikros Maartens Gesang ein wenig aufpimpt, muss man schon sagen, dass er das Organ hat, um den oben genannten, düsteren Songwriter-Gentlemen die Ehre zu erweisen. 

Das Superintim setzt auf harte Schnitte, deshalb haben wir überhaupt kein Problem damit, nach dem dramatischen Einstieg die zwei Berlinerinnen Gurr über die Bühne fegen zu lassen. Und die beweisen live, was ihr bald kommendes Debüt »In My Head« ebenso tut: Schöner treffen Energie, Krach, melodieseliger Gesang und auf zweieinhalb Minuten komprimiertes Songwriting selten aufeinander. Andreya Casablanca, Laura Lee und ihre Bandbegleitung haben dabei so ansteckend Bock auf ihre Musik, dass sich keiner im Publikum gegen Songs wie »Walnuss«, »Moby Dick« und »Yosemite« wehren kann. Dazwischen gibt’s ne passende Spitze in Richtung unserer Profession. Andreya sagt in einem kurzen Interviewblock: »Ach, wenn du als Frau in Deutschland Musik mit Gitarre machst, dann biste gleich Karen O. – mehr fällt den Herren Musikjournalisten dann nicht ein.« Der Bandname spricht sich übrigens wie »Gör«, obwohl die Taubenphobie von Laura Lee die Inspiration für den Namen Gurr gab. 

Da die Communions, die eigentlich auf dem Plan standen, aus gesundheitlichen Gründen ausfallen, springt Konni Kass ein, um nach der guten Prise Gurr-Core, melancholische, poppige Songwriterinnenklänge von den Färöer Inseln folgen zu lassen. Konni, die gerade in Kopenhagen neben der Popkarriere auch das Medizinstudium angeht, übt sich dabei in Understatement: »Wenn du auf den Färöer Inseln Musikerin werden willst, musst du nur den Arm haben und sagen: ›Ich will!‹«. Eine wundervolle, wandlungsfähige Stimme und ein gutes Gespür für moderne Popsongs hilft sicher auch. Wundert am Ende keinen, dass sie auch unter den zehn Acts war, die man für den neuen Newcomer Award »Anchor« nominiert hatte.

Stimmgewalt und Understatement dann auch bei Fil Bo Riva. Der 23jährige, in Italien aufgewachsene, später in Dublin und jetzt in Berlin lebende Songwriter wird seit einer kleinen Weile heiß gehandelt. Kein Wunder: Seine Stimme, die man vielleicht als melancholisches Röhren bezeichnen kann, sein trotz spärlicher Ansagen spürbares Bühnencharisma und vor allem diese Songs, die eben nicht nur seine Stimme inszenieren, sondern stampfend voranschreitender Folk sind – diese Mischung müsste sich eigentlich durchsetzen. 

Am Ende des auch für uns sehr schönen Nachmittags ist es dann noch viel weniger zu übertünchen, was Andreya von Gurr schon anfangs spürte: die Fahnen hängen nicht nur, sie wehen durch den Raum, aber da sie meist vor einem breiten Grinsen getragen werden, stört sich niemand dran ...