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Bildergalerie: München musiziert

So war das on3radio Festival

Unsere Autorin Amélie Schneider hat sich das schick bestückte Festival im Münchener Funkhaus mal näher angesehen. Ein Erlebnisbericht.
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Unsere Autorin Amélie Schneider hat sich das schick bestückte Festival im Münchener Funkhaus mal näher angesehen. Ein Erlebnisbericht.


29.11.08, München, Funkhaus.

"Oh, das soll so schön sein." "Oh, Du hast noch ein Ticket bekommen? Das ist doch seit Wochen ausverkauft!" Zu erzählen, dass man am Samstag zum on3radio Festival geht, ist ungefähr so, wie zu behaupten, man hätte ohne Makler eine Wohnung am Gärtnerplatz bezogen: Da liegt eine Achtung in den Äußerungen, die ich nicht einordnen kann. Hey, es ist doch (nur) ein Indoor-Festival mit (scheinbar) sehr gutem Line-Up! In der lokalen Bandszene noch unbedarft, kann ich leider nur Port O`Brien, Lightspeed Champion und Clara Luzia aufzählen.

Unangetastet von diesem gut klingenden Potpourri, hat jedoch Santi ("Power") White, aka. Santogold ihren Auftritt zugesagt. Hochachtung! Liest sich auf dem Poster zunächst, als hätte das Immergut Festival Nelly Furtado gebucht! Und so schiebe ich mich zwischen all den Brüdern und Schwestern, die Santogold als ihr perfektes Jahresabschlusskonuert stempeln, stundenlang müßig von Raum zu Raum, mit der Frage: Kommt sie wirklich? Was hat sie an? Wann erklingen die Akkorde von "L.E.S. Artistes"?

Der Vergleich mit dem Immergut ist an dieser Stelle kein hinkender, er war mir nie so bewusst wie diesen Samstagabend vor Ort. Wehte der Eindruck mit oben erwähnten annerkenenden "Ahs" schon voraus, dass es sich bei dieser Veranstaltung um eine Perle handelt, wies auch die seit Jahren sehr hochwertig gestaltete Flyer-Optik auf edle Gemüter hin. Da wird Jahr für Jahr eine Idee fortgesetzt, offensichtlich visuell, offensichtlich im Paket, wie ich später staune, als wir das BR Funkhaus, mit Drehtür und Foyer, als wäre es ein 5-Sterne Hotel, betreten. Eine Idee, der es an Enthusiasmus nicht fehlt.
Da hängen mit Edding ausgewiesene Bitten an den Türen, schallen gut geübte Dialoge charmanter Zündfunk-Moderatoren durch die Säle, wird uns mit entspanntem Veranstalter-Lächeln der Pressepass gereicht. Was für ein warmer Empfang! Die üblichen Pfeiler eines Festivals, die Koordinaten Bierstand, Bühne, Klos sind ebenfalls funktional arrangiert. "Indoor" daran ist, dass wir anstehen, um unsere Mäntel der Garderobe zu überlassen und dass der Boden so gewienert glänzt, als wären wir zum Abschlussball gekommen. Wow, wie reizend sich die Wege ebnen, wenn die Mädchen auf schwarzweißen Ankle-Boots klackern und samtweiche Jackets zur Röhre tragen können. Bis auf vereinzelte, ohne Berechtigung angematschte Onitsuka Tiger zu Jeans, geben wir uns alle Mühe, dem Parkett gerecht zu werden. Die Holzvertäfelungen an den Wänden zahlen sich dann später beim Sound richtig aus. Es ist eine Wonne, Klang so erleben zu dürfen. Stürmt die Funkhäuser Eurer Stadt und veranstaltet Konzerte!

Der Festivalstress greift, als mit einem Mal in drei Sälen gleichzeitig Bands aufspielen. Wir kennen keine davon und entscheiden uns für den fröhlichen Bandnamen Frittenbude. Auf der Bühne stehen Deichkind-Lookalikes, die nach Deichkind klingen. Ich bin gerührt. All ihre Freunde sind gekommen und auch die Mädchen aus den anderen Gymnasien. Im Detail wird die jugendliche Rebellion dann praktiziert, als sich meine umliegenden Zuhörer trotz strikten Rauchverbots eine Zigarette teilen. ("So lange keiner kommt..."). Ich bin beeindruckt, aber auch wütend, könnte doch der kleinste Brandfleck die Zukunft des Festivals (im weitesten) und den Auftritt von Santi Gold (zunächst) gefährden. Doch ich kann mich gegen den schleichenden, appetitlichen Zigaretten-Duft nicht wehren und geselle mich nach draußen zu den anderen, unter Heizpilzen zusammengepferchten Rauchern. Eine nette Geste: Von hier kann man die Konzerte in Live-Übetragung auf Leinwand weiter verfolgen. Auch für Hotdogs mit oder ohne Kraut ist gesorgt, mit einem Saucen-Buffet zum Selberdrücken. ("Die Grüne ist geil!")

