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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Ein Fest für Biker und Familien

So war das Pure&Crafted 2017

An einem neuen Ort hat das Pure&Crafted ein passendes Zuhause gefunden. Die Musik wird fast zur Nebensache, so viel gibt es abseits der Bühnen zu sehen und zu staunen.
Geschrieben am
»Wrrooooom, Wrooooom« und dann Applaus und Gejohle. Und weiter »Wrroooom« … ein bisschen verrückt muss man wohl sein, wenn man beschließt, Stuntfahrer im Motodrom zu werden. Zu zweit, zu dritt, zu viert drehen sie im engen Kessel auf Motorrädern ihre Runden, den Zuschauern fallen von dem Lärm fast die Ohren ab, aber vor allem stehen ihnen die Kinnladen offen vor Staunen. Kein Wunder, dass vor jeder neuen Runde die Warteschlangen vor dem Zelt lang sind.

Das Pure&Crafted ist als Zusammenkunft von Motorrad und New Heritage Kultur mit Musik gedacht und das Konzept funktioniert überraschend gut. Das Festivalgelände, zum ersten Mal am alten Kraftwerk Rummelsburg, ist liebevoll gestaltet. In der Wheels Area kann man sich alte und neue Motorräder anschauen, teils im Originalzustand, teils customized von Werkstätten, die sich auf das Besondere spezialisiert haben. Auch wenn man keine Ahnung von Motorrädern hat, bekommt man Lust, direkt eine Runde zu drehen, am besten ausgestattet mit den schönen Helmen, Schuhen und anderen Accessoires, die es in der großen Halle nebenan im General Store zu kaufen gibt. Viele kleine Firmen und Motorrad-Crews stellen sich vor, man kann Tücher batiken oder Anhänger prägen lassen, hübsche Hutkreationen ausprobieren, Gin testen, Deko-Tüdel kaufen oder – und das ist hier ein großes Thema – seinen Bart pflegen lassen und Produkte für Zuhause kaufen. In der industriellen Kulisse des alten Kraftwerks kommt das alles sehr schön zur Geltung. Dass es hier ein wenig nach Öl und Metall riecht, tut sein Übriges.
Draußen scheint zum Glück die Sonne und das Pure&Crafted gleicht eher einem gemütlichen Sommerfest als einem klassischen Festival. Kinder mit knallbunten Ohrenschützern toben in der liebevoll eingerichteten Kinderecke rum und können auf Mouintanbikes und Laufrädern einen »Pure&Crafted-Führerschein« machen. Das ist ziemlich niedlich, vor allem wenn die ganz kleinen mit den Hügeln hadern.

Auf der kleineren der zwei Bühnen hört man am späten Nachmittag den Soundcheck der Giant Rooks, die schon mal auf den Headliner einstimmen und Songs von Interpol anspielen. Ihr Auftritt dann hätte auch ruhig auf der großen Hauptbühne stattfinden können, die nicht vom Lärm des Motodroms beschallt wird. Die junge Band aus Hamm zieht viel textsicheres Publikum. Seifenblasen fliegen, die Stimmung ist entspannt, aber auch ausgelassen und fröhlich. Auch Car Seat Headrest fügen sich mit ihrem Indierock perfekt in die Szenerie ein. 

Schade ist nur, dass Abay und Gurr schon ziemlich früh am Nachmittag gespielt haben. Ein bisschen verschenkt war das schon, zumal die Jägermeister Blaskapelle auf der Hauptbühne später zwar wie immer ein schönes Mash-up aus 90er-Hits und Blasmusik spielt – aber da wären Gitarren schon passender gewesen. Außerdem fragt man sich, was die knapp bekleideten Tänzerinnen rund um die Musikerinnen und Musiker eigentlich sollen. 

Die meisten sind allerdings trotz der schönen Szenerie und trotz der vielen neuen Eindrücke eigentlich hier, um zu sehen, wie Interpol zum 15. Geburtstag ihres Debüts »Turn On The Bright Lights« das Album in voller Länge spielen. Die New Yorker stehen vor einer beeindruckenden Lichtshow, Songs wie »Obstacle I« oder »Stella Was A Driver And She Was Always Down« bekommen eine außergewöhnliche Dramatik. Nur vielleicht ist es Masche und Stil von Interpol, man wird beim Konzert das Gefühl nicht los, dass sie einfach stumpf ihr Set runterspielen und gut ist. Kaum Emotionen, kaum Energie, die Songs versumpfen trotz des ganz guten Sounds. Ganz so, als würden Interpol den Beweis antreten wollen, dass eine Album-Show vielleicht doch nicht die allerbeste Idee ist. Als sie mit den Songs durch sind, sagt Paul Banks schlicht: »This was Turn On The Bright Lights« und dann gibt es – ein Glück – noch ein paar andere Singles zu hören. »Slow Hands« oder »Not Even Jail« werden vom Publikum freudig entgegen genommen. Ein recht durchwachsener Auftritt.

Das Pure&Crafted hat jedoch insgesamt gezeigt, dass dieses vielleicht zunächst schräg wirkende Konzept gut funktionieren kann. Booking und Geländegestaltung sind stimmig und auch Nicht-Motorradfans kommen auf ihre Kosten und werden überrascht. Und dass Kinder willkommen sind und sich nicht langweilen, ist ein weiterer Pluspunkt.