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Ein Nachruf.

So lange Tony Wilson lebt

Jürgen Dobelmann erinnert an den vergangenen Freitag verstorbenen Mr. Manchester.
Geschrieben am

"Wenn du die Wahl hast zwischen der Wahrheit und dem Mythos: Publiziere den Mythos." Visionär wie stets entband Anthony Howard Wilson bereits vor fünf Jahren alle Nachrufer im Rahmen seiner Borderline-Biografie '24 Hour Party People' (der Novelisation des Scripts zum gleichnamigen Winterbottom-Film) von jedweder journalistischen Sorgfaltspflicht.

Der Maxime des Ex-Factory-Impressarios folgend erscheint es daher mehr als adäquat, seinen Herzinfarkt-Tod am 10. August 2007 (wie hier und da zu lesen) mangelnder krankenversicherungstechnischer Weitsicht zuzuschreiben, als akribisch seine Kampagne für die Freigabe des lebensverlängernden aber kostspieligen Präparats Sutent zu dokumentieren, für dessen Finanzierung die Liquidität des 57-jährigen offensichtlich nicht ausgereicht hatte. Nur zu perfekt fügt sich die rückhaltlose Ablehnung konventionellen Sicherheitsdenkens in den Lebenslauf des TV-Moderators, Labelbetreibers, Discothekenbesitzers, Musikmanagers und 'In The City'-Initiators - hatte doch die aufsehenerregende Verweigerung gängiger Musikbusiness-Gepflogenheiten (wie z.B. Künstler- oder Verlagsverträge) fünfzehn Jahre zuvor zum Pauken-und-Trompeten-Untergang seines Labels Factory Records geführt.

Ob den smarten Mancunian in den finalen Lebensstunden die bedingungslose Verschleuderung der durch New Order, die Happy Mondays oder Joy Division erwirtschafteten Geldmittel gereut haben, die seinen frühen Tod möglicherweise hätten abwenden können, ist nicht dokumentiert. Wie seine hinterbliebene Lebensabschnittsgefährtin Yvette nebst den Kindern Olly und Izzy heute angesichts der Unsummen denken, die getreu Tonys Lebensmotto "Erstmal machen – wir überlegen später, ob es gut war" u.a. in die Millionengräber Hacienda und Factory HQ, spektakuläre Design-Experimente sowie Studiorechnungen unkontrolliert ausufernder Endlos-Produktionen flossen, will man lieber erst gar nicht wissen. Es bleibt nur zu hoffen, dass Wilson im Hinblick auf die eigene Familie ein größeres Verantwortungsbewusstsein walten ließ als für die Bands seines Labels, die wie z.B. New Order den Zorn über die durch den Labelchef leichtfertig verjuxte frühzeitige Altersversorgung in Songs wie 'Liar' oder der Band-Dokumentation 'neworderstory' in den Neunziger Jahren unverblümt freien Lauf ließ.

Interessant wird in diesem Zusammenhang auch die Bernhard-Sumner-Biographie 'Confusion - Joy Division, Electronic And New Order Versus The World', die in genau zwei Wochen erscheint und die unbeeinflusst von der Nachricht des Ablebens des Entdeckers mutmaßlich ein ungeschöntes Bild des Wilsonschen Lebenswerkes zeigen wird. Die Publikation des Buches und die darin enthaltenen "Enthüllungen" hätten für den passionierten ManU-Fan derweil vermutlich kaum eine Beeinträchtigung seiner Lebensqualität bedeutet. Nahezu sein ganzes Leben sah er sich in der Stadt, deren kulturelles Leben er wie kaum ein Zweiter bereichert, inspiriert und subventioniert hatte, rüden Verunglimpfungen ausgesetzt, die erst nach Bekanntwerden seiner Krankheit verstummten. "Wohin ich in Manchester auch gehe, überall höre ich nur: 'Du Wichser!'. Jetzt, da ich Krebs habe, sind plötzlich alle nett zu mir", erklärte Tony Wilson im vergangenen Jahr einigermaßen überrascht.

Wer einmal Zeuge eines seiner öffentlichen Auftritte war, weiß, welch eklatante Veränderung dies für Wilsons Leben bedeutet haben muß. Beim Cities-In-The-Park-Festival 1991, einem der letzten Höhepunkte des Madchester-Rave-Booms, der ohne den Factory-Gründer nicht vorstellbar gewesen wäre, ließ Wilson es sich nicht nehmen, auf der Bühne einige seiner geliebten Signings persönlich anzusagen. Ich habe noch nie so viele Mittelfinger gesehen.

Anthony Howard Wilson wird am Samstag, den 18. August in Manchester beigesetzt.