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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mein schönster Moment

So war »25 Jahre Intro« live

Wir haben gefeiert und mit uns Soulwax, Wanda, Drangsal und viele mehr. »25 Jahre Intro« – zwei Abende, die uns in Erinnerung bleiben werden! Unsere Redaktion schildert ihre persönlichen Lieblingsmomente aus Köln und Berlin.
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Eilfertiges Treiben im wie immer viel zu engen Backstage-Bereich des E-Werk. Max Gruber kommt gerade vom Drangsal-Soundcheck herunter geflitzt. Punkig sieht er aus, gerippter schwarzer Stoff, viel Haut, viele Tattoos, sehr sexy. Wir begrüßen uns, Intro-Chefredakteur Daniel und Intro-Gründer Matthias stellen sich vor. Max wirkt dabei komisch genant, entschuldigt sich gar für seinen Look. Wtf? Bühnenoutfit halt, denke ich und wundere mich noch länger, warum man sich dafür entschuldigt. Andere kippen sich 10 Liter Schweineblut über den Kopf und würden selbst tropfend nicht im Traum daran denken, das irgendwie zu kommentieren. Kurze Zeit später steht Max Gruber dann allerdings im dezent karierten, phantastisch sitzenden Anzug mit aufgeknöpften weißen Hemd auf der Bühne und wirkt eher wie ein Dandy, denn ein Punk. Wie ich später hörte, war unserem Treffen zuvor eine Art Textilunfall vorausgegangen. Das Shirt war gerissen und nur notdürftig geknotet worden. Der sexy Punk von vorhin, er war kein freiwilliger. Schade eigentlich, es stand ihm fast besser!  (Carsten Schumacher)
Da geht man einmal vor die Türe um Luft zu schnappen, und dann sowas: der Biergarten des E-Werk platzt aus allen Nähten! Ist Rauchen etwa doch wieder in Mode? Vielleicht. Ganz sicher angesagt sind hier Meute, die den etwas undankbaren Opener-Slot kurz zuvor bereits mit Bravour gemeistert haben. Im Biergarten spielt sich die tanzenden Blaskapelle endgültig auf Betriebstemperatur, ganz zur Freude der jubelnden Menge. (Bastian Küllenberg)
Wir sind spät dran und hetzen die Schanzenstraße in Köln-Mülheim entlang. Je näher wir dem E-Werk kommen, desto lauter und deutlicher klingt die ruppige, düstere Live-Musik, die sofort längst vergessen geglaubte Erinnerungen vergegenwärtigt. Da spielt jemand erst »Stain«, dann »Negative Creep«, und dieser jemand, die Band Wanda, klingt tatsächlich meiner Vorstellung von einem Live-Set der vitalen, jungen Nirvana sehr ähnlich. Diese Vorstellung trage ich mit mir herum, seitdem mein Klassenkamerad Jan mir als 13-Jährigem »Nevermind« auf Kassette überspielte und ich danach Nirvana von Anfang bis zum bitteren Ende aufsog und mitexerzierte. Natürlich ist das hier für Cobain-Fans eine surreale Situation, natürlich ist diese Nirvana-Cover-Show Wandas ein Stück weit Travestie – aber sie machen vieles von dem, was sie falsch machen könnten, richtig. Technisch finden sie die richtige Balance zwischen Originaltreue und punkrockigem Druck. Sie haben sich nicht nur Nirvanas Hits ausgesucht, sondern in den Untiefen der Band-Diskographie gegraben. Und der charismatische, eigentlich so redselige Sänger Marco Wanda hält sich mit Ansagen während der Nirvana-Cover komplett zurück – er könnte sich nicht besser verhalten. Er brüllt formidabel, das ist eine große, oft unterschätzte Kunst. Und er inszeniert die Verachtung, oder milder: das Desinteresse Kurt Cobains an seinem Publikum auf eine subtile, aber ausdrucksstarke Art und Weise. Ein Eindruck verfestigt sich: Näher wird man Nirvana live in diesem Leben nicht mehr kommen. (Christian Steinbrink)
Mein schönster Moment war zugleich der, vor dem ich am meisten Angst hatte: Wanda spielen Nirvana-Songs. Konnte das gutgehen? Es konnte! Unerwarteter Weise kann Marco Michael Wanda seine Stimme ziemlich gut in Richtung Kurt Cobain verstellen. So geriet der Auftritt nicht zur peinlichen Coverband-Nummer. Den Wanda-Sound hörte man einzig bei der Zugabe, bei der die Band ihre eigenen Best-of-Songs spielte. Minimaler Wermutstropfen: Da Wanda an diesem Abend keine Hits ihrer alten Helden spielten, hätten sie sich »Smells Like Teen Spirit« prinzipiell auch sparen können. Aber Schwamm drüber! (Senta Best)

