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Neue Variablen in der Gleichung

Sneaker Pimps

Der Weg vom Außenseiter in der englischen Provinz bis hin zum Frontmann einer Band, der sich im internationalen Musikfernsehen eigenhändig einer Oberkörperrasur unterzieht, war sicherlich ein langer. Man sieht Chris Corner von den Sneaker Pimps aber an, dass er den Weg gerne zurückgelegt hat. Währen
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Der Weg vom Außenseiter in der englischen Provinz bis hin zum Frontmann einer Band, der sich im internationalen Musikfernsehen eigenhändig einer Oberkörperrasur unterzieht, war sicherlich ein langer. Man sieht Chris Corner von den Sneaker Pimps aber an, dass er den Weg gerne zurückgelegt hat. Während andere Musiker auf Tour eine gewisse Gleichgültigkeit ihrer äußeren Erscheinung gegenüber entwickeln und so aussehen, als hätten sie sich die letzten sechs Monate nur hin und wieder einer rudimentären Körperpflege unterzogen, erweckt Corner in der zweiten Woche der Showcase-Tour den Eindruck, als käme er gerade von einer Wellness-Farm. Die Kleidung akkurat gebügelt, die vom letzten Sneaker-Pimps-Album "Splinter" bekannte Frisur sorgfältig gelegt, das Gesicht glatt rasiert und die Augenbrauen sorgfältig gezupft - so erscheint Corner in Begleitung von Gitarrist Joe Wilson und Schlagzeuger David Westlake zum Interview.

Low Place Like Home

Britische Kleinstädte gewähren nicht immer eine problemfreie Adoleszenz, wenn man merkt, dass man irgendwie anders ist als die Mitschüler. "Als kreativer Mensch hast du es in der Provinz immer schwer", fasst Wilson die Jugenderfahrungen der Bandmitglieder kurz zusammen. Jemand wie Corner, der im Norden Englands aufgewachsen ist, hatte es dementsprechend schwer. "Meine Jugend war in der Tat nicht wirklich schön. Mit der Familie hatte ich viele Probleme, und mit den anderen Leuten konnte ich auch nicht viel anfangen." Gut dass die sexuelle Neugier britischer Jungs ausgesprochen stark ausgebildet ist (wie die hohe Zahl an Teenagerschwangerschaften in England belegt), so dass Corner von den Provinzhalbstarken dann doch eher ignoriert als tyrannisiert wurde.

Aber nicht nur in dieser Hinsicht hatte Corner Glück. Auch wenn es statistisch eher unwahrscheinlich war, in seiner Umgebung einen Gleichgesinnten zu finden: Corner fand ihn. Zusammen mit Liam Howe begann er Instrumentals aufzunehmen - und die Außenseiterrolle zu genießen. Nach drei EPs ("Soul of Indiscretion", "F.R.I.S.K." und "World as a Cone") und dem Wechsel aufs College machten sich die beiden auf die Suche nach weiteren Bandmitgliedern. Sie fanden Westlake und Wilson - sowie die Sängerin Kelli Dayton, die für das erste Album, "Becoming X", als Sängerin engagiert wurde.

Flowers And Silence

Auf den Erfolg von "Becoming X" folgte bei den Sneaker Pimps zuerst eine unerwartete Reaktion - man trennte sich von Dayton - und dann eine lange Stille. Die Band hatte sich ein eigenes Studio eingerichtet und wollte dort ihr neues Album aufnehmen. Wie das aber so ist, wenn man nicht auf die Uhr gucken muss: man verzettelt sich. Über ein Jahr waren die vier vor allem mit sich selbst und damit beschäftigt, alle musikalischen - Corner übernahm die Rolle des Sängers - und technischen Möglichkeiten auszuprobieren. So wurde "Splinter" recht düster, vertrackt und folglich auch nicht unbedingt die Platte, mit der man das Ergebnis des Debüts hätte halten können. Aber weniger der Misserfolg von "Splinter" als die Spaßfreiheit bei den Aufnahmen bewogen die Sneaker Pimps, auch beim dritten Album wieder alles anders zu machen.

Something Kind Of Fun

"Bloodsport is our quick record", kommentiert die Band die rasche und überwiegend angenehme Entstehungsgeschichte von "Bloodsport". Die Vorgaben nach "Splinter" waren klar: die Aufnahmen sollten schnell gehen, sie sollten keinesfalls im eigenen Studio stattfinden und nur das Notwendigste sollte mitgenommen werden. "Wir versuchen immer, ein paar Variablen in der Gleichung zu verändern", sagt Wilson, "alles andere würde uns wie Faulheit erscheinen." Man entschied sich für ein abgeschiedenes Haus in Frankreich, wo man innerhalb von nur vier Wochen "Bloodsport" aufnahm.

Wie nicht anders zu erwarten ist das Ergebnis roh, wesentlich songorientierter und transportiert keinen unnötigen Ballast. Manchmal kann man die Unbeschwertheit, mit der man an "Bloodsport" heranging, sogar hören. "Bei den meisten Songs hat Chris den Gesang unter freiem Himmel aufgenommen. Wenn man genau drauf achtet, dann kann man die Vögel im Hintergrund singen hören", verrät Westlake.

Bloodsport

Dass "Bloodsport" trotz der bohemischen Rahmenbedingungen kein emotionales Fliegengewicht geworden ist, liegt neben dem dunklen Klangbild sicherlich auch an den Texten von Chris, Liam und deren Schulfreund Ian Pickering (der die Texte abschließend überarbeitet). "Vom ersten Tag an wusste ich, dass die Liebe ein Kampfsport ist", sagt Corner mit verschmitztem Lächeln zu dem Thema, welches ihn am meisten zu beschäftigen scheint. Westlake ergänzt: "Mit Beziehungen ist es im Prinzip so, wie bei einem Stierkampf. Du weißt von vorneherein, dass der Stier nur verlieren kann - und trotzdem gehen die Leute immer wieder hin und schauen es sich an. Und in einer Beziehung verhält es sich auch so. Du weißt, wie es enden wird, versuchst dein Glück aber immer wieder."

Aber Moment mal: Howe, der zu diesem Zeitpunkt noch unterwegs ist, ist doch nach eigenen Angaben glücklich verheiratet. Teilt er denn diese Ansicht? "Wir können hier natürlich nur für uns sprechen", weicht Westlake ertappt aus. Corner fügt dem noch hinzu: "Ich bin mir jedenfalls ziemlich sicher, dass Liams Frau das nicht so sieht." Und außerdem, so Westlake, pflege man bei den Sneaker Pimps eine bestimmte Sorte von Humor, die solche Textaussagen immer relativierten. Gut zu wissen.

Think Harder

Neben ihrer Band betreiben die Sneaker Pimps noch weitere Projekte. Da ist zum einen ihr Label Splinter. "Dort bringen wir Platten von Bekannten raus, wie zum Beispiel Robots in Disguise, Trash Money und The Servant die sonst nirgendwo veröffentlicht würden. Dafür haben wir im Moment aber nicht richtig viel Zeit." Und dann wäre da auch noch ihre Clubreihe "Home Taping" im Institute of Contemporary Arts in London zu nennen. Die Idee dahinter ist, dass Prominente Mix Tapes abliefern, die an den Abenden gespielt werden. Das kann auch schon mal in die Hose gehen, oder? "Da gab es mal einen ganz peinlichen Moment", erinnert Westlake sich an die Eröffnung. "Ausgerechnet beim ersten Abend hatten wir ein Tape von Gary Barlow. Das war grottenschlecht. Wir standen alle an der Tür, um die Gäste zu begrüßen und im Hintergrund lief Mike & The Mechanics."

Die Veröffentlichung des Albums "Bloodsport" wurde auf den 22.04. verschoben.