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Rundum sorglos

So war das Haldern Pop Festvial 2015

Schön, wenn Tradition nicht Stillstand bedeutet. Das Haldern Pop Festival bewahrt sich auch im 32. Jahr seine Eigenarten und liefert einmal mehr den perfekten Sommerurlaub auf dem Lande.
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Irgendwie wird es schon beinahe langweilig, Loblieder auf das Haldern Pop Festvial zu singen. Aber was will man machen, wenn auch 2015 im kleinen, niederrheinischen Dorf Rees-Haldern wieder alles so läuft, wie man es sich als Festival-Freund wünscht? Mal abgesehen von ein bisschen Regen, der am Samstag die Auftritte von Father John Misty und The Slow Show in Mitleidenschaft zieht. Allerdings hat Haldern auch auf spontane Wolkenbrüche eine passende Antwort. Zu Rudi Carells »Wann wird’s mal wieder richtig Sommer« wird vor der Hauptbühne die Umbaupause zum Regentanz genutzt.
Die meiste Zeit scheint allerdings die Sonne und sorgt zusammen mit dem feinen Bühnenprogramm für strahlende Gesichter und Sommerurlaubsstimmung. Direkt am Donnerstag bespielen AnnenMayKantereit und Bilderbuch dementsprechend gutgelaunt die Byzanz-Stage im Biergarten. Zwei angesagte junge Acts auf dem Sprung zu Popstars in verhältnismäßig überschaubarem Rahmen. Haldern Pop beweist sein Booking-Geschick. Es sollte einen nicht wundern, wenn man einen oder beide im kommenden Jahr auf der Hauptbühne wiedersieht. Ein Highlight im Spiegelzelt sind am Eröffnungstag die französisch-kubanischen Schwestern Ibeyi, deren einnehmender Doppelgesang vor minimalistischer Beatkulisse perfekt unter das samtene Zeltdach passt.

Überhaupt: Während man bei vielen Festivals Künstlerinnen und weibliche Bandmitglieder mit der Lupe suchen muss, stellt sich diese Geschlechter-Frage beim Haldern nicht. Soak macht am Freitagabend eine gute Figur im Zelt, nachdem sie am Mittag bereits in der Kirche spielen durfte. Kate Tempest hat zu dieser Zeit bereits die Hauptbühne zu Begeisterungsstürmen hingerissen. Doch zum eigentlichen Main Event entwickeln sich einige Stunden später Savages. Die hereinbrechende Dunkelheit passt perfekt zum bedrohlichen, schroffen Post Punk der Britinnen. Vor allem Sängerin Camille Berthomier alias Jehnny Beth umgibt eine Aura der Gefahr. Selten konnte man in letzter Zeit eine derartig beeindruckende, charismatische Frontfrau erleben. Ihr Balance-Akt über die Crash Barriers in der ersten Reihe in hochhackigen Schuhen wird zu einem Bild des Festivals.      
Ebenfalls laut und richtig gut präsentieren sich am späteren Freitag im Zelt auch Viet Cong, deren ausufernde Noise-Passagen an Dinosaur Jr. oder Sonic Youth denken lassen. Einen Tag darauf sind die anderen Krachmacher von Iceage leider etwas schwächer und überfordern sich und das Publikum etwas mit vielen Rhythmus- und Stimmungswechseln. Zudem wirkt Sänger Elias Bender Rønnenfelt ein bisschen mehr angeschlagen, als förderlich. Vielleicht einfach zu wenig Grundlage. Hätte er wohl besser mal an einem der Essensstände zugeschlagen. Pommes aus frischen Kartoffeln, das obligatorische Handbrot oder eine Reispfanne vom ökologisch einwandfreien Gemüsebauern stehen zur Wahl. Nur einen Stand für frisch pürierte Babynahrung sucht man vergebens, was bei der gewachsenen Zahl an Neugeborenen und Kleinkindern sicher ebenfalls ein voller Erfolg gewesen wäre.

Haldern bedeutet Kooperation und Konstanz. So spielt Conor O’Brien mit seinen Villagers bereits zum dritten Mal am Niederrhein, darf in diesem Jahr allerdings erstmals mit einem extralangen Set am Freitagmittag das Spiegelzelt eröffnen. Passend zur stimmungsvollen Umgebung hat der Ire seine Lieder sanfter arrangiert. Traurige Musik im Glanz der Mittagssonne, die man auch vom Biergarten aus über eine Leinwand verfolgen kann. 

Weitere Beleg der Halderner Kreativität in Bezug auf das Erschaffen besonderer Konzertsituationen liefert einerseits das klassische Ensemble stargaze, die Bear’s Den am Donnerstag in der Kirche unterstützen und am Samstag erneut bei The Slow auf der Bühne stehen. Hier gesellt sich auch der Chor Cantus Domus hinzu, den man zuvor bereits am Freitag beim gutgelaunten Auftritt von Alcoholic Faith Mission erleben konnte. Ebenfalls schön aus der Kategorie »Zu Besuch bei Freunden«: Tanzbare elektronische Musik aus dem Hause Erased Tapes, Nils Frahm und Kiasmos besuchen sich in der Samstagnach auf der Hauptbühne gegenseitig bei ihren Auftritten.

Auch die Tour Of Tours mit Honig, Tim Neuhaus & The Cabinet, Ian Fisher, Town Of Saints und Jonas David lebt den gegenseitigen Austausch. Fünf Acts verschmelzen zu einer Band und feiern eine Revue die von Indie Pop über Country bis zu postmodernem Folk reicht. Ein Spektakel, das sich bei der zurückliegenden Clubtour mitunter auf bis zu zweieinhalb Stunden ausdehnte. Am Samstag müssen rund 45 Minuten plus Zugabe reichen.  
Nicht unerwähnt bleiben sollen außerdem einige alte Hasen. Olli Schulz ist gewohnt lustig, aber auch etwas routiniert. Marcus Wiebusch dagegen zeigt sich bestens gelaunt, schlagfertig und mit einem Ritt durchs Repertoire von But, Alive über Kettcar bis zur aktuellen Solo-Platte. Auch deus wagen einen Rundumschlag und liefern am Samstag ein Best-Of-Set, dem man die Erfahrung von 20 Jahren im Geschäft auf positive Weise anmerkt.  

Haldern Pop Festival wir kommen wieder.