×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Slint, Mogwai, Trans Am etc.: Das große Postrock-Spezial

Jetzt redet Postrock!

Ein virtueller Stammtisch von Slint über Mogwai bis Trans Am und Russian Circles.
Geschrieben am

Journalisten mögen Postrock. Musiker, die Postrock machen, hassen Journalisten, die über »Postrock« schreiben wollen. Entsprechend schreiben Journalisten meist auf der Meta-Ebene, analog zu einem Begriff, der einen Bruch zur vorangegangenen Generation markieren soll. Ein typischer Duktus weißer Musik: Postrock, Postpunk, Postmetal. Hat je einer von Post-HipHop, Post-Jazz oder Post-Blues gehört? Eben. Schluss damit! Wir schlagen uns auf die andere Seite und machen die Geschichte des Postrock zu einer Oral History. Erzähl uns, wie’s wirklich war, Postrock!Mit exklusiven Beiträgen von Mogwai, Trans Am, Slint, Russian Circles und vielen mehr...

Der StammtischDiese Musiker waren dabei:

Barry Burns [im Folgenden: BB]: Multiinstrumentalist von Mogwai, Glasgow
Matt Cherry [MC]: Gitarrist von Maserati, Brooklyn, NY
Brian Cook[BC]: Bassist von Russian Circles, Chicago
Takaakira Goto [TG]: Gitarrist von Mono, Tokio
Rachel Grimes [RG]: Pianistin der von klassischer Musik beeinflussten Rachel’s, Louisville, Kentucky
David Hennessy[DH]: Gitarrist von Ostinato, Cleveland, Ohio
Phil Manley [PM]: Gitarrist von Trans Am, Bethesda, Maryland (nahe Washington D.C.)
David Pajo [DP]: Gitarrist der Postrock-Begründer Slint (später bei Tortoise, Zwan und derzeit solo aktiv), Louisville, Kentucky
Jeff Parker [JP]: Gitarrist von Isotope 217 und Tortoise, Chicago
Justin Small[JS]: Gitarrist von Do Make Say Think, Toronto
Sebastian Thomson [ST]: Schlagzeuger von Trans Am, Bethesda, Maryland (nahe Washington D.C.)
Aaron Turner [AT]: Gitarrist und Sänger der meist dem Postmetal zugerechneten Isis, Los Angeles
Jan St. Werner [JW]: Teil des Elektronik-Duos Mouse On Mars, Berlin
Adam Wiltzie [AW]: Komponist und Soundingenieur, unter anderem bei Stars Of The Lid, Austin, Texas
Christof Ellinghaus [CE]: Gründer des Berliner Labels City Slang, Brückenkopf des klassischen Postrock
Ian Ilavsky [II]: Labelbetreiber von Montreals Postrock-Zentrale Constellation Records
Bettina Richards [BR]: Gründerin und Managerin von Chicagos berühmtestem Postrock-Label Thrill Jockey
 
... Warum Jan St. Werner hier auftaucht? Weil David Pajo schrie: »Was ist mit Mouse On Mars? Die waren einfach unfassbar damals!«
... Warum Godspeed You! Black Emperor hier nicht auftauchen? Weil sie im Rahmen der aktuell laufenden Reunion-Tour zu niemandem sprechen. Jedenfalls nicht zur Presse.





Gesang als weiteres Instrument, ernstes Auftreten, Verzicht auf klassische Songstruktur und schmissige Refrains. Skandal suchende Frontmänner gibt es genauso wenig wie dudelnde Gitarrensoli. Postrock war die Trotzreaktion auf den Stadionrock der 80er-Jahre, doch PR-mäßig von vornherein ein totaler Flop. Und dann bekam der Sound auch noch bereits in Kindertagen von Simon Reynolds im Melody Maker einen akademisch blutarmen Namen.