Ich bin eigentlich kein Fan von langen Umbaupausen – Wer ist das schon?! – aber an diesem Abend im Huxley’s versüßt der Berliner Kneipenchor das Warten. Fast schon karikierend wirkte Herbert Grönemeyers »Männer«, bei dem auf der Hauptbühne die ausschließlich männlichen Roadies gerade mit dem Umbau beschäftigt waren. Die etwa 20-minütige Performance umfasste neben weiteren Cover-Songs auch ein kurzes Medley und schaffte eine ausgefallene und entspannte Pausenmusik. (Celia Woitas)
Nach mehr als zwei Jahrzehnten im Biz erwartet man von großen Acts meist erschreckend wenig oder aber überraschend viel. Schon die Auftaktminuten von Soulwax in Berlin versprechen letzteres zu werden. Dabei dachte man, die Brüder Dewaele hätten seit ihrem letzten Release vor zehn Jahren mehr Zeit damit verbracht Soundtracks und Remixe zu komponieren, statt eine großartige schwarz-weiß-rote Licht-Show passend zu einem Set aus Downtempo, Deep-House und Techno-Nummern zu planen. Um den Kontrast zu erhöhen und ihre Indie-Wurzeln nicht zu leugnen, hatten sie gleich drei Schlagzeuger im Gepäck. Es ist das gelungenste Konzert des Abends im Huxley’s und vielleicht das schönste Wiedersehen des Jahres und damit mein absolutes Highlight unserer »25 Jahre Intro«-Partys. Ehrlich gesagt, da scheint es gleich nur noch halb so tragisch, dass man eine entscheidende Ära der Popkultur nicht bewusst miterlebt hat. Teeanger Erinnerungen an Nirvana, der Beginn der Karriere zweier Ghenter DJs oder aber die ersten großen Schritte von Intro mag man vielleicht verpasst haben, aber das ist alles halb so wild, denn Musik kann unsterblich machen, das haben uns diese zwei Konzertabende im Schatten unseres Jubiläums offenbart. (Sermin Usta)
Dieser Moment, als ich nach dem Soulwax-Gig wieder zurück in die Halle des E-Werk kam, und damit rechnete, einfach einen Haufen glücklicher und erschöpfter Leute vorzufinden – nur um in eine selig tanzende Crowd einzutauchen, die von einem entfesselten DJ Supermarkt in Schwung gehalten wurde. Das war der Augenblick, den ich lange in Erinnerung behalten werden, und von dem an meine Erinnerung an die Nacht auch allmählich verblasst… (Wolfgang Frömberg)

Mag sein, dass die drei Schlagzeuger von Soulwax wahnsinnig beeindruckend waren und dass Wanda die Nirvana-Songs mit sehr viel Liebe schmetterten, mein persönlicher Supermoment war aber die halbe Stunde, die Peaches und Boize Noise zusammen in Berlin aufgelegt haben. Ein Meter Luftlinie von einer alten Heldin, die ich nicht nur wegen ihrer feministischen Ansichten sehr gerne mag und einen weiteren halben Meter weit weg von dem DJ, für den ich während meines Auslandsemesters in Michigan mal acht Stunden Auto gefahren bin, stehe ich mit einem Bier in der Hand und tanze. Und mit mir tanzen Menschen, die ich sehr, sehr gerne hab. Nur das Konfetti, das kam leider erst später. (Julia Brummert)
Es ist Samstagnacht, kurz bevor Soulwax zum letzten Abriss aufdrehen. Ein kurzer sphärischer Moment und mir rauschen die Bilder der letzten zwei Nächte ins Hirn. Meute, wie sie in Köln inmitten des Publikums Krawall und Remmidemmi abziehen. Wanda, die mich schon mit dem ersten Song »Stain« plätten, und all meine Zweifel an der Idee, meine innig verehrten Nirvana zu covern, verpuffen lassen. Drangsal, wie sie Intro im Backstage in Berlin mit Max Rieger von Die Nerven ein Ständchen singen (»Wie schön das du geboren bist«) und verraten, dass die beiden Namensvettern gerade gemeinsam an einer Platte arbeiten. Lea Porcelain, die live mit Band an der Seite endlich den Druck erzeugen, der ihre Aufnahmen ausmacht und mir das wuchtige »Bones« in die Knochen bohren. Songwriter Emily’s Giant, wie er für die Wartenden und Vorbeiflanierenden am Parkplatz vor dem Huxley’s in Berlin spielt, ebenso wie es – bis die Polizei kam – Tom Gatza und ImRaum & 1000pixelkurzeKante taten. Ich sehe mich selbst, wie ich an beiden Abenden bisweilen versuche drei Unterhaltungen gleichzeitig zu führen, weil einfach zu viele liebe Menschen dort sind, mit denen ich reden will, und ich sehe wie ich mit fünf von ihnen in Köln in einem türkischen Restaurant um vier Uhr nachts einen letzten Tee trinke, bevor ich mich direkt zum Bahnhof aufmache, um mit dem Zug nach Berlin zu starten.
Das alles flackert kurz auf, in den wenigen sphärischen Sekunden, die einem Soulwax in ihrer aktuellen Live-Inkarnation mit drei Drummern zum Luftholen lassen. Dann ein Flackern auf der Bühne, ein Drum-Intermezzo der Dreien – kreisch! Ist das etwa Igor Cavalera of Sepultura fame, der dort links am Drumkit sitzt????? – und dann dreht die Band der Delaware-Brüder zum Endspurt auf, zwanzig Minuten, in denen die ersten Reihen bis zum Umfallen tanzen und ich mitmache, irgendwo in den ersten fünf Reihen, zum ersten Mal an beiden Abenden vielleicht mal kurz für mich, um all den Stress und die Nervosität und die durch Dauereuphorie ausgelöste Erschöpfung, für die letzten Stunden des Abends noch einmal herauszufordern. Wenn jeder Abend so wäre, wie diese letzten beiden, dann würde ich die nächsten 25 Jahren nicht überleben, aber hey, trotzdem schön, dass ich nicht Großhandelskaufmann geblieben bin … (Daniel Koch)

Hier findet ihr noch viel mehr Fotos von »25 Jahre Intro« live: