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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Zum letzten Mal »ein Fest von Intro«

So war das Melt 2018

Einmal kommen wir noch mit der Nostalgie-Keule. Der Grund: Wir waren auf dem Melt, das ja lange Jahre eine enge Verbindung mit Intro hatte und sich sehr nett von uns verabschiedete. Deshalb warfen wir uns ebenso melancholisch wie euphorisch in eine sonniges Wochenende, mit u. a. Fever Ray, Florence + The Machine, The Blaze und Jon Hopkins.

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Natürlich werden die zahlreichen internationalen Melt-Gäste nicht so genau wissen, warum denn das Melt an vielen Stellen einem Ding namens Intro dankt. Aber alle, die Teil davon waren oder zu den Intro-Leserinnen und -Lesern zählen, können nicht übersehen, dass die beiden sich in diesem Jahr etwas zu sagen haben. Nämlich ein lautes »Danke!« in beide Richtungen. Wer es also nicht weiß: Als das Melt 2004 auf der Kippe stand, ist der Verleger des Intro Matthias Hörstmann mit seinem Team eingestiegen, weil der Spirit und die Offenheit in Sachen Booking der Intro-Philosophie sehr nahe standen. Mit den Jahren wurde das Verlagsgeschäft und die Festivalveranstaltung allerdings geschäftlich mehr und mehr getrennt – weil beide Geschäftsfelder, nun ja, nicht gerade risikoarm sind. Deshalb – falls auch das jemand noch nicht geschnallt hat: Intro wird es leider nicht mehr geben, das Melt natürlich schon.

Deshalb geht es vielleicht klar, dass wir hier ein wenig nostalgiebesoffen unter den Baggern tanzen – oder am Autoscooter, den Intro das gesamte Wochenende beschallt und dabei so manchen zur ersten Autoscooterfahrt seit 14 Jahren treibt. Trotzdem scheint uns recht schnell die Sonne auf die Stirn und aus dem Arsch, denn das Melt 2018 ist mal wieder eine wahnsinnig aufregende und gleichzeitig entspannte Angelegenheit. Seitdem das Festivalareal um den bunten Forest erweitert wurde, der vor allem das reine Feierpublikum, das sonst nur den Sleepless Floor hatte, anzieht, verteilt sich das Publikum so gut auf dem Gelände, dass man sich nur selten irgendwie bedrängt fühlt. Zugleich ist es jedoch eine mutige Entscheidung, die Hauptbühne zu vergrößern und auf die Zeltbühne zu verzichten – was vor der Melt Stage eine Fläche schafft, die man nur füllen könnte, wenn sich wirklich alle 20.000 Gäste dort versammeln würden.

In Sachen Line-up lässt das Wochenende kaum Wünsche offen – egal, ob man jetzt zur Techno-Fraktion gehört, dem Melt-Credo der Genre-Verschmelzung anhängt, oder aber auf die ganz großen Namen steht. Über allen anderen Namen thronen da in diesem Jahr Florence + The Machine und The xx an der Spitze des Tourplakates, die beide auf ihre Weise glänzen. The xx sind mit ihrer perfekt abgestimmten Licht- und Videoshow und ihrem Sound, der unsere Stimmung perfekt trifft und überhaupt zu jedem Sommersonntagabend passt. Und Florence Welch am Freitag, die wie ein beseelter Derwisch über die Bühne wirbelt, ins Publikum hinabsteigt, ihre Fans mit Stirnküssen „segnet“ und während ihrer Show mehr Meter macht als so mancher WM-Teilnehmer der deutschen Mannschaft. Wie sie bei dem Fitness-Programm auch noch diese überirdische Stimme so glasklar in die Nacht gesungen bekommt, weiß wohl nur sie.

Die geniale Fever Ray wiederum hat nicht ganz so leichtes Spiel, was nicht wirklich wundert, wenn man ihre bisherigen Liveshows kennt. Obwohl die Songs von „Purge“ durchaus Hitpotential haben, wird sie es ihrem Publikum eben nie leicht machen und weiterhin mit Gender-Bending, Fetisch- und Goth-Elementen und verstörenden Kostümen herausfordern. Jon Hopkins (am Freitag) und The Blaze (am Samstag) sind dann die perfekte Wahl für den Abschluss der Melt-Stage. Hopkins verzichtet überwiegend auf die sphärischen Tracks seines aktuellen Albums und massiert uns mit massivem Bass das Gesicht, während er die Bühne mit wunderschönen Visuals ausfüllt. Noch besser bekommen das The Blaze hin, die heiß gehypten franzöischen Cousins Guillaume und Jonathan Alric, deren sphärischer Electro vor allem in Verbindung mit den dazugehörigen Kurzfilmen für Schnappatmung sorgt. Das erstaunlich simple aber schöne Bild-Bühnen-Licht-Konzept schafft das beinahe unmögliche: den Übertrag in eine Live-Situation, der man ebenso gebannt zuschaut wie ihren YouTube-Filmen.

Ansonsten bleibt es unmöglich alle Facetten und alle Acts mit Eindruck hier abzureißen. Die Melt Selektor Stage mit dem von Modeselektor kuratierten Programm hat mit Sevdalizas Show eine der spektakulärsten und mit der von IAMDDB eine der bekifftesten, die Superdry Stage traut sich, den Popstar in the making Mavi Phoenix direkt nach dem Krachfanal von Lanark Artefax auf die Bühne zu schicken, der mit seinem Drone-Industrial-Electro daran arbeitet, die Tore zur Hölle zu öffnen. Der Sleepless Floor bleibt beliebt wie eh und je, auch wenn wir einmal die laut gestellte Frage aufschnappten: »Seit wann ist der Sleepless eigentlich so voll von Typen, die aufs Resteficken aus sind und wirklich jede Frau eklig antanzen?« An der Hauptbühne gibt es immer wieder mal schöne Überraschungen, wenn zum Beispiel Gurr das Kunstück hinbekommen, als erster Act am frühen Nachmittag parallel zum Fußball Public Viewing die müden Gestalten in brütender Hitze zum Tanzen zu bringen. Oder wenn Tyler, the Creater arschcool wie immer mal eben eine ganz Nummer liegend in entspannter Rückenlage singt und ansonten die riesige Bühne sehr gut ganz alleine ausfüllen könnte.

Zwischen all dem landen wir dann aber doch wieder im Kreise unserer Liebsten und eskalieren Abend für Abend am Autoscooter, der über das Wochenende einen erstaunlichen Sog entwickelt. Irgendwie passend – lebt doch auch diese Erfindung vom Glanz einer Jugend, die auch irgendwann einmal zu Ende gehen muss.

Danke Melt! Es war uns ein Fest – und nächstes Jahr hast du die meisten von uns natürlich trotzdem an den Hacken.