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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

(Fast) Ganz ohne Steppenwolf

So war das Pure&Crafted Festival 2015

Die Motorradkultur wird seit »Easy Rider« in erster Linie mit Lederjacken und Steppenwolf-Songs in Verbindung gebracht. Das Pure&Crafted wollte diesem nicht mehr so ganz aktuellem Bild einen modernen Entwurf entgegenstellen und brachte im Berliner Postbahnhof Bike-Kultur mit handgemachter Musik zusammen. Sarah Neuhaus war für uns vor Ort, um zu schauen, wie gut das funktioniert hat.
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Ganz ohne Steppenwolf geht es dann auch nicht – zumindest in der Wheels Area, die an diesem Wochenende fast den gesamten Außenbereich des Postbahnhofs einnimmt. Hier präsentieren sich die führenden Aussteller der Custom-Bike-Szene und geben sich Mühe auch jene zu informieren und begeistern, die zuvor damit nichts am Hut hatten. Namhafte Werkstätten der Custom Bike Szene sind angereist und zeigen hier, zu was so ein Motorrad eigentlich fähig ist, wenn noch selbst geschraubt wird. »Custom Bike« heißt dabei, vereinfacht gesagt, nichts anderes, als dass sich der Motorradenthusiast das individuelle Wunschgefährt zusammenstellen lässt. Das darf man sich in etwa so vorstellen, wie eine Folge »Pimp My Ride«, allerdings ohne Xzibit, Schrottkarren und bouncende Motorhauben – und eben mit zwei Rädern weniger. In der Wheels Area begegnet man dann auch noch gelegentlich besagten Steppenwolf und ihrer durch »Easy Rider« zum Klassiker mutierten Interpretation von »Born To Be Wild«. Dazu gibt es viel polierten Chrom und immer wieder das laute Röhren einer gerade angelassenen Maschine.

Highlight in der Wheels Area ist aber zweifellos das Motodrom, die älteste reisende Steilwand der Welt, in der Physik unter Adrenalin-Einschuss bei allen Beteiligten anschaulich gemacht wird. Auf den klapprigen Brettern des Kreisels fahren seit 1928 Motorradartisten die „Wall of Death“ hoch- und runter, wahlweise freihändig oder seitlich auf dem Bike sitzend. Ohne Helm – es ist also nicht allzu überraschend, dass diese Speedjunkies damals ihre eigene Unfallversicherung gründen mussten. Dafür sind die Vorführungen aber bestens besucht und die jubelnden Zuschauer werfen fleißig Scheine (oder sind das etwa Organspendeausweise?) in den Kessel des Motodroms.

Auch im General Store, dem Verkaufsgelände des Festivals, zeigt sich die Liebe zum Detail vieler Selfmade-Aussteller. Da kann einem als eine nicht allzu sehr auf Motorräder versessene Frau allerdings auch mal langweilig werden zwischen den Ständen, die sich neben dem großen Thema Bartpflege fast ausschließlich Herrenmode wie Bikerjeans, robusten Boots oder Motorradmerchandise widmen. Versöhnend wirken jedoch die liebevoll hergerichteten Chillout-Bereiche, so dass die Zeit auf einem der Chesterfield-Sofas schnell verfliegt. Vor allem in Begleitung des heimlichen Stars des Festivals, dem im General Store für umme ausgeschenkten Gin.
Freitag eröffnen Friska Viljor dann den musikalischen Teil des Festivals auf der Indoorstage und das Publikum lauscht wohlwollend, wenn nicht gar begeistert. Schön zu sehen, dass eine dem Falsettgesang zugeneigte Band auch hartgesottene Biker zum Schunkeln bringen kann – und die Indiekids, die ebenso zahlreich erschienen sind, natürlich ebenso. Die  Blood Red Shoes bespielen anschließend die Main Stage im Außenbereich des Postbahnhofs mit der von ihnen gewohnten Intensität, die sich vor allem aus der explosiven Verbindung zwischen Laura-Mary Carter and Steven Ansell speist. Dabei wurde getanzt und gepogt, bis dann die Mighty Oaks wieder zum großen Schunkeln laden – diesmal allerdings in Slow Motion. Den Abend beenden die großartigen Psychedelic-Surf-Rocker Allah-Las unter lautem Beifall auf der Indoorstage. Hier offenbart sich dann leider auch eine der Schwächen des Postbahnhofs als Veranstaltungsort: Die Club Stage ist zu klein für den Andrang, die Folge: Einlassstop.  

Ähnlich überzeugend wie die Allah-Las eröffen den Suns of Thyme den Samstag. Die vier Wahlberliner, die mit ihren psychedelischen Klangteppichen voller Garage-Gitarren und Shoegaze-Elementen auch den Soundtrack für eine Timothy Leary -Doku geschrieben haben könnten, füllen schnell die Club Stage und sind die perfekte Eröffnung für den zweiten Festivaltag. Es folgt das gewohnt charmante, dem 50iger Jahre-Sound zugeneigten Geschwistertrio von Kitty, Daisy & Lewis und später am Abend dann der Headliner, die fünf Schweden The Hives, wie gewohnt herausgeputzt in maßgeschneiderten schwarz-weißen Anzügen und voller Tatendrang in Sachen Publikumsentertainment. Eigentlich unglaublich, dass diese Show nach all den Jahren Hives noch immer so gut funktioniert.
Die wahren Headliner sind jedoch die einstigen Hardcore-Erneuerer von Refused, die leider noch im Hellen spielen müssen. Auch wenn an dieser Stelle darüber diskutiert werden könnte, was eine Band, die sich vormals der Kapitalismuskritik verschrieben hat, eigentlich auf ein Festival treibt, das zur Hälfte Motorradmesse und damit Verkaufsveranstaltung ist, stellt sich eher die Frage: Was ist da eigentlich mit dem Sound los? Dennis Lyxzén gibt sein Bestes, schreit sich die Seele aus dem Leib, spring energetisch über die Bühne und sorgt dafür, dass Bühnentechniker nervös werden, wenn er samt Mikro und meterlangen Kabeln tief ins Publikum rennt. Aber was er auch veranstaltete, irgendwie kommt die volle Wucht nur direkt vor der Bühne nicht so richtig an, weil der Sound viel zu leise war. Eine Band wie Refused sollte doch lauter sein als das Geräusch eines startenden Motorrads! Allein schon deshalb, weil diese hochpolitischen Lyrics verstanden werden müssen. Dabei weiß man natürlich, warum das alles so war: Ein Festival inmitten der City bezahlt man halt mit dem Preis, das gewisse, manchmal recht harte Lautstärke-Werte nicht überschreiten darf.  

Dennoch geht man am Ende mit dem Gefühl nach Hause, dass man mit dem Pure&Crafted auch weiterhin rechnen sollte. Der Umzug von Ferropolis nach Berlin hat dem Festival jedenfalls anscheinend eher gut getan, das Gelände ist sehr abwechslungsreich inszeniert, die Stimmung  entspannt, familiär und vor den Bühnen euphorisch und das Konzept geht trotz anfänglicher Skepsis dann doch recht gut auf. Also, Pure&Crafted, wenn ihr am Ende noch ein wenig mehr aufdreht, kommen wir gerne wieder!