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Bored to be wild: Unterwegs mit den Sleaford Mods

»Bunch Of Kunst«: Making of und DVD-Verlosung

Die fluchenden, E-Zigaretten rauchenden Grantler aus Nottingham sind nach wie vor eine der größten Überraschungen der letzten Jahre. Unsere Autorin Christine Franz hat Jason Williamson und Andrew Fearn in der turbulenten Zeit, in der das neue Album »Key Markets« entstand, begleitet. So entstand die mittlerweile preisgekrönte Dokumentation »Bunch Of Kunst«, die soeben auf DVD erschien. Hier könnt ihr noch mal Tines »Tourtagebuch« aus Intro #234 lesen und DVDs gewinnen.

Geschrieben am
27. Januar 2015, Rubber Biscuit Studio, Nottingham 
Heute Nacht hat es geschneit und im Studio ist es so kalt, dass man fast seinen Atem sehen kann. Daran kann auch der Handtaschenformat-große Heizlüfter der Firma Delonghi nichts ausrichten, der auf dem bandgenerationenversifften Teppich steht. Andrew zieht seine Schuhe aus und wärmt seine Tennissockenfüße. Kurze Pause für ein paar Kippen im Innenhof vor dem Studio – von den E-Zigaretten ist man inzwischen wieder runter – dann geht’s weiter. Zack, zack. Lange aufhalten will sich hier niemand. Nicht wegen der fiesen Kälte, sondern weil das bei Sleaford Mods einfach so läuft. Jason schreibt Songtexte auf dem Smartphone, während Andrew die Beats noch ein bisschen kantiger macht. Für den Song »Giddy On The Ciggies« spielt er eben noch eine Gitarre ein. »Habt ihr gesehen, Indie-Rock ist gerade zur Tür reingelatscht«, grinst Andrew. Und verwirft die Idee mit der Gitarre sofort wieder. Delete. »Klingt nicht hässlich genug. Außerdem sind wir ja eher minimal unterwegs«, sagt Andrew und zeigt auf ein Drum-Kit, das von irgendeiner lokalen Band in der Studioecke geparkt wurde; das Bandlogo darauf in 60s-Retro-Schrift. »Genau das ist doch das Problem aller jungen Bands heute, dieser Retro-Scheiß.« Jason tippt weiter Songtextideen, Twitter-Posts oder Facebook-Status-Updates in sein Smartphone, who knows. »Ich weiß ganz genau, was du meinst, ich brauch dafür noch nicht mal hinzugucken.«

28. Januar 2015, Cafe-Snack Bar, Nottingham 

Full English. Beans, Tomatos, Hash Browns, Veggie Sausages, Eggs. Die Kellnerin trägt weiße und rosa Mini-Plastikschleifchen auf den langen Kunstfingernägeln und notiert die Bestellung. Wir sitzen mit Steve Underwood, Sleaford Mods Manager, Tourmanager und Betreiber des Abstrakt-Punk Labels Harbinger Sound, an grauen Resopaltischen im örtlichen Breakfast Café. Der Tee kommt in Bechern, auf denen Prince William und Kate Middleton als Hochzeitspaar abgebildet sind. Steve blättert in Kenne-Deinen-Feind-Manier durch die Tabloid Zeitung vor ihm auf dem Tisch. Morgens nicht zur Arbeit müssen, fühlt sich gut, aber auch irgendwie komisch an. Für uns ist das alles neu. Jason hat im Oktober seinen Job in der Sozialhilfestelle bei der Stadtverwaltung gekündigt. Ich war vierzehneinhalb Jahre lang Linienbusfahrer hier in Nottingham und hab mein Label seit 1992 nebenbei und nach Feierabend betrieben. Am Freitag bin ich in der Mittagspause zum Busdepot gefahren und hab gesagt »ich komm’ nicht mehr, sagt Steve und wird ein bisschen nachdenklich. Nächste Woche geht’s für Sleaford Mods zum bisher größten Gig in den legendären Electric Ballroom nach London. Kapazität: 1100. Die Gästelisten-Anfrageliste ist so lang, dass die Band schon damit den Laden vollmachen könnte, wenn sie wollte. Wir fahren mit dem Bus zum Studio. Am Victoria Center im Stadtzentrum steigen wir aus und laufen das letzte Stück zu Fuß. Steve trifft alte Kollegen in dunklen Busfahreruniformen. »Make the music never stop«, sagt einer zum Abschied. Steve lacht.  

 

