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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Unsere 13 Highlights

So war das Reeperbahn Festival 2017

400 Acts, 70 Locations, rund 600 Konzerte – und das ist nur der offizielle Teil. Auch im 12. Jahr konnte das Reeperbahn Festival zur totalen Reizüberflutung geraten. Neben Newcomern buhlen in diesem Jahr auch alte Bekannte wie Beth Ditto, Liam Gallagher oder Kettcar um die Gunst des Publikums. Wir haben unsere Highlights zusammengefasst.
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Wie geht man das Reeperbahn Festival wohl am besten an? Hausaufgaben machen, Wochen vorher das Line-up durchhören und mit Stundenplan losziehen? Topchecker-Medien im Blick behalten, Empfehlungen filtern und dem Raunen des Schwarms folgen? Als Sensationstourist die großen Namen sammeln? Vielleicht gar kein Ticket kaufen und die zahlreichen freien Shows und Bühnen besuchen? Oder doch lieber treiben lassen, einen Startpunkt des Abends aussuchen und schauen, was passiert?

Das sind die Fragen, die sich alle Jahre wieder stellen, wenn das Reeperbahn Festival ruft. Obwohl wir schon längst wissen, dass alle Varianten funktionieren. Die einen besser, die anderen schlechter. Wer nämlich zum Beispiel Beth Ditto sehen, oder sich bei Liam Gallaghers Not-so-secret-Gig reinkämpfen will, der muss schon Glück, Kondition oder ein Ich-bin-wichtig-Bändchen haben. Was natürlich immer wieder zu Frustmomenten führt und Kritiker befeuert, die sagen, dass das Reeperbahn Festival vor lauter Business die Musik aus den Augen verliert. Kettcar wiederum schenken ihrer Stadt und ihren Gästen ein spontanes Gratiskonzert, für das man nicht mal ein Ticket braucht.

In den vier Tagen passiert so viel, dass man eh nicht alles im Blick behalten und rekapitulieren kann. Deshalb ist diese Auflistung unserer 13 Höhepunkte höchst subjektiv geraten. Denn das ist die Lösung des Ganzen: Man muss sich diesem Festival hingeben. Das Jammern sein lassen, wenn man was verpasst und einfach mal feiern, dass hier vier Tage lang eine Stadt vor Musik zu bersten scheint. Emotionaler ausgedrückt: Jeder, der an einem Abend auf der Reeperbahn ist, durch das Gewusel des Spielbudenplatzes schlendert und dann in einem Club eine völlig unbekannte Offenbarung erhält, wird dem Reeperbahn Festival erliegen.

Pabst (Prinzenbar)

Ein frühes Highlight bildet die Berliner Gitarrenband Pabst, die mit Tracks wie »Watch People Die« in der Prinzenbar eine gute Zeit hat und mit einem Sound begeistert, der Wheatus neben die frühen Sonic Youth stellt. Das sieht auch die Prominenz im Publikum so: Da stehen Produzenten-Legende Tony Visconti und Garbage-Sängerin Shirley Manson. Die beiden sind neben BBC-Moderator Huw Stephens, Emily Haines und dem Duo Boy Teil der Jury des Anchor, des internationalen Newcomer-Preises des Festivals. Als Visconti am Ende begeistert vor die Bühne drängelt, wird er fast von einem Pogenden umgerannt. Sieht man auch nicht alle Tage.

VÖK (Spielbude)

Vom ersten Ton an verbreiten VÖK diese gewisse Magie, an der man im Grunde direkt erahnen kann, woher diese Band stammt: aus Island – dem Land der Elfen, Vulkane, der magischen Stille und des surrealen Lichts. Kalte Klänge treffen auf die faszinierende Stimme und den warmen Sound eines Saxofons. Das will absolut gar nicht in das bunte Reeperbahn-Gewusel passen und verleiht dem Ganzen genau deshalb etwas faszinierend Surreales.

Ace Tee (Gaga)

Auf einer Youtube-Party im Restaurant Gaga über den Dächern am Spielbudenplatz beweist Ace Tee mit ihrer Crew und einem kurzen Gig, dass sie mehr als ein One-Hit-Wonder sein wird. Ihre aktuelle EP zeigt das zwar nur bedingt; aber wie sie mit vielen Freunden und Rapper Kwam.e die Bühne bespielt, hat genau den arschcoolen, ansteckenden Vibe, den schon ihr »Bist du down?«-Clip hatte. 

