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Absage an die Authentifizierungs-Maschine

Sleaford Mods live in Köln

Handgemachte Musik ist überbewertet. Eine These, die gar nicht mehr so abstrus erscheint, wenn man die britischen Punk-Rapper Sleaford Mods in Aktion sieht.
Geschrieben am
15.05.2017, Köln, Essigfabrik

Es wurde fast alles gesagt: Die Sleaford Mods lassen den Punk wieder aufleben. Sie bringen eine klare politische Haltung zurück in die Popmusik. Und sie sind endlich wieder eine raue Stimme des einfachen Mannes aus der »Working Class« im globalen, kommerzialisierten und aufpolierten Pop-Business. Dazu bleibt wenig Neues zu sagen. Ist auch alles ohne Frage richtig, eins wird jedoch häufig vergessen: Das Duo aus Nottingham schafft es so gut und einnehmend wie kaum eine andere Band, den üblichen Konzert-Ritus zu dekonstruieren.

Konzerte sind häufig durchgeplanter als Gottesdienste. Artige Begrüßungen, salbungsvolle Danksagungen und vor allem die totale Authentisierungsmaschine durch echte, wahre, handgemachte Musik. Und genau hier setzen Jason Williamson und Andrew Robert Lindsay Fearn an. Vor allem letzterer hat auf der Bühne einen einzigen Job: Zu schauen ob Sänger/Rapper Jason Williamson bereit für den nächsten Song ist und dann einen Knopf am auf drei Bierkisten aufgebauten Laptop zu drücken. Ansonsten steht er kopfnickend und sich an der Bierflasche festhaltend auf der Bühne rum und schaut sich das gesamte Treiben gemütlich an.

Jason Williamson spuckt und würgt währenddessen seine gesellschaftskritischen und antikapitalistischen Texte über die rustikal-wüsten Playback-Spuren – hauptsächlich bestehend aus repetitiven Bass-Linien und Drum-Computer Sounds. Das ist herrlich einfach. Während manche Indie-Bands zehn Gitarren, diverse Glockenspiele und sonstige Spielereien benötigen, reicht den Sleaford Mods einfach ein Laptop und ziemlich viel Wut und Energie. Das Publikum goutiert diese Konzert-Dekonstruktion dankbar, auch trotz der schlechten Klangqualität in der fast ausverkauften Essigfabrik. Dieser Nachteil spielt, mit etwas gutem Willen, dem rumpeligen Sound der Sleaford Mods sogar in die Hände.

So arbeitet sich vor allem Williamson mit seinem Sprech-/Schrei-Gesang durch die Setlist. In dieser ist naturgemäß das neueste Werk »English Tapas« prominent vertreten, aber selbstverständlich angereichert durch die Hits »Jobseeker«, »Tied Up In Nottz« und »Tweet Tweet Tweet«. Vor allem bei letzterem Song, der auch den Abschluss des Konzerts bildet, fliegen dann nochmal Hände, Körper und Bierbecher durch die Gegend. Der Mitmach-Part des Publikums wurde zum Glück noch nicht dekonstruiert.

Sleaford Mods

English Tapas

Release: 03.03.2017

℗ 2017 Rough Trade