×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Wiese lockt

So war das Haldern Pop Festival 2014

Im Sommer lockt der Niederrhein. Beim 31. Haldern Pop Festival herrscht Ferienlagerstimmung bei Qualitätsbeschallung und angenehm entspannter Atmosphäre.
Geschrieben am
Im Vergleich zu den vergangenen Jahren wurde das Programm des Haldern Pop in Sachen Stilvielfalt insgesamt nochmals erweitert. So gibt es mit Patti Smith sogar eine waschechte Headlinerin von Legendenformat und auch für Freunde gehobener Lautstärke ist an jedem Tag gesorgt. Am Donnerstag ist es das britische Duo Royal Bloods, das mit brachialem Garagen-Blues-Rock die Bretter im Spiegelzelt zum Wackeln bringt, Freitagnacht bildet sich an gleicher Stelle beim mitreißenden Auftritt der Black Lips sogar ein Mosh-Pit. Und auch am Samstag kann man im Zelt mit Speedy Ortiz laute Klänge fernab jeder Folk-Harmonie genießen. Die junge amerikanische Indie-Band um Sängerin Sadie Dupuis baut ihre kantigen Songs aus Punk Rock und Grunge-Versatzstücken, ohne dabei die süßen Melodien zu vergessen. 
Die Bühne im Biergarten trägt in diesem Jahr den malerischen Titel Byzanzstage. Der amerikanische Songwriter Kurt Vile spielt hier mit seiner Begleitband The Violators, deren 2013er-Album »Wakin On A Pretty Daze« dann auch nahezu in Gänze aufgeführt wird. Slacker-Rock in Reinform wie frisch aus den frühen 90ern, der zum Nachteinbruch am Donnerstag ganz hervorragend passt. 
Dennoch, eine der Stärken dieses Festivals sind und bleiben die Acts aus der Folk-Ecke. So ist die Kategorie der »klassischen« Haldern-Bands auch 2014 wieder hochwertig besetzt. Bereits am Donnerstag laden Trampled By Turtles zum Squaredance auf der Bühne im Biergarten. Die Band aus Minnesota führt mit ihren Alben regelmäßig die US-Bluegras-Charts an, darf hierzulande aber gerne noch als unbeschriebenes Blatt gelten. All The Luck In The World dagegen haben sich nicht zuletzt durch den Hit »Never« europaweit einen kleinen Ruf erspielt. Die Iren entschädigen die Glücklichen, die es im Dauerregen des Freitagnachmittags ins Spiegelzelt geschafft haben mit wärmenden Harmonien für das miese Wetter. 

Honig sind über die Zeit den engen Konventionen des Folk mehr und mehr entwachsen, was sich nicht zuletzt in der fünfköpfigen Besetzung zeigt. Nachdem die Band, deren neues Album Mitte August beim Festival-eigenen Label erscheint, vor zwei Jahren im Spiegelzelt spielte, steht in diesem Jahr die feuchte Hauptbühne an. Mit verschiedenen befreundeten Gastmusikern und einer lokalen Bläsertruppe im Gepäck gerät der Auftritt zum umjubelten Heimspiel.

Das schwedische Schwesternpaar First Aid Kit inszeniert ihren sanften 70’s-Folk-Pop stilecht mit hippiesken Kleidern und erhält am Samstag auf der Hauptbühne Unterstützung von der golden scheinenden Sonne. Wenig später bereichern sie als Chor beim Auftritt von Conor Oberst dessen groovende Folk Rock-Revue. Die Backingband geben Dawes aus Los Angeles, die früher am Tag ebenfalls ein eigenes, souveränes Set im Spiegelzelt gespielt haben. Oberst scheint sichtlich Freude am Zusammenspiel zu haben und gerät in einen Rausch, bei dem auch einige Bright Eyes-Klassiker zu hören sind. Ein Auftritt, der dem großen Namen gerecht wird. Dagegen bleiben Chet Faker, dessen Show am Freitag zudem vom Regen überlagert ist, und Fink, dem die Hauptbühne am Samstagabend wohl doch etwas zu groß ist, eher glanzlos.
Eine Band, die wohl die wenigsten vorher auf der Rechnung hatten, sind Ought. Drei Amerikaner und ein Australier, die ihre Studienzeit in Montreal verbringen und dort mittlerweile von Constellation Records unter Vertrag genommen wurden. Ihr scheppernder, verquerer Post Punk, scheint zugleich Einflüsse britischer Bands der ausgehenden Siebziger, wie aus amerikanischem Indie der späten 80er und frühen 90er zu haben. Sänger Tim Beeler, dessen Bewegungen an David Byrnes beste Zeiten erinnern, geht in der Rolle des Frontmanns vollkommen auf und hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. Ebenfalls bisher in Deutschland recht unbekannt sind The Slow Show. In Großbritannien gilt die junge Band als einer der Tipps des Jahres und ihr Konzert im Spiegelzelt am Donnerstag lässt zwischenzeitlich erkennen, warum. Der tiefe Gesang und auch einige der Melodien legen den Vergleich zu The National nahe, wobei The Slow Show insgesamt ein reduzierteres Tempo fahren.
Als finaler Festival-Act der Hauptbühne lädt Connan Mockasin am Samstag kurz nach Mitternacht zur Pyjama Party und hat sein Schlafgewand passenderweise bereits an. Ebenso interessant sind sein Hut und die Tatsache, dass im Verlauf der Show offenbar immer mehr Backgroundtänzerinnen und Kumpels hinzustoßen. Dazu gibt es Songs, die ebenso funkeln wie die Outfits. Weirdo Pop meets Soft Rock und legt eine heiße Spur in Richtung Schlafzimmer. Der junge Sänger Kwabena Adjepong alias Kwabs beeindruckt dagegen im Anschluss als letzter Künstler im Spiegelzelt mit einer vollen Soul-Stimme, die sich mit minimalistischen Arrangements aus Piano, Synthie und Akustikgitarre ergänzt. Unlängst produzierte der Londoner auch einige Stücke mit SOHN, eine sehr schlüssige Kombination. Ein zeitgemäßer R’n’B-Entwurf, der zwar Wert auf Technik und Perfektion legt, ohne jedoch das Gefühl vermissen zu lassen.  

Von intimen Piano-Konzerten im Keusgen Tonstudio, über den stimmungsvollen Auftritt des britischen Durchstarters Sam Smith in der Dorfkirche bis zum beinahe obligatorischen Sprung in den Nahe gelegenen See, gibt es wie in jedem Jahr auch 2014 abseits des eigentlichen Festivalgeländes in Haldern einiges zu entdecken. Ein Mikrokosmos, den viele der Besucher über Jahre liebgewonnen haben. Nicht nur der hohen Anzahl von Kindern auf dem Campinggelände ist es zu entnehmen, dass dieses Publikum sich mit seinem Festival entwickelt. Das Haldern Pop lebt von einem gegenseitigen Einverständnis, das auch in diesem Jahr zur vollsten Zufriedenheit erfüllt wurde.  

Weitere Bilder vom Wochenende gibt es in der Fotostrecke.