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Rauchverbot, Sau am Spieß und Dauer-Pogo

So war das Rock’n’Heim 2015

Kurz und gut: Das Rock’n’Heim Festival erfindet sich als Ein-Tages-Festival neu und feiert das mit Linkin Park, K.I.Z. und Farin Urlaub Racing Team. Mit dabei auch die Gewinner von Festivalguide und SEAT.
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Ganz schön leer. Also, noch. Das ist der erste Gedanke, als wir begleitet von Simple Plans »Shut up« auf den Hockenheimring kommen. Das Festivalgelände ist – nun ja, nennen wir es überschaubar. Eine Bühne, rundherum ein paar Imbissstände und die üblichen Verdächtigen. Marek Lieberberg hat mit seiner Entscheidung, das Rock’n’Heim zum Tages-Festival einzudampfen, eine Menge Fans des Festivals vor den Kopf gestoßen, aber zumindest von der Verärgerung merkt man nichts. Vielleicht sind die Schmoller auch einfach zu Hause geblieben.  

Ihr Problem, denn spätestens als K.I.Z. die Bühne betreten, ist es mit der Ruhe vorbei. Mit der Sonne übrigens auch, denn noch während des Kannibalen-Songs frischt der Wind ganz schön auf. Die Kannibalen in Zivil haben einen straffen Zeitplan, gerade mal 45 Minuten, da bleibt nicht mehr viel Platz für ihr herrlich protziges Gehabe, da muss ein Hit nach dem anderen raus. Aber ein Becher Prosecco zwischen zwei Songs und ein bisschen Gestichel gegen Linkin Park, die im gesamten Backstage-Bereich ein Rauchverbot verhängt haben, muss sein.
Für all jene, die das Glück hatten bei unseren Freunden vom Festivalguide zusammen mit SEAT Tickets für das Festival gewonnen zu haben, startet das Rock’n’Heim-Erlebnis bereits einen Tag früher. Beim Fahrsicherheitstraining am Samstag wird aufs Gas gedrückt und sich so rasant auf den kommenden Festivaltag eingestimmt. Auf dem Festivalgelände selbst, kann man sich die zuvor gefahrenen Autos noch einmal in aller Ruhe begutachten und sogar in der Fahrgastzelle zum Karaoke Duell antreten.  

Ein klein bisschen erinnern einen auch die Auftritte von Kraftklub an Karaoke: So viele Menschen singen deren Lieder mit, dass Sänger Felix zwischendurch ruhig Pause machen könnte. Tut er aber nicht. Die Jungs aus Karl-Marx-Stadt müssen stattdessen irgendwo auf der Bühne einen Party-Button versteckt haben, denn trotz Regen bilden sich mindestens vier Circle Pits. Die Stimmung? Fantastisch. Vollkommen egal, dass der Wind immer wieder den Sound verweht, textsicher sind hier sowieso alle. Zum Abschluss veranstalten die Gebrüder Brummer und Konsorten noch ihre bewährte Festival-Stage-Diving-Weltmeisterschaft und Frontmann Felix geht als triumphaler Sieger hervor.   Spätestens beim Auftritt vom Farin Urlaub Racing Team ist das Gelände spürbar voller geworden. Der Regen plätschert unvermindert weiter, aber mittlerweile sind alle so nass, dass es sie eh nicht mehr kümmert. Wie auch, wenn Farin mit seinem XXL-Lächeln in die Menge strahlt, das Racing Team sich warm tanzt und nach originelleren Schlachtrufen aus dem Publikum verlangt. Also grölen auf Wunsch alle »Sau am Spieß!« - und der Gag zieht sich noch durch das gesamte Set. Zwischendurch rollen ein paar Jungs in einer Mülltonne an mir vorbei – die Security nimmt sofort die Verfolgung auf.  

Auch Nichtraucher Farin Urlaub kann sich einen Kommentar zu Linkin Parks Rauchverbot nicht verkneifen. Es scheint, als hätten sich alle deutschen Bands an diesem Tag gegen die US-Superstars verschworen. Macht aber nichts, denn als der Headliner des Abends die Bühne betritt, ist es rappelvoll und solange sie das Rauchverbot nicht auch auf dem Gelände verhängen, ist auch alles noch im grünen Bereich.
Es ist ein bombastisches Set, das Chester Bennington und Mike Shinoda abliefern. Irgendwann merkt man nicht mehr, dass es regnet, erst recht nicht mehr, dass es irgendwann auch damit aufhört, denn Linkin Park ziehen unweigerlich in ihren Bann und versetzen einen zehn Jahre zurück in die Jugend, während sie sich querbeet durch »Hybrid Theorie« und »Meteora« spielen, ihre Hits aus den letzten Jahren sowie in »Reanimation«-Manier mehrere Songs zu einem elektronischen Potpourri eindampfen, dass kein Fuß auf dem Gelände mehr still steht. Spätestens jetzt ist es rappelvoll am Hockenheimring, gut möglich, dass einige nur wegen diesem Auftritt noch gekommen sind.  

Sie werden es sicher nicht bereut haben, denn Linkin Park sind alte Hasen und wissen ganz genau, welche Songs ihre Fans hören wollen. Und die danken es ihnen, in denen sie aus voller Kehle mitsingen und springen, als ob es kein Morgen mehr gäbe. Selbst eine Prise »Fort Minor« haben Linkin Park mit am Start, Mike Shinoda rappt sich durch »Remember The Name« und präsentiert den neuen Song »Welcome«.  

Für einige hier ist es das letzte Festival des Jahres, da muss man sich einfach noch einmal so richtig verausgaben. Und dann schreit Chester Bennington noch ein letztes Mal so unvergleichlich ins Mikro – und plötzlich ist es vorbei. Zehn Stunden Power-Line-up liegen hinter dem Publikum, reflexartig will man eigentlich zum Campingplatz, die nassen Klamotten ausziehen und ins Zelt kriechen – aber nichts da. Stattdessen geht es auf zum halbstündigen Fußmarsch zum Bahnhof Hockenheim, in die Autos oder auf die Fahrräder. Es mag an den Linkin Park-Endorphinen liegen, aber irgendwie findet man das gar nicht mehr so schlimm.