Doch mehr Konzerte: Cajus, den bayrischen HipHop, streifen wir nur, die Akustik lockt uns direkt in den Hauptsaal zu Österreicherin Clara Luzia, es ist das Cello. Wie schön das klingt, denken wohl alle, denn ich sehe offene Münder und Paare Knäule bilden. Es ist wunderbar, sich dem Raum hinzugeben, das testet auch Sängerin Clara Luzia herself an und genießt ihre Stimme, lächelt und singt und ist schüchtern und beglückt und strahlt das alles aus an all die Oberstufenschülerinnen, die heute zu zweit gekommen sind, weil sie sich die Karten gegenseitig schon vor Monaten geschenkt haben, denn die sind doch immer so schnell ausverkauft.

Wer hier mit wem zusammen ist, möchte man wissen, denn die Sängerin schmachtet in Richtung Schlagzeugerin, doch auch die Cellistin lächelt so hold. Ich freue mich für alle, bis mich die Liedzeilen "We held hands and cried / until the morning light", ungewollt anwidern. Was für ein Kitsch! Da habe ich mit 15 lieber "Dawson's Creek"geschaut und Natalie Imbruglia veehrt. Doch sollen sie schwelgen, es steht ihnen gut.

Video: Clara Luzia - "Morninglight"



Den anschließenden Act kündigt Zündfunk-Otto mit den Worten "Ihr werdet Muskeln bewegen, von denen Ihr gar nicht wisst, dass Ihr sie habt": Buraka Som Sistema aus Lissabon. Fakt ist, wir bekommen mit Petty eine Rapperin zu Gesicht, die das Arschwackeln so umwerfend beherrscht, dass die Erziehungsberechtigten verdutzt zurückweichen und die Hornbrillen-Jungs kurz zögern, ob sie nun glotzen dürfen oder sich kopfschüttelnd abwenden sollten. Die große Mehrheit entscheidet sich gegen die Scham und für den Beat, ein Mix aus angolanischem Kuduro, HipHop und Elektro, zappelt irgendwas brasilianisch anmutendes mit, reißt auf Kommando Hände und Biere in die Luft, errät als richtige Antwort auf die Yo-Yo-Yo´s der MCs "Yes, we can!" und dreht in der Traube kollektiv durch, als Elemente von "Thunder" und "Killing In The Name" eingespielt werden. Das ist dieser Techno-Moment, mit dem Minuten vorher noch keiner gerechnet hat. Und Techno kann München auf Knopfdruck, das wird deutlich. Kreischen im Rhythmus der Leoparden-Hotpants. Endlich riecht es nach Schweiß.

Was danach kommt, sollte eigentlich der Hauptact sein. Doch mit jeder Minute Umbaupause verliert Santogold an Chance. Es hätte ein guter Pausen-DJ richten können, doch das Klavierkonzert vom Band macht müde und satt. Es ist eng zwischen den Menschen, alle sind angespannt und die fremden Ausdünstungen blitzschnell unangenehm. Aus der verheißungsvollen Clubnacht wird gerade ein stickiger Konzertsaal. Sie erscheint und sieht bezaubernd aus. Star, she is. Links und rechts von ihr die Background-Sängerinnen, die auch im "L.E.S. Artistes"-Video ganz nah am Ross harren. Es ist live, es ist echt, es ist kurzes Hochgefühl, aber "L.E.S. Artistes" kommt schon als zweites Lied und die Akkorde spielen, einen wichtigen Tick zu leise, gegen die kurzatmigen glotzenden Schaulustigen an, niemand macht Anstalten sich zu bewegen, so konzentriert sind sie auf ihre paar Zentimeter Platz.

Kein Blitz schlägt ein. Zwei betrunkene Freunde versuchen, den Moment zu forcieren und stürmen nach vorn, werden aber von dem Boyfriend einer Streberin angehalten, zurückzubleiben. So schade, drängeln gilt nicht. Ich wüle mich demonstrativ in die andere Richtung, nach draußen, um meine Vorstellung des Santogold-Auftritts von der Realität nicht kaputt machen zu lassen. Als nach zwanzig Minuten nebenan kanadischer Folk-Rock in Form von Port O Brien anfängt, ziehen einige nach.

Video: Santogold - "L.E.S. Artistes"



Ich bringe noch brav meine Pfandflasche zurück und beobachte versöhnlich die aufgekratzten Mittvierziger BR-Mitarbeiter, die ihren jungen Kollegen am Tresen ein Helles spendieren. Es ist klar, dass es darum geht und ich erwäge kurz, mich für meine Pop-Geilheit zu schämen.