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Steigerung ins Unermessliche

So war das Primavera Sound Festival 2018

Trotz vieler erinnerungswürdiger Ausgaben in den vergangenen Jahren wird das Primavera Sound immer noch besser. Neben einem herausragend vielseitigen Line-up und grandiosen Headliner-Shows von etwa Nick Cave, Björk und The National haben die Spanier es 2018 auch geschafft, ihr malerisch gelegenes Gelände noch besser auszunutzen.

Geschrieben am

30.05.-03.06.18, Barcelona, Parc del Fórum u.a.

Spät am letzten Festivalabend des diesjährigen Primavera Sound findet Bradford Cox, der Frontmann der US-Indie-Band Deerhunter, am Endes seines wieder großartigen Sets die passenden Worte für das, was in den letzten Tagen mehrere Künstler während ihrer Shows zu umschreiben versucht haben: »Thank you Primavera, best festival on earth«. Seit Jahren gilt das an Barcelonas Küste beheimatete Open Air als Liebling von Musikern und Kritikern sowie als Sehnsuchtsort von Musikliebhabern aus der ganzen Welt. Die vielen daraus resultierenden Lobeshymnen wecken zwangsläufig immer höhere Ansprüche an die Veranstalter, und man wartet beinahe schon auf den Punkt, an dem das Festival einen Backlash erleidet oder zumindest stagniert. Stattdessen machte auch die diesjährige 18. Ausgabe die Dinge eher besser als schlechter. So war von den Soundverwehungen, die in den letzten Jahren gerade leiseren Acts oftmals zu schaffen machten, nichts mehr zu spüren. Und leichte Veränderungen in der Geländegestaltung machten es möglich, das Meeresufer des Parc del Fórum auf einer breiten Fläche zu begehen oder als Rückzugsort zu nutzen, wenn man schon aus nachvollziehbaren Sicherheitsbedenken nicht direkt ins Meer springen darf.

Noch wichtiger ist natürlich das Line-up des Festivals, das mit einem Programm, das in Clubs in der Innenstadt begann und endete und sich an den drei zentralen Festivaltagen im Fórum auf ganze 14 Live- und DJ-Bühnen erstreckte, selbst höchsten Ansprüchen genügt haben dürfte. Angesichts der Wucht an Klasse und hochkarätigen Namen blieben nur noch Luxusprobleme übrig, wenn sich etwa die Spielzeiten bestimmter Lieblingsbands überschnitten. Aber das ist bei einem Angebot aus über 220 Acts, die beim Primavera auftreten, zwangsläufig.

Zu den Höhepunkten des mit Künstlerinnen wie Lykke Li, Fever Ray, Lorde, Haim, Charlotte Gainsbourg und Chvrches auch auf den Headliner-Positionen sehr weiblich geprägten Billings zählten am Festival-Donnerstag die aufeinanderfolgenden Auftritte von Björk und Nick Cave And The Bad Seeds. Die Isländerin überzeugte mit einer Bühnengestaltung zwischen Botanischem Garten und angedeuteter Vulva, in der sie ein Set darbot, das sich mit einer Schar an Flötistinnen stark an Stil und Songs ihres aktuellen Albums »Utopia« orientierte. Cave zeigte sich danach zunächst störrisch, fand aber immer besser in sein Konzert hinein, überragte mit einer erstaunlich vielseitigen Songauswahl und bewies eine Energie und theatralische Leidenschaft, die ihm viele Fans nicht mehr zugetraut hätten. Sein Auftritt mit den Bad Seeds, gerade das furiose Ende mit einer ausladenden Version von »Stagger Lee« und dem anrührenden »Push The Sky Away«, wurde so zu einem absoluten Highlight des Festivals.

Am Freitag mussten Veranstalter und Fans die kurzfristige Absage von Migos verschmerzen, die ihren Flug nach Barcelona verpasst hatten. The National, dank eines erstaunlich fitten Matt Berninger mit einem ihrer besten Sets überhaupt, und Tyler, The Creator als nur noch von seinem Bühnengast A$AP Rocky übertroffener Liebling eines immer jüngeren, sich HipHop zuwendenden Primavera-Publikums konnten diesen Verlust aber wettmachen.

Neben vielen anderen exklusiven, konzeptionelleren Auftritten sorgte das Konzert von Jane Birkin zusammen mit dem spanischen Orquestra Simfònica del Vallès am Samstag für einen weiteren Höhepunkt. Mit 65 Musikern im Rücken performte Birkin weitgehend ältere Chansons ihres Lebensgefährten, der französischen Pop-Ikone Serge Gainsbourg, und betonte dadurch nicht zuletzt auch die Vielseitigkeit und Sinnlichkeit des Festivals. Klassisch war dagegen die Wahl der Arctic Monkeys als in Sachen Publikumsgunst alles überragendem Abschluss der Haupttage des Festivals. Aber die Masse vor ihrer Stage unterstrich, wie bedeutsam die Band aus Sheffield mittlerweile ist, obwohl oder gerade weil sie sich von Album zu Album immer wieder verändert hat. Trotz des Drucks der herausgehobenen Positionierung agierte die Band um den in einem an den späten Elvis erinnernden Kostüm gekleideten Frontmann Alex Turner in all ihren Stil-Facetten durchgehend souverän, cool und bemerkenswert pointiert.

Aber auch etwas weniger bekanntere Acts reüssierten auf den vielen Bühnen des Festivals: Die Primavera-Stammgäste Shellac etwa überraschten mit einem Auftritt ohne Bühne mitten im Eingangsbereich des Festivalgeländes, bei der auch Kinder der Band mittrommelten. Und Spiritualized fuhren am Mittwoch beim Eröffnungstag im Parc del Fórum mit Orchester und Chor schwere Geschütze auf, die ihren Sound aber hervorragend erweiterten.

All das tröstete über für das Primavera Sound ungewohnte kleinere bis größere technische Probleme, etwa bei den Sets von Birkin, (Sandy) Alex G und Warpaint hinweg, weshalb das Gros der Künstler die Worte von Bradford Cox auch unterstrichen haben dürfte. Für die kommenden Jahre darf man von dem spanischen Open Air weitere positive Entwicklungen erwarten. Denn am Ende sind die Spanier trotz ihres jahrelangen Erfolges und Ausnahmestatus noch lange nicht.

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