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Drei Jahre lang schizophren

Sleigh Bells im Gespräch

Auf ihrem vierten Album arbeiten Alexis Krauss und Derek E. Miller noch konsequenter daran, brutalen Lärm und schillernde Pop-Melodien zusammenzubringen. Einen Tag nachdem Sleigh Bells ihre neuen Songs erstmalig live in Europa vorstellten, traf Annett Bonkowski das Duo in London. 
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Knappe zwölf Stunden vor unserem Interview haben Sleigh Bells den nördlichen Teil der Stadt rund um den Club The Dome mit ihrem Noise-Pop gehörig auseinandergenommen. Immerhin geben sie zu, sich im Eifer der nächtlichen physischen Verausgabung auf der Bühne jeweils einen steifen Nacken zugezogen zu haben – beim freundlichen Begrüßungsnicken in ihrem stylischen Londoner Apartment im Szeneviertel Hackney verziehen sie schmerzverzerrt die Mundwinkel.   

Einen Tag zuvor durchkreuzte der Herbstnebel den Interview-Termin, indem er den lokalen Flughafen lahmlegte. Beim zweiten Anlauf blinzeln dagegen ein paar versöhnliche Sonnenstrahlen auf den massiven Küchenholztisch, um den sich das in Brooklyn beheimatete Duo versammelt. Seine Beschaffenheit ist in etwa so dick wie das musikalische Brett, dass Derek E. Miller und Alexis Krauss uns auch auf dem »Bitter Rivals«-Nachfolger um die Ohren schlagen. Der dafür verantwortliche Miller beschreibt das Ergebnis ihrer dreijährigen Arbeit daran in nur einem Wort: schizophren. Und erklärt dazu: »Auf dem neuen Album gibt es diese extremen Höhen und Tiefen, die sich wie ein Muster durch die Songs ziehen. Erst wirst du brutal attackiert, dann folgt eine Art Ruhephase.«
Programmierte Drum-Beats und schwere Gitarren bestimmen das Klangbild des vierten Albums »Jessica Rabbit«, dem die Sleigh-Bells-Sängerin ein deutlich gesteigertes Selbstbewusstsein und eine stimmlich größere Präsenz hinzufügt. Im Gegensatz zur verführerischen Romanfigur Jessica Rabbit will Alexis Krauss nicht bezaubern. Sie fährt die Krallen aus, aber ohne ganz aus dem Käfig mit dem Pop-Vorhängeschloss auszubrechen, den die Band nach wie vor als Fundament für ihr Songwriting ansieht: »Wir haben uns schon immer sehr wohl dabei gefühlt, eine Pop-Band zu sein. Auch wenn ich meine Stimme gerne aggressiv einsetze und schreie, tendieren die Vocals dieses Mal viel mehr in Richtung R’n’B und Pop.«  

In Sachen Songwriting ist das Duo enger zusammengerückt als jemals zuvor, dennoch huldigt Krauss ihren Bandkollegen: »Ich könnte allein niemals die nötige Saat für unsere Arbeit streuen. Meine künstlerische Entwicklung hat mir lange Zeit viele Selbstzweifel beschert. Derek ist mein Anker, der mich mit Ideen füttert und auf den ich kreativ gesehen aufbauen kann, wenn es darum geht, Gesangsmelodien zu schreiben. Auf diesem Weg ergänzen wir uns nun viel besser als vorher.« Die Vorstellung, sich dadurch nicht nur vor sich selbst, sondern auch gegenüber dem anderen weiter zu öffnen, erschien besonders Gitarrist Miller als wenig attraktiv, wie er zugibt: »Als wir an unserem Debüt arbeiteten, war ich überhaupt nicht daran interessiert, etwas zu schaffen, das emotional in irgendeiner Form meine innersten Ängste thematisierte. Schon beim Gedanken daran wurde ich zynisch. Heute bewundere ich es, wenn Songs sich dieser Herausforderung annehmen, und schätze diese künstlerische Fähigkeit sehr.«
Diese Kehrtwende im eigenen Songwriting hat jedoch auch zur Folge, dass den Fans unter Umständen etwas mehr Geduld abverlangt wird, um den gewünschten Zugang zum neuen Album zu finden. Das nötige Grundvertrauen seitens der Band besteht dafür zweifelsohne, wie Alexis Krauss bestätigt: »Ich glaube, unsere Fans werden etwas mehr Ausdauer als gewöhnlich mitbringen müssen. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass Musikliebhaber da draußen einen regelrechten Appetit auf Popmusik haben, die interessante Aspekte liefert oder so progressiv ist wie zum Beispiel die Songs von Beyoncé oder Lorde. Wir sind zuversichtlich, dass unsere Zuhörer sich auch an die verschiedenen Einflüsse auf unserem neuen Album herantasten werden.«  

Weniger zimperlich schnappt sich dagegen der Tiger im gestalteten Artwork von Brian Montuori seine Beute und war damit nicht zufällig erste Wahl als visuelles Sinnbild für die Kraft und das Temperament hinter den Songs. »Die Gemälde von Montuori sind unserer Musik sehr ähnlich«, erklärt Derek E. Miller. »Er explodiert förmlich auf der Leinwand. Seine Werke strahlen etwas Instinktives und Raues aus. Das damit einhergehende Gefühl von Grausamkeit und Stärke ist auch bei unserer Arbeit vorhanden.« Um genau das auf die Spitze zu treiben, wählten Sleigh Bells nur einen kleinen Ausschnitt des Gemäldes »When Push Comes To Shove« aus dem Jahr 2007, das als Ganzes fast im überladenen Chaos zu versinken droht. Ein Zustand, den sie als Musiker unbedingt vermeiden wollen. 
Um die dafür nötige Kontrolle zu erlangen, gründeten die Amerikaner sogar kürzlich ihr eigenes Label namens »Torn Clean«. Für die Band der Ausweg aus der Abhängigkeit von Parametern, die ihnen früher oder später von außen aufgezwungen wurden, um als Musiker zu überleben. Die Risikobereitschaft und gleichzeitige Verantwortung nehmen die frischgebackenen Label-Besitzer gerne in Kauf, verrät uns ein stolzer Derek E. Miller: »Die Idee, durch bestimmte Konditionen an Labels gebunden zu sein, gefällt mir nicht. Deswegen war die Gründung ein riesiger Schritt für uns. Wir fühlen uns dadurch nur noch mehr in unserem kreativen Dasein angestachelt.« Das wuchtige Soundgewand von »Jessica Rabbit« dürfte als erstes Indiz dafür gelten, dass sich Sleigh Bells auch in Zukunft nicht die Butter vom Brot nehmen lassen werden. Falls doch, darf mit einem bissigen Angriff auf die Ohren gerechnet werden.

Sleigh Bells

Jessica Rabbit

Release: 11.11.2016

℗ 2016 Torn Clean under Exclusive License to Lucky Number Music Limited