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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die 11 Highlights der 11. Ausgabe

So war das Reeperbahn Festival 2016

Von Mittwoch bis Samstag traf sich wieder alles, was Rang und Namen hat (oder mal haben will) auf dem Reeperbahn Festival in Hamburg. Daniel Koch hat die persönlichen Highlights von Team Intro zusammengetragen. Mit dabei: The Lemon Twigs, Fjørt, Gurr, Sophia, Lola Marsh, Fatoni, Shame, Tony Visconti und viele andere. Dazu gibt es eine umfangreiche Bildergalerie.


Geschrieben am
Freitagnachmittag auf dem Spielbudenplatz. Die Nacht zuvor nur zweieinhalb Stunden geschlafen (weil bis fünf Uhr in einer gemütlichen Punkspelunke gefeiert), morgens auf einem Panel mit dem wundervoll optimistischen Titel »Medienkrise 4.0.« diskutiert – und trotzdem sitze ich schon wieder mit netten Leuten und einer Knolle in der Hand in der Sonne. Überlege mir, welches halbes Dutzend an Bands ich mir am Abend geben werde, wie ich das alles durchhalten soll und vor allem, wie zum Henker ich diese vier Tage Reizüberflutung am Montag in einem Nachbericht unterbringen soll. Genau der Moment ist jetzt aber gekommen – und hier ist die sehr subjektive, mit Hilfe unserer Kolleginnen und Kollegen vom Festivalguide entstandene Liste unserer elf Highlights. Warum elf? Weil die diesjährigen Ausgabe des Reeperbahn Festivals die elfte ist. Passt doch.  

01 The Lemon Twigs
Im Vorfeld oft empfohlen, unter anderem von uns, liefern die Lemon Twigs am Freitagabend im Molotow einen Gig, der die hohen Erwartungen eher noch übertrifft. Die Brüder Brian (19) und Michael (17) D’Dadorria und ihre ungefähr gleichaltrige Band sehen dabei nicht nur arschcool und seltsam aus der Zeit gefallen aus, sie spielen ihre wilde Mischung aus Beach-Boys-Verehrung, Glam-Posen und Punk-Spirit auch dermaßen enthusiastisch, dass man sie sofort adoptieren möchte. Da der Soundcheck schon gut läuft und sie eh alles selbst aufbauen und stimmen, legen die Kids einfach eine Viertelstunde früher los. Erst spielt Brian Gitarre und singt, während Michael trommelt, später wechseln sie die Positionen. Brian hat die Stimme für den großen Pop, Michael eher für die wilderen Momente – was er mit der passenden Bühnenakrobatik verbindet. Man sorgt sich bisweilen, dass er sich nicht selbst das Knie an die Stirn haut. Perfekt gesetztes Charme-Highlight: Die Lemon Twigs covern »I Wanna Hold Your Hand« von den Beatles – in der deutschsprachigen Version. Ein Gig zum Niederknien. Bestes Kommentar aus den vorderen Reihen: »Wahnsinn. Hoffentlich fangen die jetzt nicht das Drogennehmen an.«

02 Die Heiterkeit
Abgeschlossen wird ein Reeperbahn-Festival-Tag am besten im Knust – gemütlich und etwas ab vom sündigen Treiben der Reeperbahn. Trotzdem ist der nicht eben kleine Live-Club gut gefüllt, als Die Heiterkeit am Donnerstag um halb eins auf die Bühne treten. Die Band ist mittlerweile multinational besetzt: Neben Hamburg sind auch Berlin und Köln und irgendwie auch Münster vertreten. Die Heiterkeit fokussiert die Songs ihres neuen, wunderbaren Albums »Pop & Tod I+II« und bezaubert wieder mit diesem elektrisierenden Kontrast aus leichten Popsong-Arrangements, tiefgründigen Texten und der schweren Hilde-Knef-Stimme von Vorsteherin Stella Sommer. Hier kommen Charme, Botschaft und Klasse zusammen – das wissen nicht nur die Sänger von den Nerven und Messer, die in der ersten Reihe die Show ausladend feiern.

03 Shame
Schon mutig, auf dem Reeperbahn Festival zu spielen, obwohl man noch nicht mal einen Song auf Soundcloud oder Spotify anzubieten hat. Auch mutig, so eine Band einfach mal zu buchen. Bei Shame aus Südlondon könnte die Rechnung dennoch aufgehen. Die spielen gleich mehrmals auf dem Festival – zum Beispiel am Mittwoch im Molotow, wo sie uns das gern benutzte Adjektiv »rotzig« in die Notizen spielen, weil sie nämlich tatsächlich gelegentlich von der Bühne spucken. Könnte unsympathisch wirken, wenn man nicht gerade ein spätpubertierender, juvenil übertrieben auf cool machender London-Lad ist und musikalisch kongenial großkotzig abliefert. Sie spielten bereits im Vorprogramm der Fat White Family, die das ähnlich gut hinkriegt, wie Shame. Auch musikalisch sind Parallelen zu erkennen, wobei Shame sich ein wenig vielseitiger zeigen. Den NME-Hype, der sie bald umwehen wird, haben sie vorsichtshalber auch schon mal in ihrem ersten offiziellen Video gedisst:

04 Cooking con Concert mit Rhonda
Als Nicht-Hamburger muss man ein wenig suchen, bis man Tim Mälzers Studioküche im Restaurant »Bullerei« findet. Dort gibt es am Freitagnachmittag eine Zusammenführung, die im ersten Moment ein wenig befremdlich klingt: Die Brüder Onur und Koral Elci von »Kitchen Guerilla«, die sonst an ungewöhnlichen Orten Dinnerabende veranstalten, interpretieren kulinarisch Songs der souligen Hamburger Band Rhonda. Erst gibt’s einen Song, dann für alle das passende Gericht dazu.
Die Set-, pardon Menülist sieht am Ende so aus: »Camera« - Ein Song wie ein Farbfilm und deshalb ein bunter Teller. Sous Vide gegarter Schweinebauch, der 48 Stunden in einer Salzlake ziehen durfte mit Jakobsmuschel auf Rote Beete-Humus und Erbsenschaum an Mini Karotte. »That’s How I Roll« - Es geht um Trennung, der Schmerz ist süß-sauer und eher dunkel: Frittierte Auberginen Röllchen mit Ziegenkäse sowie süß-scharfem Apfel-Ingwer-Chutney auf einem Beet aus Belugalinsen. »Something Good« - Was gutes, knackiges zum Abgang: Pinienkerne auf Käseeis. Ein sehr leckerer und am Ende erstaunlich schlüssiger Nachmittag, bei dem es so zugeht:

05 Fatoni
Es ist so eine Sache mit der Ironie. Man kann mit ihr den langweiligsten Text und das stumpfsinnigste Thema aufmöbeln. Fatoni beherrscht das Spiel mit dem Spott wie kein anderer seiner Zunft. Gemeinsam mit seiner Posse um DJ V.Raeter und Rapper JuseJu überzeugt der Schauspieler und Entertainer in der Nacht von Freitag auf Samstag im Uebel&Gefährlich. Selten haben wir bei einem Act des Reeperbahn-Festivals so gelacht, sind so zufrieden. Auch wenn das Publikum völlig fasziniert von den Entertainer-Qualitäten des Münchener MCs ist, zu tanzen und mal die Branche Branche sein zu lassen, ist das Konzert ein Highlight des Festival-Freitags. Dank Fatonis Gitarren-Solo und einigen persiflageartigen Trap-Einlagen von Kumpane Juse, wie gewohnt ein Auftritt zum Niederknien. Kann man sich übrigens demnächst auch noch mal »überall« in den Clubs anschauen, auf der von uns präsentierten Tour:

06 Gurr
Eine weitere Band, die vor und nach dem Festival oft von Bookerinnen und Topcheckern erwähnt wird: Gurr aus Berlin. Auch sie spielen fast täglich ein oder zwei Shows – die tollste natürlich, hüstel, bei unserem gemütlichen Konzertnachmittag Intro Intim in der Superbude. Zwar bekommt ihr Mittwochsgig in der Prinzenbar ähnlich gute Props, aber bei uns bleibt halt noch die Zeit für den kleinen Plausch zwischen den Songs, bei dem sich Andreya Casablanca und Laura Lee als äußerst schlagfertige Gesprächspartnerinnen beweisen. Schwer einen Song als Highlight festzunageln, aber man kann durchaus empfehlen, mit ihren Singles »Moby Dick« und der deutschsprachigen Version von »Walnuts«, folglich »Walnuss«, in ihr Oeuvre einzusteigen. Schon toll, wie unter all dem schönen Krach noch so überzeugend catchy klingende Melodien zu finden sind. Mehr über die beiden gibt’s übrigens im neuen Heft

07 »Stimmen der Zukunft«
Neben dem offiziellen Programm finden sich immer wieder spannende Events, die eher lose angedockt sind. So zum Beispiel eine Weltpremiere am Freitagmorgen. Im Plattenladen Groove City spielen – zum ersten Mal vor Publikum – junge Geflüchtete des Hajusom-Projekts »Stimmen der Zukunft«. Präsentiert und gefördert wird das Ganze vom Roskilde Festival, das sich seit Jahren für Projekte dieser Art und generell für Alternativkultur im Hamburger Raum einsetzt. Die »Stimmen der Zukunft« treffen sich jeden Montag, um sich gemeinsam musikalisch auszutauschen. Sie stammen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Bulgarien und vielen weiteren Ländern. Angeleitet von Carlos Andres Rico und Derya Yildirim, die Beats und Keyboardbegleitung liefern, spielen die jungen Geflüchteten einen unheimlich inspirierenden Stilmix, der von klassischen, aber modern aufbereiteten Volksliedern, bis hin zu bulgarischem Rap reicht. Das ist bei so einer Premiere natürlich noch alles etwas rough klingend, aber die Freude über die eigene künstlerische Entfaltung und die Euphorie für ihre noch frische Sangeskunst überzeugt am Ende alle, die sich bei Groove City einfinden. Ein Highlight, das wir so gar nicht auf dem Zettel hatten ...

