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Mit ganzem Herzen

Sleater-Kinney im Gespräch

Sleater-Kinney sind zurück. »No Cities To Love« heißt ihr neues Album, das erste seit der vorübergehenden Trennung 2006. Bis heute haben Sleater-Kinney großen Einfluss auf popfeministische Diskurse und gelten als Vorbilder für junge Bands. Julia Brummert traf Corin Tucker und Carrie Brownstein in Berlin zum Gespräch und war über den Optimismus der einstigen Vorzeige-Riot-Grrrls in Sachen Feminismus und die Ratschläge an junge Nachfolgerinnen durchaus überrascht.
Geschrieben am

Interview:
Julia Brummert

Schon 1997 wurdet ihr in diversen Interviews gefragt, ob Sleater-Kinney wichtig seien. Ich stelle diese Frage heute noch mal: Sind Sleater-Kinney 2015 noch wichtig?
Carrie Brownstein: Für uns sind sie es natürlich. Ich glaube nicht, dass wir das Album aufgenommen hätten, wenn wir nicht dieses Gefühl der Dringlichkeit gehabt hätten. Das Projekt Sleater-Kinney braucht Energie und Hingabe. Wir hätten das nicht halbherzig machen können, wenn wir davon nicht überzeugt gewesen wären. 

Gab es einen konkreten Zeitpunkt, an dem ihr entschieden habt: Sleater-Kinney muss es wieder geben?

CB: Es gibt bei Sleater-Kinney – wie auch bei vielen anderen Bands – eine Art Macht, die von außen einwirkt. Die unabhängig von einem selbst entsteht und größer ist als man selbst. Es gab eine Zeit, da fühlte es sich nicht mehr richtig an, mit Sleater-Kinney weiterzumachen. Aber irgendwann war das Ganze wie ein Satellit, der im All seine Kreise zieht und plötzlich wieder ins Blickfeld gerät. Es war für uns unmöglich, das zu ignorieren. Die Sache kam wieder ins Rollen, unausweichlich und sicher.
Corin Tucker: Irgendwann Ende 2011 hat Carrie mich besucht, weil wir zusammen eine Folge »Portlandia« schauen wollten, in der mein Sohn zu sehen war. Da habe ich Carrie vorgeschlagen, dass wir eigentlich mal wieder zusammen Musik machen könnten. Wir haben uns ein wenig darüber unterhalten. Carrie hat klargemacht, dass wir dann auch ein neues Album machen müssen. Das wurde unsere neue Aufgabe.

Seit es Sleater-Kinney gibt, habt ihr euch mit Feminismus befasst und gesellschaftliche und politische Themen mit eurer Musik und euren Texten angesprochen. Was beschäftigt euch heute? Gibt es Dinge, die sich seit den 90ern groß verändert haben?

CT: Es gibt definitiv noch immer Missstände, die wir kommentieren wollen. In den Vereinigten Staaten hat sich in den letzten 20 Jahren so viel getan, und trotzdem sind da noch immer viele soziale Ungleichheiten. Einiges ist noch viel krasser geworden als in den 90ern, vor allem die Unterschiede zwischen Arm und Reich. Die sind riesig. Wir als Band fühlen uns wie ein starker Muskel, der die Kraft und die Möglichkeiten hat, diese Missstände öffentlich anzusprechen.
Beziehst du dich damit auf die politischen Unruhen in den USA in jüngster Vergangenheit, wie zum Beispiel die Vorkommnisse in Ferguson?  
CT: Diese übertriebene Polizei-Gewalt gegen schwarze Männer ist schlicht falsch. Trotz allem, was sich in den letzten 20 Jahren getan haben mag, spiegelt sich darin die soziale Ungerechtigkeit wider, die in den USA noch allgegenwärtig ist. Es ist an der Zeit, dagegen anzukämpfen und sich einzugestehen, dass wir dieses Problem haben. Wir müssen diese Dynamiken zwischen weißer Polizei und komplett entmachteten schwarzen jungen Männern neu überdenken. Die Proteste sind sehr wichtig für das Land. Es reicht nicht, dass die Polizisten eine Weiterbildung machen – das ganze System hinter der US-amerikanischen Polizei ist altmodisch. 

Ihr seid gerade für junge Feministinnen große Vorbilder. Wie geht ihr damit um, dass nun viele Augen auf euch und euer Comeback gerichtet sind?
 