Tour-Diät: Full English
Bild: Christine Franz

6. März 2015, Scunthorpe, Cafe INDIEpendent 

Boston/Lincolnshire, Barnsley, Wakefield, Stockton-on-Tees, Scunthorpe. Das England aus den sexy Popkultur-Prospekten sieht irgendwie anders aus als das right here, right now. »Genau das ist die Idee dahinter«, sagt Jason. »Wir wollen auf dieser Tour dahin, wo heute keine Band mehr vorbeikommt. Früher haben Bands wie The Jam ständig in so Gegenden wie Gloucestershire oder in irgendwelchen fast vergessenen Kleinstädten gespielt. Also für normale Leute, vor ihrer Haustür. Heute macht das keiner mehr.« Wir fahren vorbei an tristen Fußgängerzonen, an Charity-Shops und Poundlands, durch brettervernagelte Terraced-House-Siedlungen. Auf einem besonders zynischen Schild in Stockton-on-Tees steht »Redevelopment Coming Soon«. Daran scheint hier niemand mehr so richtig zu glauben. »Diese Orte haben einiges durchgemacht. Der Norden wurde immer unterdrückt, die Communitys schon vor Jahrzehnten komplett zerstört«, sagt Jason. Heute Abend spielen Sleaford Mods in Scunthorpe, einst das Zentrum der Stahl verarbeitenden Industrie in England. Der örtliche Club ist ein zwischengenutzter, ehemaliger Co-Op-Drogeriemarkt. Als Jason und Andrew auf die Bühne gehen, explodiert die Crowd aus Alt-Mods, linken Skins, Indie-Kids und generell Arbeitslebenresignierten. Es riecht nach Schweiß, der kondensiert von der Decke tropft. Jasons Halsschlagader bebt gefährlich. Sack the fucking manager, schreit Jason am Ende von »Fizzy«, einem seiner vielen Hasstiraden auf die Nervbirnen und Ausbeuter des Arbeitsalltags. Fäuste werden geballt, Erweckungsmoment-Blicke geteilt. Ein Typ aus dem Moshpit mit zerlaufener Mod-Frisur schreit in die Kamera: »Wisst ihr, Scunthorpe ist eine Arbeiterstadt. Und dieser Typ gibt Leuten wie uns endlich wieder eine Stimme.« 
Wakefield
Bild: Christine Franz

19. Mai 2015, Grand Parade, Skegness 

Driving down the A15, with an aching in my heart. I do a ton in the 40 zone – do you wanna see me start? Wir fahren in Steves Auto aka The Tourbus von Nottingham aus Richtung Osten. Vorbei an Grantham, Jasons und Margaret Thatchers Heimatort »Welcome to sunny Grantham!«, sagt Jason. »Brutstätte des Tory-Tums. Hier wurde schon immer konservativ gewählt. Alle wählen Blau in dieser Gegend. Margarat Thatchers Vater hatte in Grantham einen Lebensmittelladen. War nicht besonders beliebt im Ort. Hatte kein Verständnis für die Leute, denen es nicht so gut ging wie ihm. Irgendwo muss sie das ja her gehabt haben.« Weiter Richtung Küste, vorbei an übel riechenden Kohlfeldern, bis die ersten Möwen und Trailerparks links und rechts neben der Straße auftauchen. »Skegness ist für Nottingham das, was Blackpool für Liverpool ist. Jedes Kind aus Nottingham hat hier schon mal die Sommerferien verbracht«, klärt Steve auf. Ja, wirklich schön hier. Und die perfekte Location für den Videodreh zum neuen Song »Tarantula Deadly Cargo«. Simon Parfrement, Bandfotograf, Videoregisseur des Sleaford-Mods-Songs »Tied Up In Nottz« und früher selbst mal in der Band, dirigiert die Gruppe vorbei an Achterbahnen, Spielarkaden, Plüschtiergreifarmautomaten und einer Bar, die den alten 90er-Jahre-Oasis-Schriftzug geklaut hat. Beim Videodreh an der Strandpromenade gehen Sleaford Mods dann ähnlich ergebnisorientiert vor wie im Studio. Vier Echtzeittakes für vier Strophen inklusive Softeisessen. Done. 

Und so sieht's am Ende aus:

 

21. Mai 2015, Bahnhof, Nottingham
Der Zug steht abfahrtbereit am Gleis. Jason, Andrew und Steve schleppen drei riesige Reisetaschen über den Bahnsteig und quetschen sie ins Gepäckfach. T-Shirts mit dem schon legendären Sleaford-Mods-Bierdosen-Design, Vinyl, CDs. Merchandise für zwei ausverkaufte Konzerte in Bristol heute und morgen Abend. Fürs Vorprogramm haben die Sleaford Mods befreundete Bands ausgesucht: die Punklegenden Chaos UK, den Experimental-Noise-Frickler Putrifier und Kogumaza aus Nottingham. »Wir machen das am liebsten selbst. Funktioniert am besten«, sagt Steve. Wie auch sonst eigentlich alles bei den Sleaford Mods in der Familie bleibt. Label, Management, Merchandise, Videos, Bandentscheidungen. »Neulich hatten wir mal eine Anfrage von einem jungen Typen aus London, der für ein bekanntes Label gearbeitet hat. Der wollte gerne künstlerischer Berater werden«, Steve grinst. »No, thanks.« Vor dem Zugfenster die East Midlands, »so flach wie unser Akzent«, hat Jason bei unserem allerersten Interview gesagt und irgendwie stimmt das auch. Noch eineinhalb Stunden bis Bristol, noch knapp sechs Wochen bis zum Album-Release. Andrew daddelt an seiner Tablet-DJ-Software und Jason liest im NME. »Ach übrigens: Dieser Typ vom Mojo Magazine hat angerufen und gesagt ›Key Markets‹ sei ja ein wahres Masterpiece geworden«, Jason lacht schallend. »Ach wirklich?« 

Die Belohnung für einen kompakten Studiodreh: Softeis.
Bild: Christine Franz

Wir verlosen drei DVDs von »Bunch of Kunst«. Dem schönen Package liegt außerdem eine Live-CD mit einer Show der Sleaford Mods im SO36 bei.

Teilnahme ab 18 Jahre. Einsendeschluss ist der 15.06.2018. Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Sleaford Mods

Key Markets

Release: 24.07.2015

℗ 2015 Harbinger Sound

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