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Kontrastieren und verschmelzen

So war das Flow Festival 2015

Die Art, wie das Flow Festival in Helsinki Pop und Kunst, Dance und Rock, Anspruch und Style zusammenbringt, kann und darf für viele andere europäische Open Airs zum Vorbild werden.
Geschrieben am
Um das Flow Festival für sich zu entdecken, muss man schon ein bisschen Aufwand betreiben: Erst in den äußersten Nordosten der Eurozone ins finnische Helsinki fliegen, dann in die nördliche Küstenregion der Stadt fahren, in den Stadtteil Sörnäinen. Wenn man dort dann einen Berg Kohlegestein und die Schornsteine eines alten Kraftwerks hinter sich gelassen hat, ist man schon fast angekommen. 

Tatsächlich könnte der Kontrast zwischen Sörnäinen mit seinem Mix aus Industrie, Shopping Malls und sozialem Wohnungsbau auf der einen und dem Flow Festival auf der anderen Seite kaum größer sein. Denn das bereits abgebaute Grundstücksteil des (noch aktiven) Kraftwerks sieht so beeindruckend aus wie kaum ein anderes Festivalgelände in Europa. Dafür sorgt ein reizender Gegensatz aus einer detailverliebten, aber nie überfrachteten Dekoration und alten Lagern, Gasometern und anderen Produktionsstätten, die zu sehr unterschiedlichen, aber allesamt sehr charmanten Spielstätten umfunktioniert wurden. Ein bisschen erinnert das an alte Zechen im Ruhrgebiet, die Melt!-Spielstätte Ferropolis oder das Arena-Gelände in Kreuzberg, auf dem seit letztem Jahr das Berlin-Festival stattfindet. Oder vielleicht besser: an eine Mischung aus alldem.
Die Bühnen, die diesen Ort während des Flow-Wochenendes beleben, sind sehr variantenreich angelegt und bespielt. Es gibt eine Open Air-Mainstage, zwei riesige Zelte und diverse Werkstätten und Lagerhallen, in denen Kleinkonzerte, Installationen oder Performances stattfinden. Auch das ist eine Qualität des Flow: Der Spagat zwischen Anspruchsvollem und Crowd-Pleasern ist in seinem Programm perfekt austariert. Selbst als regelmäßiger Festivalbesucher hat man es selten erlebt, dass die Ambition, Kunst in ein Pop-Festival zu integrieren, so passend aufgeht. Selten ein Festival besucht, das eigentlich keinen überflüssigen Act im Line-up hat.

Dementsprechend kann man die kleinen Enttäuschungen an drei Tagen voller Konzerte auch an einer Hand abzählen: Zuvorderst Ex-Moloko-Frontfrau Róisín Murphy, die mit einem überambitionierten Verkleidungs-Set ihre alten Hits (»Sing It Back«) mit unmöglichen Versionen gleich reihenweise zu Grabe trug. Oder Major Lazer, die in einer überkandidelten Konfetti-Show wieder mal zeigten, dass ihnen eigentlich gar nichts zu blöd ist (auch nicht Reel 2 Reals alter Eurodance-Heuler »I Like To Move It«).  

Wie man Kostüme, Effekte und Hits dagegen stilvoll auf die Bühne bekommt, bewiesen wieder mal die Pet Shop Boys mit einer alle Synapsen reizenden Show. Oder aber Nile Rodgers’ Chic, die ihre eleganten Soul- und Disco-Evergreens und alle anderen Hits, an denen Rodgers je beteiligt war, in tränenrührenden, aber auch überraschend frisch klingenden Medleys vereinten. Oder Florence + The Machine, die mit einer unglaublichen, erstaunlich musikalischen Show für das mit Abstand bestbesuchte Konzert auf der Mainstage und den krönenden Abschluss des Festivals sorgte.
Davor hatte Beck mit einem unerwartet rockigen Auftritt inklusive alter Hits wie »Devil’s Haicut«, »Where It’s At«, »Debra« und vor allem »Loser« Humor und Routine, aber auch andauernde Fähigkeiten in HipHop und Soul unter Beweis gestellt. Run The Jewels zeigten, warum sie derzeit der unbestreitbar heißeste Rap-Live-Act sind. Und Tyler, The Creator fand trotz oder gerade wegen Asthma-Schüben und einer kurzzeitig ausgekugelten Schulter mit seiner Back-To-The-Roots-Show zu alter Klasse. Belle & Sebastians Stuart Murdoch war die schottische Lieblichkeit in Person und lud, genauso wie Chic, die Fans zum Bühnensturm und -tanz ein – ohne dass sich irgendwelche Sicherheitsverantwortliche dazwischen warfen. Und die Nashville-Folkerin Natalie Prass brillierte auf der schönsten Bühne des Festivals, der »Bright Balloon 360°«, die genauso aussieht, wie sie heißt: Ein kleines Amphitheater, über dessen runder Bühne ein riesiger Ballon ständig seine Farbe wechselt.  

Das Rahmenangebot hielt diesem Feuerwerk an Höhepunkten nicht nur Stand, sondern übertraf es sogar: Mit einer Essensauswahl, die der Qualität jedes Food-Festivals standhielt, und einem verzweigten Gelände, das nicht nur VIP-Gästen viele ruhige Ecken zum Verschnaufen bot – obwohl das Festival mit 70.000 Besuchern an drei Tagen ausverkauft war. Höchstens einen Malus könnte man dem Flow bösartigerweise ankreiden: Die für Skandinavien typischen horrenden Alkoholpreise. Das wäre es dann aber auch schon gewesen, und dafür können die Veranstalter strenggenommen noch nicht mal etwas.
Aber wie bei vielen anderen schönen Festivals auch schwebt über dem Flow Festival ein Damoklesschwert: Sein Gelände ist nicht unbefristet gesichert, es scheinen sich schon Investoren für eine Neubebauung zu interessieren -  nicht zum ersten Mal in seiner Geschichte. Ein Grund mehr, dem Flow im nächsten Jahr einen Besuch abzustatten. Denn dann findet es sicher noch in Sörnäinen statt.