08 Lola Marsh
Der Siegeszug des Duos, das wir hier schon mal vorstellten, geht weiter. Am Donnerstag bezirzen Yael Shoshana Cohen und ihr Kreativpartner Gil Landau mit Band wieder alle Anwesenden. Vor allem bei »She’s A Rainbow« wähnt man sich kurz in einer Seligkeit, die man einst auf der ersten Tour einer Lala Del Rey gespürt hat. Wobei der Vergleich bei anderen Songs wiederum hinkt – und man Lola Marsh überhaupt ihre klangliche Eigenständigkeit nicht absprechen sollte. Klingt auf ihrem Debüt einiges noch ein wenig zu glatt poliert, sind die beiden live von Anfang bis Ende charmant einnehmend und überzeugend. Das wird noch mal größer enden mit denen...
09 Fjørt
Wie es Intro-Kollegin Julia so treffend auf den Punkt bringt: »Zwischen den vielen schönen Stimmen auf Keyboard-Sounds tut es einfach auch mal gut, lauten, guten Krach zu hören.« Bei Fjørt am Freitag im Gruenspan wird es sehr laut. Dabei klingt das Schlagzeug großartig klar und man versteht sogar, was Chris und David da brüllen. Obwohl sich parallel bei Biffy Clyro im Docks die Leute mit einem zu Fjørt passenden Musikgeschmack stapeln müssen, ist das Gruenspan gut besucht. Sympathiepunkte gewinnt der eine Typ vorne, der jedes einzelne Wort mitsingen kann. Jedes. Fjørt knallen Songs wie »Kontakt« und »Paroli« um die Ohren, das Publikum antwortet auf »Auf zwei von denen kommen zehn von uns« wütend und mit der Faust in der Luft.


10 Tony Visconti
Man mag es immer noch nicht so recht glauben: Der legendäre Produzent Tony Visconti – der zum Beispiel mit David Bowie und Marc Bolan arbeitete und ihr Werk maßgeblich prägte – ist ebenfalls an allen Festivaltagen auf der Reeperbahn unterwegs, um sich neue Bands anzuschauen. Für den neu initiierten Anchor-Award sichtet er als Jury-Mitglied zehn neue Acts und findet am Freitagnachmittag noch Zeit für ein wundervolles Interview, das MTV-Urgestein Steve Blame im Rahmen des Konferenzprogrammes führte. Gute eine Stunde lang gibt er Lustiges und Dramatisches über seine Zeit mit Bolan und Bowie zum Besten. Ganz nebenbei erfährt man, dass zehn Schlaftabletten ein guter Konter für einen Kokainrausch sind – vorausgesetzt man sei langjähriger Konsument besagter Tabletten und wisse exakt wie sie wirken. Ach ja, die wilden Tage. An dieser Stelle noch mal: Danke für »Blackstar«, Tony – für das ergreifendste und traurigste Album des Jahres.

11 Sophia
Ein Gottesdienst am letzten Abend des Festivals: Robin Proper-Sheppard, einst Frontmann von The God Machine und später unter dem Namen Sophia unterwegs, bespielt die St. Michaelis Kirche in Hamburg, oder wie man dort sagt: den Michel. Nur mit seiner Akustikgitarre und seinem selbstironisch-leidenden Charme bewaffnet, erfüllt er das riesige, wunderschöne Kirchenschiff mit seinen traurigen Liedern. »Das ist endlich mal eine Location, wo ich meiner Tochter nachher ein Foto zeigen und sagen kann: ›Schau, so sieht's aus, wenn dein Vater ein Konzert spielt.‹« Recht hat er. Tja, und was soll man sagen: Ein Song wie »So Slow«, der den Tod seines damaligen Bandmitglieds thematisiert, und der erste Sophia-Song überhaupt war, passt auf naheliegende Weise sehr gut an diesen Ort.

Wer die ausführlichen Tagesberichte vom Reeperbahn Festival bei den Kollegen vom Festivalguide lesen möchte, der wird hier fündig. Und weil es so schön passt, kommen hier noch - wie eingangs versprochen - die 111 besten Fotos vom 11. Reeperbahn Festival: