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Im Süden singen sie englisch.

Slut, Pelzig und Miles

Zum Lesen des Artikels kannst du dir "Fastball" von Pelzig anhören. [Audio] War das schwierig, sie alle an einen Tisch zu bekommen. Ständig ist irgendjemand irgendwo im Studio. Aber jetzt sitzen wir hier, im gemütlichen Wohnzimmer im Schloss Westerhofen bei Ingolstadt, Wohnsitz von Teilen der Ban
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Zum Lesen des Artikels kannst du dir "Fastball" von Pelzig anhören. [Audio]

War das schwierig, sie alle an einen Tisch zu bekommen. Ständig ist irgendjemand irgendwo im Studio. Aber jetzt sitzen wir hier, im gemütlichen Wohnzimmer im Schloss Westerhofen bei Ingolstadt, Wohnsitz von Teilen der Bands Slut und Pelzig. Nur Zac Johnson von Readymade, wegen dem wir dieses Treffen eigentlich auf den heutigen Tag gelegt hatten, der ist doch noch im Hamburger Studio und veranstaltet zur Stunde eine Listening-Session. Schade. Genügend andere sind trotzdem da. Hier am Roundtable. Eine Bestandsaufnahme, ein Zwischenbericht mit: Tobias Kuhn (Miles), Christian Neuburger (Slut), Gerd Rosenacker (Slut), Rene Arbeithuber (Slut / Pelzig), Rainer Schaller (Slut / Pelzig), Christian Schaller (Pelzig), Christian Schulmeyr (Pelzig) und Christoph Brandner (Pelzig / Lali Puna / Console / Tied & Tickled Trio). Ja, wo Namen sind, da wird gedroppt.

Was ist überhaupt los?

Pelzig haben nach elf Monaten Studioaufenthalt ihr neues Album "Drive Your Engine Clean" fertiggestellt; parallel hier im Schloss mit Holger Krzywon und im Uphon-Studio mit Mario Thaler. Nach "The Car Compilation" und "Drive Busy" verfolgen sie auch mit der dritten Platte mit Bezug zur Motor City Ingolstadt weiter ihre Linie und perfektionieren den Breitwand-Rock'n'Roll mit Mark-E.-Smith-Gesang. Bleibt nur die Frage, warum Pelzig nicht inzwischen genauso groß sind wie Queens Of The Stone Age oder Noise Conspiracy. Slut haben gerade ihre EP "Teardrops" veröffentlicht, die wieder sehr eingängig ist. Mit dem nächsten Album, das noch dieses Jahr erscheinen soll, sind sie halb fertig. Musikalisch wollen sie sich damit wieder mehr ihrer ersten Platte "For Exercise and Amusement" annähern. Miles gehen mit neuer Bassistin in der kommenden Woche ins Studio, wo sie ihr nächstes Album in nur zehn Tagen live einspielen wollen. Die Platte soll "härter als die letzte" sein und eher "an die gelbe anknüpfen, nur nicht mehr so verspielt und süß". Readymade lassen live ebenfalls neue, härtere Klänge vernehmen. Es zeigt sich also eine allgemeine Entwicklung: Man wird wieder härter. Mit Ausnahme von Pelzig natürlich, die ja immer schon recht sperrig waren.

Und jetzt: warum englisch?

Kuhn: Ich bin mit englischsprachiger Musik großgeworden, ich habe nie wirklich Musik in deutscher Sprache gehört, außer früher Ton Steine Scherben, aber so richtig Fan war ich immer von einer englischsprachigen Band, deshalb gab es da eigentlich nie eine Frage.

Schulmeyr: Auch die deutschen Bands, die man damals so gehört hat, haben alle englisch gesungen. 18th Dye, Notwist, wer auch immer.

Dieses ganze Ostwestfalen-Ding. Sharon Stoned, Hip Young Things, Supermodern Records. Die haben ja alle englisch gesungen. Dann haben sich alle aufgelöst und sind nach Berlin gegangen und in Hamburg haben alle angefangen, deutsch zu singen. Da waren englischsingende Bands plötzlich völlig uninteressant. Und gegen Ende der Neunziger fing man wieder an, englisch zu singen.

Kuhn: Bands wie Sharon Stoned und Hip Young Things waren schon wichtig für mich. Alles, was Krite und Schneider gemacht haben. Locust Fudge fand ich immer richtig gut.

Brandner: Ich glaube, es hängt schon ziemlich mit der Musik an sich zusammen, weil die Musik, die wir, die wir jetzt hier sitzen, machen, ja schon sehr geprägt ist von amerikanischen und englischen Vorbildern. Auch wenn das vielleicht jetzt viele nicht gern hören. Man kann sich einfacher einen englischen Gesang dazu vorstellen als einen unpeinlichen deutschen Text. Damit sind wir schon gleich beim nächsten Thema. Ich glaube, das hat schon auch viel mit Gewohnheit zu tun.

Die Münchener Band Splendid zum Beispiel hat ja mal eher kritische Musik mit deutschen Texten gemacht, was bei denen auch ganz gut funktioniert hat.

Neuburger: Die haben deutsch gesungen? Das hat hingehauen? Über was haben die denn gesungen?

Kuhn: Über Sommermädchen.

Brandner: Das ist ja auch das Problem. Wenn eine Band deutsch singt, dann hört man automatisch als Muttersprachler viel genauer hin, dann ist auch jedes Wort wichtiger. Ich finde schon, dass es viele deutsche Bands gibt, bei denen der deutsche Gesang und vor allem auch die Texte aufgesetzt klingen, gespreizt und nach Intellektuellenschule.

Rosenacker: Englisch ist einfach plattitüdenfreier. Während deutsch zu singen schon irgendwie ein Statement ist.

Heißt das, dass man, wenn man englisch singt, mehr Wert auf die Musik legt als auf den Text?

Neuburger: Nein, das stimmt nicht. Es ist eben so, dass man nur im Englischen gewisse Situationen im Kontext mit der Musik schildern kann. Das wird im Deutschen ums Verrecken nicht gehen. Da gibt's die Wörter gar nicht.

Aber das ist doch komisch, wenn man in seiner eigenen Muttersprache mehr Probleme hat, etwas auszudrücken, als in einer fremden Sprache.

Neuburger: Das ist, glaube ich, immer sehr schwierig. Ich könnte mir auch nie vorstellen, in Deutsch zu singen. Wie gesagt, das driftet immer leicht in irgendeinen Modestil ab. Und außerdem zeichnen sich viele deutsche Texte durch himmelschreiende Belanglosigkeit aus.

Brandner: Wenn man mit deutschen Texten über ganz normale Belanglosigkeiten singt, dann polarisiert das bei der Hörerschaft viel mehr, als wenn englische Bands über irgendwelche Liebesabenteuer singen. Das beste Beispiel ist für mich die letzte Blumfeld-Platte. Die hat ja auch extrem stark polarisiert.

Christian Schaller: Es kommt auch drauf an, welche Statements man rüberbringen will. Mitte der achtziger Jahre gab es diese Deutschpunk-Welle, mit Slime und was es da alles gab. Die waren ja alle sehr politisch. Das gibt es eben jetzt nicht mehr. Jetzt gibt es dafür die Hamburger Schule, wie es so schön heißt, aber das halte ich auch für ziemlichen Quatsch.

Arbeithuber: Es gibt auch noch so einen Grund für Bands aus Süddeutschland, nicht deutsch zu singen.

Darauf wollte ich gerade hinaus. Sportfreunde Stiller sind eigentlich die einzigen, die das machen. Wobei die das "r" nicht mal rollen. Aber das funktioniert bei ihrer Art von Musik vielleicht eher.

Neuburger: Aber sie schaffen es auch als einzige, plattitüdenfreie Texte zu machen. Es ist wertneutral, es versucht, niemandem einen Stempel aufzudrücken, versucht nicht, hip zu sein, es sind einfach ganz normale Texte.

Brandner: Mir fällt noch eine Band ein mit guten, plattitüdenfreien, deutschen Texten, die man auch gut verstehen kann, das ist Britta. Die Musik ist nicht unbedingt meins, aber ich finde, Christiane Rösinger kann Dinge auf deutsch ziemlich gut und ziemlich treffend formulieren, sehr unpeinlich und nicht klischeehaft.


Intelligent-Punk-Bands wie Angeschissen

Haben Dialektgründe bei euch eine Rolle gespielt?

Neuburger: Die Frage hat sich nie gestellt. Nie, nie! Wenn, dann phonetische Gründe. Englische Wörter gehen leichter über die Lippen, gehen besser mit der Musik zusammen. Deutsch ist eine sehr harte Sprache, englisch ergibt ein harmonischeres Gefüge. Nur, weil wir aus Deutschland sind, müssen wir doch nicht deutsch singen!

Rainer Schaller: Ich glaube, deutsche Texte in der Musik sind noch sehr in der Entwicklung. Ich glaube auch, dass deutschsprachiger HipHop sehr viel zu dieser Entwicklung beigetragen hat. Seit es dieses Genre gibt, traue ich der deutschen Sprache in der Musik auch mehr zu. Vorher war deutsch in der Musik für mich die Nationalhymne.

Kuhn: Für mich ist das kein Verdienst von HipHop. Fehlfarben, "Monarchie und Alltag" zum Beispiel, gerade diese Platte kann man in einem durchhören, mitsingen und richtig dabei sein, die ist dermaßen wichtig gewesen.

Brandner: Peter Hein, der Sänger von Fehlfarben, hat aber auch in einem total englischem Tonfall gesungen. Wenn man nicht genau hinhört, merkt man gar nicht, dass das deutsch ist. Aber wenn man von Hamburg und deutschsprachiger Musik redet, dann vergisst man immer eine Ecke. Diese ganzen Intelligent-Punk-Bands wie Angeschissen, Oma Hans, Dackelblut, Blumen am Arsch der Hölle ... das sind auch sehr, sehr gute Bands.

Kuhn: Vor allem, zwischen Fehlfarben und der Hamburger Schule waren solche Bands wie Boxhamsters und ...But Alive, die ganz wichtig waren. Die vergisst man immer.


Kinkerlitzchen wie 30 000 Einheiten

Die meisten neuen Bands, die englisch singen - Nova, BeigeGT und The Electric Club - kommen ja wieder aus Süddeutschland.

Neuburger: Nova singen nicht englisch, sondern britisch. Das ist ein Riesenunterschied. Der Sänger hat englischen Aussprache-Unterricht. Und sogar einen Texter.

Brandner: Nova gehören schon zu einer neuen Generation, die, was das Musikmachen betrifft, eine ganz andere Herangehensweise haben als wir. Da ist Karriere sehr, sehr viel wichtiger, als es das bei uns allen am Anfang gewesen ist.

Schulmeyr: Ich habe mal einen von Nova getroffen und nur "Wie geht's?" zu ihm gesagt, und als Antwort kam ein ganzes Buch, wo in jedem zweiten Satz das Wort "Deal" vorkam, und dann hat er umgeschwenkt auf "unterschreiben". So etwas ist einfach fremd für uns. Es ist natürlich nicht so, dass keiner von uns bei einer Plattenfirma unterschreiben will, das will ja auch jeder hier, aber es hat nicht diese Priorität.

Brandner: Und solche Statements zu bringen wie "mit solchen Kinkerlitzchen wie 30 000 Einheiten will ich mich gar nicht abgeben", das ist so dermaßen an der Realität vorbei, dass alles zu spät ist. Aber Nova ist da kein Einzelfall. Ich glaube schon, dass das bei vielen jüngeren Bands eine immer größere Rolle spielen wird. Dass das Musikmachen von Anfang an immer mehr professionalisiert wird, so wie es in Amerika ist.