Ätna (Molotow Sky Bar)

Blecherne Drums treffen bei Ätna auf puristische Indie-Pianoklänge und emotionalen weiblichen Gesang. Um das Konzept »Kontrast« an diesem Abend ein wenig weiter auszubauen, spielt das Duo aus Dresden in einer Location mit dem hinterlistigen Namen Molotow Sky Bar: Dort wird sonst ein eher rotziger Sound geboten, nun entlockt ein Nerdbrillen-Hipster seinem Schlagzeug kühle Beats, während am Keyboard Sängerin Inéz mit ihrer Hammerstimme und einer Art Sitzperformance beeindruckt.

Yellow Days (Molotow)

Yellow Days alias George van den Broek packt zwar vom ersten Ton an seine roughe, erst 18-jährige Wahnsinnsstimme aus, macht allerdings den »Fehler«, mit zwei weniger geilen Stücken neueren Datums anzufangen. Steigerung ist ja an sich eine gute Idee, dummerweise haben er und seine ebenfalls noch saujungen Mitmusiker aber wegen des durcheinandergeratenen Zeitplans nur circa eine halbe Stunde Zeit auf der Bühne. Sehr schade, denn die an King Krule erinnernden Sounds mit einem Schuss herzzerreißendem Blues sind extrem mitreißend – und leider äußerst selten.

Maxïmo Park (Docks)

Man gönnt Maxïmo Park ja, dass ihre Fans auch ihre neueren Alben kaufen, hören und die darauf enthaltenden Hits zu schätzen wissen. Es klappt nur nicht, zumindest nicht an diesem Abend. Das Docks ist voll, das Festival meldet Einlassstopp, aber kaum jemand ist hier, um die Songs von »Risk To Exist« oder »Too Much Information« zu hören. Sobald der wie immer sehr charmante Paul Smith einen neueren Song anstimmt, wird’s ruhig in den Zuschauerreihen. Bei »Books From Boxes«, »Girls Who Play Guitars« oder »Going Missing« und ganz am Ende »Apply Some Pressure« singen und tanzen alle ausgelassen. Schön und schade zugleich.

Hypnotic Brass Ensemble (Mojo Club)

Manchmal gibt es beim Reeperbahn Festival Bands, die man allein schon wegen des Ankündigungstextes dringend sehen möchte. Beim Hypnotic Brass Ensemble bleibt einem fast keine andere Wahl. Die sieben Söhne von Jazz-Legende Phil Cohran spielen im Mojo – dem Club, der schon am Eingang mit seinen spacigen U-Boot-Türen in eine andere Welt zu führen scheint. Unter Tage geht’s mit der Hypnose direkt weiter. Auf der Bühne sieht man etliche Blasinstrumente, die Brüder rappen, jazzen und funken das Publikum tropfnass. Selten sind Klischees wahr, aber dieses passt einfach zu gut: Der Saal kocht – und zwar vom ersten Ton an!

Fazerdaze (Terrace Hill)

Amelia Murray ist ein wenig überrascht, dass so viele Menschen gekommen sind. Bei ihrem letzten Auftritt in Hamburg waren es wohl noch deutlich weniger. Seither haben Fazerdaze jedoch ein sehr schönes Album namens »Morningside« veröffentlicht. Die Songs wirken auf der Platte noch ein wenig verhuscht und elektronisch, klingen live dann aber deutlicher nach Rock, sind gitarrenlastiger und stärker von Murrays Stimme dominiert. Songs wie »Jennifer«, »Take It Slow« und »Lucky Girl« unterstreichen die Vielseitigkeit der Band. Gut gelaunt macht Murray ein paar Scherze, schaut sich mit einem charmanten »Do you need anything?« zu ihrer Band um und wendet sich dann ans Publikum: »Can we do something for you as well?« Süß.

