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Tanz die Bourgeoisie

So war das Øya Festival 2015

Nett, netter, Øya. Das renommierteste norwegische Festival ging in die nächste Runde, und es wurde seinem Ruf als eines der ordentlichsten, freundlichsten und grünsten Festivals der Welt wieder einmal gerecht.
Geschrieben am
Zwischen sanft geschwungenen Hügeln sitzen gut angezogene Menschen in kleinen Gruppen auf Decken umher, während Möwen über ihren Köpfen kreisen. Kinder laufen spielend umher, einige Kinderwagen sind zu sehen und sanft klingt eine Melodie herüber. Was als Beschreibung eines Gemäldes des klassischen Bürgertums durchgehen könnte, ist der nachmittägliche Anblick des Øya Festivals. 1999 gegründet und letztes Jahr in den Tøyenpark im Nordosten Oslos umgezogen, kann das Aushängeschild der norwegischen Musikszene nicht verbergen, dass es anders ist als viele andere europäische Festivals.

Im Bild sind zum Ersten keine Ordner zu sehen. Sie sind auch kaum nötig, denn das Festival kann stolz von sich behaupten, dass es während seines sechzehnjährigen Bestehens keine einzige Festnahme gab. Auch der sonst weit verbreitete Festival-Müll fehlt: Horden von Kindern und freiwillige Helfer sammeln sämtliche Bierbecher und sonstigen Unrat in Windeseile hinter den Besuchern auf. Und auch die dritte Festival-Zutat, die Alkoholleichen, werden nirgends auftauchen. Kein Wunder, bei Bierpreisen von umgerechnet fast sieben Euro. Das Øya, ein Sittengemälde.
Statt dessen überall total hübsche, nette, saubere und wohlgekleidete Norwegerinnen und Norweger. Schnell fällt auf, dass das Øya kein sehr internationales Festival ist. Was wohl vor allem an den Preisen liegen dürfte, denn nicht nur das Bier kostet hier doppelt so viel wie anderswo. Die norwegischen Bands, die hier zur besten Zeit auftreten, sind anderswo kaum bekannt, hier aber Stars. So spielt am Mittwoch, dem ersten richtigen Festivaltag nach den Nachwuchs-Showcases am Dienstag, der norwegische Indie-Popsänger Sondre Lerche das Headliner-Set auf der ersten Nebenbühne, während anderswo Caribou auftritt. Lerche hat einen guten, eingängigen Sound. Souveräner Auftritt, das Publikum klatscht mal munter, mal höflich. Auf dem Øya gönnt man sich den Luxus, immer nur die Hälfte der fünf Bühnen zu bespielen. Und weil auf den anderen Bühnen während dessen in aller Ruhe umgebaut werden kann, kommt zu Sauberkeit und Umweltfreundlichkeit auch noch Pünktlichkeit dazu. Es ist zum verrückt werden! Man möchte die Menschen schütteln, jemanden anrempeln oder gleich eine zünftige Schlägerei anzetteln. Einfach nur, um den Laden ein wenig aufzumischen.

Das übernehmen dann aber glücklicherweise die Jungs von Foxygen im Anschluss auf der kleinen Nebenbühne. Die Kalifornier sind inzwischen berühmt dafür, live den Rock'n'Roll zu zelebrieren, aber mit dieser Mischung aus Fuck-You-Attitüde und Broadway-Nummer hatten dann doch die wenigsten gerechnet. Sänger Sam France zeigt Stinkefinger, zieht sich halb aus, räkelt sich am Boden und unterbricht Songs mittendrin, um sich eingespielte Wortgefechte mit Bandkollegen und den drei Tanzdamen zu liefern, die fest zum Liveauftritt gehören. Alles nichts Besonderes im Rockgeschäft, doch hier ist das Publikum dann doch eher konsterniert. Wer bleibt und nicht zum routinierten und professionellen Auftritt von CHIC und Nile Rodgers auf der Hauptbühne flüchtet, erlebt einen der besten Auftritt des diesjährigen Øya Festival. Die Dekonstruktion des Rock erreicht ihren Höhepunkt, als die Band zwischendrin fluchtartig die Bühne verlässt, nur um einen ihrer Hits komplett aus der Konserve zu spielen. Lachhaft, lächerlich, genial. Weil das Øya mitten in einem Wohngebiet stattfindet, endet der Festivaltag im Anschluss - das Nachtprogramm ist auf die Clubs der Stadt verteilt. Kostet zwar extra, dafür bekommt man dann intimere Clubkonzerte, etwa von Viet Cong oder Iceage zu sehen. 
Eine Überraschung wie Foxygen hat der nächste Tag leider nicht zu bieten. An selber Stelle und zur selben Zeit tritt donnerstags die Punk-Combo Honningbarna (Honigkinder) aus Kristiansand auf. Keine Ahnung, worum es in den Texten geht, aber das Publikum singt mit. Und dann gibt es eine Demonstration von Punkgefühl auf norwegisch, als die Band das Publikum darum bittet, die Bühne zu stürmen - und nach nur einem Song alle auch schon wieder runter schickt. Und tatsächlich ist die Bühne in Sekundenschnelle wieder frei! Verdammt, sogar der Punk ist hier brav und folgsam. Zur gleichen Zeit singen Florence + Machine auf der Hauptbühne, während bei Flying Lotus im großen Zelt die Bässe wummern und die Lichtblitze strahlen. Das muss man dem Øya lassen: Für jeden ist hier etwas dabei. Father John Misty und Alt-J für die leichteren Gemüter, Sunn O))) für die Droneheads, Bad Religion für die Nostalgiker und sogar die Tanzwütigen werden gut bedient, als Caribous Dan Snaith solo als Daphni im Elektrozelt auflegt. Hip Hop und Metal kommen die Tage auch nicht zu kurz, mit Run The Jewels, Tyler, The Creator oder In Flames.

Auch der Freitag und Samstag bringen wieder viel Ordnung, gute Organisation und Sauberkeit. Aber auch endlich die erste Menschenschlange! Wenn man schon nicht an den Dixies anstehen muss - mit Desinfektionsmittelspendern! Warum kommt da kein deutsches Festival drauf? - dann wenigstens am Kimchi-Stand. Es hat sich anscheinend herumgesprochen, dass das Zeug lecker ist. Headliner am Freitag ist Beck, der munter mit »Devil's Haircut«  und »Loser« beginnt, im Mittelteil die neueren, ruhigen Sachen spielt und zum Ende hin noch mal durchrockt. Am Samstag zeigt sich das Festival wieder von seiner norwegischen Seite, als Susanne Sundfør den Abschlussgig spielt. 
Was noch bleibt? Den einzigen technischen Ausfall zu erwähnen, der bei diesem sonst so perfekten Festival wie eine erholsame Oase des Unberechenbaren erscheint: Holly Herndons Laptop überhitzt sich und streikt am Freitag im Elektrozelt. In der halben Stunde, die sie zur Reparatur braucht, unterhält ihr Mitbewohner und Mann für die Visuals, das Publikum mit auf eine LED-Wand geworfenen Kurzmitteilungen: »This is the way careers die, Holly.« oder »Rain is good for computer music. The sun is bad.« Eine Nachricht von ihm wird aber bestimmt nicht wahr: »We are never booking you again.« Dafür ist sind das Øya Festival und alle Beteiligten einfach viel zu nett.