Schulmeyr: Der Nährboden, den Plattenfirmen geben, ist ja teilweise schon katastrophal. Was wir bei der neuen Platte für Ansagen gekriegt haben! Da schreibt z. B. jemand zurück: Musikalisch sehr gut, aber es ist kein NuMetal und kein Pop, wie sollen wir so etwas verkaufen? Da würde ich am liebsten anrufen und sagen: Pass mal auf, wir treffen uns in einer Stunde, dann kriegst eine Kopfnuss!

Kuhn: Wir mit Miles sind jetzt in der entspanntesten und besten Situation, in der wir je waren. Nach zweieinhalb Jahren "Ich hab keinen Bock mehr" ist es jetzt superschön. Wir nehmen jetzt die Platte auf, haben richtig Lust drauf, und wir haben überhaupt keinen Plattenvertrag in Deutschland, aber das ist im Moment wirklich egal.

Brandner: Klar, je größer man wird, je mehr Platten man verkauft, desto größer wird der Druck natürlich auch, unter dem man sich befindet. Ich habe das bei Pelzig immer als sehr angenehm empfunden, ohne großen Druck agieren zu können. Uns kennt dafür natürlich auch keine Sau ...

Ist es ein Grund, englisch zu singen, dass man auch außerhalb Deutschlands wahrgenommen werden will?

Kuhn: Man hat natürlich den Traum, das ist ganz klar, aber ich denke, es ist kein Beweggrund dafür, englisch zu singen, zumindest für mich nicht. Ich glaube übrigens, dass gerade deutschsprachige Bands mit dem Goethe-Institut mehr im Ausland unterwegs waren als alle englischsprachigen ...

Rosenacker: Leute, die international den Durchbruch geschafft haben, haben meistens deutsch gesungen. Rammstein, Nena, Kraftwerk, Falco ...

Kuhn: Engländer und Amerikaner sehen eben, dass es in Deutschland Kraftwerk und Can gab, dafür ist eine Legitimation da und daraus kann die elektronische Musik entstehen. Bei Gitarrenmusik ist von vornherein eine abwehrende Haltung da.

Wir singen ja nicht, dass wir zum Stanglwirt gegangen sind

Seht ihr euch jetzt zugehörig zu einer Szene, einer Art Bayerischen Schule, wenn man so will? So etwas hat sich ja in den letzten Jahren schon irgendwie entwickelt.

Kuhn: Man kennt sich halt, man mag sich, und über die Jahre hat man sich durch Schnittpunkte wie Mario Thaler und das Uphon-Studio und durch Konzerte immer wieder getroffen, aber eine Szene in dem Sinn gibt es nicht.

Neuburger: Es klingt ja auch nach wie vor alles recht unterschiedlich. Es ist eigentlich wurscht, wo wir herkommen. Uns natürlich nicht.

Kuhn: Natürlich kommt in jeder zweiten Kritik, ob die jetzt von Miles, Slut, Readymade oder einer Band mit ähnlichem Genre ist, auch immer eine der anderen vor. Das finde ich aber gar nicht schlimm, weil das alles Bands sind, die auf einem hohen Niveau solche Musik machen, und das sind ja auch Bezugspunkte.

Brandner: In Hamburg konzentriert sich alles auf die Stadt, bei uns sind ja die Bands schon geographisch viel weiter auseinander. Da kommt ein Geschmackskonsens viel schwieriger zustande, weil man sich eben nicht jeden Tag sieht.

Kuhn: Was aber auch gut ist. Das passt schon so.

Neuburger: Es gibt ja auch keine Mission, irgendeine Heimat vertreten zu wollen. Unsere Herkunft und unser Arbeitsort ist nicht Gegenstand unserer Musik. Wir singen ja nicht, dass wir zum Stanglwirt gegangen sind und schon wieder die zähe Wildsau gegessen haben.

Rosenacker: Na ja, es gibt ja schon so ein Lied ...