Timber Timbre (Uebel & Gefährlich)

Besonders begeistert scheinen Timber Timbre nicht davon zu sein, in den großen Saal dieses Festivals gebucht worden zu sein. Glücklicherweise passt ihre daraus resultierende reservierte Haltung bestens zu der Stimmung ihrer Songs, die so ihre volle Reife und Blüte entfalten: Diese vertrackt groovende Mischung aus Postpunk und einem Blues-Rock, der fast schon an Chris Rea erinnert. Eine konkurrenzlos gute Mischung, die auch live vollumfänglich funktioniert.

White Wine (Terrace Hill)

Viel wurde in den vergangenen Monaten über die Livequalitäten der Leipziger Band um den ehemaligen 31Knots-Frontmann Joe Haege gemunkelt – mit ihrem neuen Album »Killer Brilliance« zeigen sie sich im Vergleich zu jeder vorangegangenen Lobhudelei aber noch einmal verbessert. Streng genommen ist dieses höchst anregende Punk/Jazz-Konglomerat nur eine reizende Vorlage für Haeges Performance-Kunst. Seine Aktivitäten während des einstündigen Sets kurz angerissen: Haege packt den Intro-Fotografen an den Schultern und drückt ihn liebevoll durch den ganzen Raum, Haege nimmt einer Asiatin ihr Handy weg und gibt es ihr wieder, Haege singt durch ein Loch in einer Leinwand, Haege baut eine Landebahn aus Lichterketten durch den ganzen Saal, Haege zieht sich seine Hose aus (das tat er bei 31Knots auch schon). Wenn das nicht die Zutaten für ein Highlight des Festivals sind, weiß ich es auch nicht.

Love A (Molotow Backyard und Große Freiheit 36)

Für Love As Sänger Jörkk Mechenbier sind die Reeperbahn-Shows Heimspiele. Und obwohl der Rest der Band nicht in Hamburg wohnt, kommen sie aus dem Umarmen nicht mehr heraus. Im Hinterhof des Molotow ist es voll, alle scheinen Love A persönlich zu kennen, es wird gegrüßt, getanzt und die Band widmet einen Song nach dem anderen Menschen, die hier im Publikum stehen. Jörkk hampelt herum, ruft das Publikum zum Wählen am Sonntag auf und gibt zu, Schiss vor dem Auftritt in der deutlich größeren Großen Freiheit am nächsten Tag zu haben. Braucht er nicht, auch die ist gut besucht. Nur so ausgelassen wir bei der Hinterhofparty am Freitag wird es am Samstag nicht mehr. Das Set ist ähnlich, wenn auch deutlich länger. »100.000 Stühle leer«, »Braindecoder« und »Weder Noch« bekommen am Vorabend der Bundestagswahl noch mal eine ganz andere Dringlichkeit. Niemand schubst heute, dafür ist der Sound großartig und Love A zeigen, dass sie die großen Räume locker ausfüllen können. 

Let’s Eat Grandma (Prinzenbar)

Gäbe es beim Reeperbahn Festival einen Preis für die schönste Choreographie, Let’s Eat Grandma hätten ihn verdient. Den für den besten Bandnamen natürlich auch. In der wunderschönen, mit Stuck geschmückten Prinzenbar stehen die Musikerinnen in Hosenanzügen, die ein bisschen an Milli Vanilli erinnern, und schütteln ihr Haar, verstecken sich hinter dem Keyboard, tanzen, schütteln wieder ihr Haar und verlieren sich in alten Klatsch-Spielchen. Das ist reichlich seltsam, aber auch wahnsinnig unterhaltsam. Die Musik ist irgendwie Folk, irgendwie Electro, irgendwie Postpunk, irgendwie alles. Ach, und eine Blockflöte spielen Let’s Eat Grandma zwischendurch auch.

Sløtface (Kaiserkeller)

Beim Superintim am Nachmittag haben sich Sløtface noch zurückgehalten, ihre Songs etwas leiser und langsamer gespielt als gewöhnlich. Im Kaiserkeller am Abend jedoch drehen sie auf. Sängerin Haley tanzt ausgelassen, Bassist Lasse verschwindet zwischendurch mit seinem Instrument in der Hand im Publikum und bittet die Anwesenden zum Tanz. Wäre gar nicht nötig gewesen, denn auch so kommt Partystimmung auf. Vielleicht schaffen es Sløtface ja wirklich, Pop-Punk neues Leben einzuhauchen. Beim Reeperbahn Festival sieht es jedenfalls ganz danach aus.