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Weinprobe, halbtrocken

So war das Heimspiel Knyphausen

Während überall in Deutschland Festivals abgesagt werden mussten, konnte das familiäre Heimspiel Knyphausen in Eltville am Rhein fast wie geplant stattfinden. Zu gutem Wein statt Becherbier spielten Acts wie Kante, Gustav, Cold Specks, Yasmine Hamdam, die Villagers und der Quasi-Gastgeber Gisbert zu Knyphausen.
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Die große Frage, die man sich alle Jahre wieder stellt: Ist das Heimspiel Knyphausen nun eines der gemütlichsten Festivals Deutschlands oder bloß die geschmackssicherste Weinprobe im Rheingau? Wobei der Autor dieser Zeilen das Prädikat »geschmackssicher« lediglich für das Line-up aussprechen kann. Da er sich Jahr für Jahr nur den trockenen Riesling »Der Knippie« hinter die Binde kippt, hat er keine Ahnung, ob auch die anderen Weine so gut schmecken (er überlegt gar, sich »Knippie 4ever« auf den Trinkarm zu tätowieren).

Wer es noch nicht kennt: Das Heimspiel Knyphausen findet seit sieben Jahren auf dem Draiser Hof in Eltville-Erbach statt, dem Familienwohnsitz und Weingut der zu Knyphausens, dessen Sohn Gisbert wohl einer der spannendsten deutschsprachigen Songwriter unserer Zeit ist. Das Line-up ist mit drei bis vier Bands pro Tag überschaubar und eben recht geschmackssicher, zumindest, wenn man auf gehobene Songwritingkunst und vorwiegend akustische Gitarren steht. Mit Festivals, wie sie sonst auf unserer Website verhandelt werden, hat das alles recht wenig zu tun. Bier gibt’s nur im Backstage, dafür bekommt jeder Gast ein Weinglas mit dem Line-up des Tages und kann sich an den Hausweinen betrinken. Keine Ahnung, ob die jetzt überdurchschnittlich günstig sind, aber wann hat man sich denn schon das letzte Mal für 12,50 Euro so angeschickert, dass man am Ende grinsend den Platz verlässt? Auf dem Festivalgelände zelten kann man indes nicht, was zur Folge hat, dass sich das Publikum auf die Hotels, Pensionen oder Campingplätze der Region verteilt und man am ganzen Wochenende immer wieder selige Indie-Kids trifft, die Tourie-Dinge tun, als wären sie ihre eigenen Eltern. Bootsfahrten, Rheinwanderungen, Rosengartenbegehungen, Klosterbesichtigungen, ein junges Paar wollte gar Brombeeren pflücken fahren. Und hey, das ist nicht spießig, das ist toll!
Am späten Samstagnachmittag trifft man sich dann auf dem Draiser Hof (durch die Sturmwarnungen ein paar Stunden später als geplant), um nach einer Ansprache von Gerko Freiherr zu Knyphausen zum Beispiel dessen Sohn Gisbert zu sehen, der mit einer Soloshow das diesjährige Heimspiel eröffnet. In den letzten Wochen und Jahren war er oft mit der Kid Kopphausen Band unterwegs, um das Erbe seines leider verstorbenen Bandkollegens und Freundes Nils Koppruch weiterzutragen, diesmal reichte eine Akustikgitarre, mit der sich Gisbert zu Knyphausen dann aber trotzdem erneut vor Koppruch verneigte (kann man ja auch einfach nicht oft genug tun) und seine Interpretation des Fink-Stücks »Durchreise« sang. Drumrum gab es eine gute Mischung seiner Solostücke, an denen sich viele einfach nicht satt hören können. »Kräne« zum Beispiel, »Verschwende deine Zeit« oder »Dreh dich nicht um«. »Danke, dass ihr immer noch kommt und euch das hier anhört, obwohl neue Songs, äh, immer noch auf sich warten lassen«, sagt er irgendwann, und erntet dafür eher amüsierten als verärgerten Applaus. Aber warum soll man sich denn auch beschweren? Zwar hat Gisbert zu Knyphausen seit 2008 »nur« zwei richtige Studioalben und eben das Kid Kopphausen-Projekt, aber dafür hat er sich jegliches Füllmaterial gespart und beobachtet vermutlich selbst recht erstaunt, wie alle immer wieder diese Lieder hören wollen.

Überraschung des Samstags dann: der Auftritt der Wienerin Eva Jantschitsch alias Gustav. Musikalisch irgendwo zwischen anspruchsvollem Pop, wilden Klangexperimenten, Kirmes-Schlager und Punkspirit brachte sie das Publikum, das sich ungefähr Fifty/Fifty aus Anwohnern und Angereisten zusammensetzt zum Mitschunkeln, bevor sie ihnen mit ihren Texten immer und immer wieder gegen die Stirn oder in den Nacken schlug. Ein schönes Gefühl, ob mit oder ohne Wein. Im Anschluss dann Kante mit einem ihrer in letzter Zeit raren Festivalgastspiele, für das sie Einblicke in ihr Theaterschaffen der letzten Jahre geben und diese gekonnt vermischen mit ihren großen Songs von einst. Ach, und wo man einen Kracher wie »Zombie« so hört, da wünscht man sich doch genau diese Kante aus dieser dunklen, wütenden Phase zurück. Aber, sie verrieten uns ja unlängst im Interview, dass sie wieder ein reguläres Album machen wollen. Bitte, gerne!

Der Sonntag gerät dann aufgrund der Wetterlage eher halbtrocken, was man aber gekonnt mit besagtem trockenen Riesling auskontern konnte. Hier wird es dann auch hörbar internationaler, nachdem die »Heimspiel Hoffnung« Bees Village vielleicht etwas zu hippiesk harmonisch, aber mit schönen Gesangsstimmen die Bühnen eröffnet. Wenig später dann die Britin Al Spx mit ihren Cold Specks, die gekommen ist, um düstere Lieder über die Liebe und beschwingte über Enthauptungen zu singen. Zwar zündet im einsetzenden Regen nicht jeder ihrer Songs, aber spätestens bei »Blank Maps« singen all ihre alten und die neugewonnenen Fans diese wunderbare Zeile: »I am, I am, I am, I am a god damn believer!« Yasmine Hamdan aus dem Libanon folgte, und auf sie hatten sich zumindest all jene gefreut, die sie aus Jarmuschs »Only Lovers Left Alive« kennen, in dem sie sich selbst in einer kleinen Rolle spielt. Aber schon zuvor bewegte sie sich zwischen den Klängen und der Sprache ihrer Heimat und der Indie-Welt – zuerst mit ihrer Band Soap Kills später mit ihrem Soloschaffen und durch Kollaborationen mit Coco Rosie oder dem Produzenten Mirwais. Das immer noch etwas zu feuchte Finale, was am Regen nicht am Wein liegt, bestreitet Conor O’Brien mit seinen Villagers. Wer sich fragt, ob diese sich oft recht leise anschleichenden Songs für einen Headliner-Slot taugen, der hat die Villagers wohl einfach noch nicht live gesehen. Hey, wer solche simplen, starken Zeilen schreibt, der gehört genau da hin: »I was a dreamer / Staring out windows /Out onto the main street / Cos that's where the dream goes.«

Zur Hauptstraße ging es dann auch für den Autor dieser Zeilen. Ein kleiner Fußmarsch zu einer Erkenntnis, die man auf dem Rock am Ring nie laut aussprechen dürfte: Gar nicht so schlecht, bei einem Festival ein Hotelzimmer zu haben.