CT: Wir haben verstanden, dass Sleater-Kinney größer sind als wir selbst. Die Band ist mehr als die Summe ihrer einzelnen Mitglieder. Wir betrachten das Ganze mit großem Respekt, weil wir wissen, dass die Band nicht nur uns, sondern auch vielen anderen Menschen sehr viel bedeutet. 
CB: Richtig nervös sind wir aber nicht. Im Idealfall ist der Einsatz immer hoch, wenn man Musik macht. Wäre es bei uns anders, würden wir nicht spielen.  

Was haltet ihr von aktuellen feministischen Bewegungen und Phänomenen wie dem Rookie Mag?
 CB: Es gibt eine große Vielfalt an Stimmen, die in der Lage sind, neue Ideen auf den Weg zu bringen. Durch das Internet ist es einfacher und niedrigschwelliger geworden, sich zu vernetzen. Es gibt das Rookie Mag oder die Autorin Roxane Gay, die »Bad Feminist« geschrieben hat, und noch so viele andere tolle Stimmen. Sie inspirieren und informieren einander. Es gibt besonders online viel Austausch darüber, was es bedeutet, eine Frau, ein Mensch oder eben eine Feministin zu sein. Das ist eine sehr positive Entwicklung.  

Riot Grrrl ist nicht zuletzt deshalb entstanden, weil ihr und viele andere Frauen die ungerechte Behandlung im Musikgeschäft satthattet. Hat sich daran etwas geändert? 
 
CB: Ich glaube, in der Musik und anderen kulturellen Bereichen gibt es sehr viele starke Frauen, die den Ton angeben. Das gilt vor allem in den USA für alle populären Genres. Ich glaube, die Idee, dass Frauen in Bands spielen, ist mittlerweile normal. Es gibt so eine große Vielfalt in der Musik, und das Geschäft scheint weniger gegendert zu sein.  

Das klingt nach guten Neuigkeiten, ich bin überrascht.
 
CB: Ja, das ist super. Ich weiß nicht, wie es in anderen Ländern ist, aber in den USA und vielleicht auch in England ist die Situation echt besser geworden.
Einige Kritiker haben geschrieben, dass euer vorheriges Album »The Woods« nicht mehr so zugänglich war wie die alten Sachen. Was meint ihr, in welche Richtung geht ihr mit »No Cities To Love«? 
CT: Mit dem Album wollen wir unsere Stärken als Band herausstellen und uns auf diese konzentrieren. Es ist eine Art Essenz all unserer bisherigen Platten: starkes Songwriting und ein paar poppige Aspekte in Verbindung mit experimentelleren Gitarrensounds. Es ist andererseits aber auch eine ganz eigene Sache. Wir haben versucht, nicht nur zurückzublicken, sondern uns auch nach vorn zu bewegen. 

Carrie, du schreibst und schauspielerst auch für die Serie »Portlandia«. Welche Verbindung zur Arbeit als Musikerin siehst du?
 
CB: Beides macht Spaß, klar. Was beides gemeinsam hat, ist dieses Element der Performance. Ich versuche, weniger distanziert zur Welt zu sein, eine Verbindung zu anderen Menschen herzustellen. Sowohl beim Schauspielern als auch bei der Musik geht es um Experimente, um eine gewisse Verletzlichkeit. Ich habe wirklich großes Glück, dass ich beides tun kann.  

Was würdet ihr jungen Leuten mit auf den Weg geben, die versuchen, eine Band zu gründen? 
 
CT: Wartet nicht, macht’s einfach! Trotzdem ist Übung sehr wichtig, die sollte man dabei nicht vernachlässigen. Ich war sehr ungeduldig, als ich jünger war. Heute wünschte ich, ich hätte mehr an der Gitarre geübt. Ein bisschen mehr Geduld hätte mir wirklich gutgetan. Wenn man sich erlaubt, verschiedene Instrumente und Herangehensweisen auszuprobieren, und das ernsthaft angeht, kann das sehr nützlich sein. Auf dieses Wissen kann man zurückgreifen, wenn man älter wird. Also hilft es, als junger Mensch fleißig gewesen zu sein.
Sleater-Kinney »No Cities To Love« (Sub Pop / Cargo / VÖ 16.01.15)

Sleater-Kinney

No Cities To Love

Release: 20.01.2015

℗ 2015 Sub Pop Records