Was der zusammenfassen soll, ist niemandem wirklich klar. Angeblich reicht er von den neoklassischen Ansätzen einer Band wie Rachel's über die rheinischen Elektroniker Mouse On Mars bis hin zu einer gelegentlich auch als Postmetal bezeichneten Band wie Isis. Ein unfassbar weites Feld, beginnend mit Slint und dem Chicagoer Thrill-Jockey-Act Tortoise als bekanntestem Vertreter. Es gab eine Zeit, da haben alle Musiker den Begriff »Postrock« gehasst, mittlerweile haben zumindest einige ihren Frieden mit diesem gemacht ...
BB (Mogwai): Ehrlich gesagt bedeutet dieser Begriff niemandem sonderlich viel bei Mogwai. Wir haben diese Zuschreibung immer als sonderbar empfunden und »schottische Instrumentalmusik« bevorzugt. Ich verstehe nicht, was daran so besonders »post« sein soll.

RG (Rachel's): Die meisten Musiker, die ich kenne, mögen es nicht, wenn man ihre Arbeit mit einem Label versieht. Bei Postrock scheint das noch extremer zu sein.

II (Constellation): »Postrock« sah für uns immer nach einer Ersatzhandlung dafür aus, sich näher kritisch mit der Musik von Bands auseinanderzusetzen. Während dieser Begriff ursprünglich als Versuch ins Leben gerufen wurde, einen kritischen Diskurs über vollkommen unterschiedliche Bands einzurahmen, verkam er schnell zur belanglosen Worthülse. Und zwar ab dem Moment, ab dem er als Genrekategorie fungierte.

BR (Thrill Jockey): Weil Tortoise oft als Anführer dieser Bewegung genannt wurden, hatten viele Thrill-Jockey-Künstler plötzlich diesen Terminus um den Hals hängen. Es wurde immer absurder, je mehr Künstler dazugepackt wurden. Die Leute spielen keinen Postrock. Das muss klar sein - das ist unsinnig.

JW (Mouse On Mars): Klingt wie rostige Pocken oder Prost Rock, was eigentlich recht assoziativ ist. Nicht wirklich prickelnd, aber es war eben eine Musik des Alles-Kennens, so 'ne Art gespielte DJ-Musik, der beste Mix aus allem, was es gab. Wir waren nie bewusst motiviert durch diese Tendenzen, obwohl wir vielleicht selbst mittendrin standen.

AW (Stars Of The Lid): Wahrscheinlich war es John Peel, der den Begriff langfristig populär gemacht hat. Es sieht ganz so aus, als ob sich der Begriff über die Zeit verändert hat. Ich würde behaupten, dass unsere Musik heutzutage nicht mehr als Postrock klassifiziert werden würde. Heute fallen eher Rockbands vom Schlag Godspeed, Mogwai und Explosions In The Sky darunter.

TG (Mono): Vermutlich sollte die Postrock-Zuschreibung neue instrumentale Rockmusik vom experimentellen Progressive Rock abgrenzen. Ich finde, dieser Begriff hat uns viele Möglichkeiten gegeben, sich neu auszudrücken, aber leider hat uns diese enge Genrezuweisung vermutlich auch daran gehindert, ein größeres Publikum außerhalb des Postrock-Zirkels zu erreichen.

PM (Trans Am): Anfänglich waren wir gegen diesen Begriff, weil wir uns als Rockband betrachteten. Im Nachhinein finde ich den Begriff völlig okay.

ST (Trans Am): Für mich steht er für experimentelle Rockmusik, die in dem Sinn postmodern ist, wie Architektur postmodern sein kann.

JP (Isotope 217): Er ist nicht schlechter als jede andere Genrebezeichnung auch.

DH (Ostinato): Das erste Mal begegnete mir dieser Begriff, als ich versuchte, einen Konzertbericht über unsere erste Deutschlandtour ins Englische zu übersetzen. Ich benutzte einen von diesen Gratis-Übersetzern aus dem Internet und habe sehr laut lachen müssen, als jener »Postrock« mit »Post Skirt« übersetzte.

JS (Do Make Say Think): Dieser Name bedeutet gar nichts. Ich mag »Postrock«. Vermutlich mach ich sogar welchen. So let's hang out!




Mehr zum Thema Postrock in den kommenden Tagen unter
www.intro.de/spezial/postrock
.