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Die kleine Schwester von unermesslich

So war das NOS Primavera Sound 2018

Nach dem Primavera Sound ist vor dem NOS Primavera: Das Schwesterfestival in Porto entwickelt sich immer mehr zu der perfekten Alternative für alle, denen es in Barcelona zu groß ist. (Bild: Hugo Lima)

Geschrieben am

07.-09.06.2018, Porto, Parque da Cidade

Im Gegensatz zum gigantisch großen Schwesterfestival in Barcelona punktet die kleinere Ausgabe im beschaulichen Porto eine Woche später mit einer entspannteren Atmosphäre und weniger Reizüberflutung. Auch wenn man hier auf einige Highlight-Bands wie Beach House, The National, Spiritualized, Björk und Arctic Monkeys verzichten muss, ist das jüngere Geschwisterchen in der portugiesischen Hafenstadt am Atlantik für Festival-Gänger, die auch ein wenig nach Rekreation suchen, die bessere Wahl. Es gibt weniger Bands und Menschen zu sehen, aber man hat mehr Raum und Zeit zum Fühlen.

Exklusive Acts gibt es beim NOS Primavera allerdings auch, vor allem im elektronischen Bereich. Jamie xx, Motor City Drum Ensemble, Talaboman und Helena Hauff treten nur in Porto auf, wobei letztere aufgrund eines gecancelten Flugs ihre Show kurzfristig absagen musste.

Exklusiv ist auch der Auftritt von Fatboy Slim, der mit seinem auf Party getrimmten DJ-Set das Festival am Mittwoch in der Innenstadt eröffnet – für Ticketinhaber, aber auch für alle anderen gratis. Der alte Meister des Big Beat gerät dabei das eine oder andere Mal an den Grenzbereich zum stumpfen EDM-Geballer, umschifft solche Klippen aber immer wieder gekonnt mit überraschenden Übergängen und seinen eklektischen Samples.

Der Parque da Cidade ist ein sehr ansprechendes Gelände mit einem leicht industriell wirkenden Eingangsbereich, auf dem neben dem Commercial & Food-Bereich die neu ausgerichtete Seat Stage und der leider nicht so gelungene, da an eine Abi-Party erinnernde Indoor-DJ-Club Primavera Bits beheimatet sind. Von hier aus geht der Park in eine schöne Wald-und-Hügel-Landschaft über, auf der man in angenehmer Atmosphäre das Geschehen auf den weiteren drei Bühnen verfolgen kann. Rhye und Father John Misty kämpfen gleich zu Beginn parallel um die Gunst des Publikums und um den inoffiziellen Award des ersten audiovisuellen Highlights des Festivals.

Die 21-jährige Sängerin Lorde ist neben dem DJ-Set von Jamie xx der Höhepunkt des ersten Abends. Jamie punktet dabei mit musikalischer Substanz, Lorde mit Redseligkeit und Tanztheater. Danach geht es in den Bits-Club, bei dem Motor City Drum Ensemble mit einem grandiosen Disco-House-Set die Nacht beendet.

Am Freitag necken sich die erfrischenden Breeders mit Steve Albini, dem Produzenten ihres aktuellen Albums, der kurz darauf wie jedes Jahr mit seiner Band Shellac auf der Parallelbühne auftritt und natürlich ein extrem lautes Brett abliefert. Kuriose Randnotiz: Im Breeders-Song »Driving On 9« übernimmt Kelley Deal das Geigensolo mit einer charmant gejaulten Gesangseinlage, da sich laut ihrer Schwester Kim Deal im Land des Fado komischerweise keine Geigenspielerin auftreiben ließ.

Interessant auch der Kontrast zwischen dem grell-bunten, audiovisuell überbordenden Kollektiv Superorganism und den darauffolgenden Live-Set von Four Tet, bei dem der Beat-Schrauber komplett auf Lichtshow und Bühnenbeleuchtung verzichtet – nur ein müdes Lämpchen brennt am Pult. Beide Konzepte erzielen die gewünschte Wirkung.

Der Main-Act des Freitags ist Rapper A$AP Rocky, der mit seiner One-Man-Show frenetischen Jubel erntet, auch wenn sonst alles nur aus der Konserve läuft, was der musikalischen Vielfalt seiner mit Gaststars gespickten Alben nicht immer gerecht wird.

Luxusprobleme durch Auftrittsüberschneidungen wie in Barcelona gibt es auch in Porto zuhauf: die Konzerte von Grizzly Bear, Fever Ray, Thundercat und Unknown Mortal Orchestra konnten mit nur einem Paar Augen und Ohren leider nicht verfolgt werden.

Der Samstag steht ganz im Zeichen der grandiosen Nick Cave & The Bad Seeds. Wie schon beim sagenhaften Auftritt in Barcelona sucht der energetische Australier die Nähe zum Publikum, stachelt es in einem Moment an und versöhnt sich im nächsten Moment gleich wieder mit ihm. »The Wheeping Song«, »Stagger Lee« und »Push The Sky Away« geraten zur gemeinsamen Messe, während Warren Ellis und die Bad Seeds trocken bis mitreißend als Backing Band brillieren. Der schon den ganzen Tag andauernde Regen ist für einen ganzen Konzertmoment mehr als vergessen. Leider beeinträchtigt er jedoch die Konzerte der darauffolgenden The War On Drugs und Mogwai stärker, da beide Bands nicht ihr volles Klangspektrum auffahren können und der Sound des Öfteren unter den unschönen Klangverwehungen leidet. 

Nach drei Tagen Porto lautet das Fazit: Wer es in Sachen Publikumsmasse gerne etwas kleiner mag und ein hervorragendes, internationales Hybridfestival mit einer ambitionierten Auswahl aus Indie-Rock, HipHop und elektronischer Musik in entspannter Atmosphäre gucken möchte, kommt ums NOS Primavera nicht herum – solange man sich den neidischen Blick auf den ein oder anderen Act beim großen Schwesterfestival spart. Dann ist die einzige Lösung, einfach beide zu besuchen!

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