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Nur wir drei

Sizarr im Gespräch

Mit dem 2012 veröffentlichten Debütalbum »Psycho Boy Happy« tauschten Sizarr Stundenplan gegen Timetable und widmeten sich fortan opulent inszenierten Festivalgigs. Zwei Jahre später gehören Schulpflicht und WG-Leben der Vergangenheit an, geblieben sind zehn Songs, die von jener Zeit und darüber hinaus künden. Philip Fassing konnte klären, was sich in den vergangenen zwei Jahren im Leben des Trios aus Landau verändert hat, welchen Schwierigkeiten sich eine deutsche Band mit internationalen Ambitionen gegenübersieht und warum ihr neues Album »Nurture« eine anspruchsvolle Übung in Sachen Zurückhaltung war. (Motiv: Band-Fotos von jakob & hannah / Natur-Fotos von Jochen Pach / Illustration von Holger Risse)
Geschrieben am
»Auch was?« fragt Philipp Hülsenbeck von Sizarr zuvorkommend, als ich an einem verregneten Dienstagnachmittag in Berlin-Kreuzberg zu dem Trio stoße, und reckt mir einen gerade geöffneten Müsli-Riegel entgegen. Ich lehne dankend ab und erhalte sogleich Lob für das scheinbar erste normale Aufnahmegerät, das die Jungs trotz des bereits fortgeschrittenen Interviewtages zu sehen bekommen: »Endlich mal kein Smartphone!« schallt es leicht pfälzernd durch das niedrige Souterrain-Büro. Natürlich kann man so was als beiläufiges Detail abtun und im nächsten Moment wieder vergessen. Wenn aber in der folgenden Stunde immer wieder die Betonung darauf liegt, dass man von Anfang an vor allem eines im Sinne hatte, nämlich, »einen geilen Sound zu kreieren«, dann kann eine solche Nebensächlichkeit durchaus mehr sagen als tausend Worte – und vor allem den Ernst unterstreichen, mit dem das Trio diese Ambition von Beginn an verfolgt hat. 
Ein Beginn, der übrigens bei Weitem nicht so romantisch war, wie er im Zuge der Veröffentlichung ihres Debütalbums »Psycho Boy Happy« gerne des Öfteren verklärt wurde. Denn so märchenhaft die Geschichte von der Band, die den Leistungskurs kurzerhand für große Festival-Gigs schwänzt, auch heute noch klingen mag – die oft prekären Umstände des freischaffenden Künstlertums machten auch vor Sizarr nicht halt. Man verteilte Flyer, kratzte die letzten Ersparnisse zusammen oder gab schlichtweg kein Geld aus, um über die Runden zu kommen. Als großes Defizit hat das temporäre Leben auf Sparflamme allerdings keiner der drei in Erinnerung: »Das Einkommen spielte eigentlich erst eine Rolle, als wir dann auch Geld mit der Musik verdient haben«, resümiert Marc Übel, seines Zeichens für Rhythmus und synthetische Klänge bei Sizarr verantwortlich, und ergänzt: »Aber auch eher, weil wir uns dann endlich Equipment leisten konnten.«
Leuchtet ein: Wer wie Sizarr neben guten Songs auch mit einem individuellen Klangbild auffallen möchte, der benötigt dafür die entsprechenden Werkzeuge. Und wer das aufgebaute Live-Set des Trios mal gesehen hat, der weiß, dass dazu weitaus mehr gehört als Bass, Gitarre und Schlagzeug. Nur: Was machen, wenn einem die Liebe zum opulenten Klang plötzlich im Weg steht, weil es schlicht unmöglich scheint, die unzähligen Spuren der Albumversionen mit gerade mal drei Mann auf die Bühne zu bringen? Man ahnt es bereits: Etwa hier beginnt die gut zwei Jahre andauernde Geschichte von »Nurture«, dem zweiten Album von Sizarr, um das es hier nicht zuletzt gehen soll. Doch dazu später mehr.
Der vierte Mann

Bereits zwei Monate vor unserem geplanten Treffen sollten sich die Wege von Sizarr und mir in dem Tonstudio eines Kölner Proberaum-Komplexes kreuzen. Fabian, Philipp und Marc betreten an diesem späten November-Abend gebückt den flachen Kellerraum, in dem ein gemeinsamer Freund gerade Audiospuren an einem Monitor hin und her schiebt. Man lässt sich erschöpft in Sessel und Sofa fallen. Der Tag war lang. Einige Stunden zuvor galt es, das Video zur ersten Single »Scooter Accident« auf einem Jahrmarkt im Kölner Norden abzudrehen. Philipp lässt sein Smartphone rumgehen, auf dem Fotos vom Dreh die Jungs in tougher Schaustellertracht zeigen: zurückgegelte Haare, Lederweste, Kapuzenpullover. Verantwortlich für den stimmigen und aus nur einer einzigen Plansequenz bestehenden Clip ist Philipp Käßbohrer, der als Mitgründer der TV-Produktionsfirma Bildundtonfabrik auch maßgeblich an Formaten wie »Roche & Böhmermann« oder »Neo Magazin« mitwirkte. Wer etwas genauer hinschaut, der stellt fest, dass Sizarr ohnehin irgendwie immer die richtigen Leute an ihrer Seite haben, denn so wie Käßbohrer in seinem Fach als große Hoffnung gilt, ist auch Markus Ganter, Freund und Produzent der Band, mittlerweile auf dem besten Wege, Indie-Deutschlands gefragtester Mann an den Reglern zu werden.
Wie kann man sich Markus’ Rolle bei der Produktion eigentlich vorstellen?
Marc: Diesmal war er schon eher Produzent als Bandmitglied. Beim ersten Album hat er aber tatsächlich auch viel selbst gemacht.
Fabian: Ja, das erste Album ging eigentlich auf uns vier gemeinsam. Bei »Nurture« war er dann schon mehr der klassische Produzent, auch wenn er trotzdem hin und wieder mal was eingespielt hat.
M: Er ist halt auch ein geiler Bassist!

Wieso können sich denn eurer Meinung nach gerade alle, von Casper bis zu Tocotronic, auf ihn einigen?

F: Markus hat einfach eine krasse Arbeitsmoral. Der Typ schuftet sich wirklich den Arsch ab und ist dabei auch noch Autodidakt. Der hat sich wirklich alles selbst beigebracht, und dafür schätze ich ihn extrem. Ein richtiges Arbeitstier, das an sich selbst sehr hohe Ansprüche stellt.
M: Und er findet für jedes Problem im Studio eine entsprechende Lösung.
F: Genau, er bringt diese Intelligenz mit, Probleme in Songs gezielt zu erkennen und dann auch die Fehler ausmachen zu können.

Lässt er euch diese hohen Ansprüche denn auch spüren?

F: Na ja, er würde jetzt nie einen Song einfach rausschmeißen oder so. Er hört sich das halt an und gibt im Zweifel zu bedenken, dass das so nicht geht. Meistens hat er dabei auch recht. Wir haben uns manchmal auch gerieben, was aber eigentlich eher ein Verständigungsproblem war. Also, dass er im Grunde das Richtige gesagt hat und es auch bei mir angekommen ist, ich es aber irgendwie falsch aufgenommen habe – dabei aber im Endeffekt dasselbe wollte. Nur auf einem anderen Weg vielleicht.

Während das eine oder andere Kommunikationsproblem im Studio durchaus zur Tagesordnung gehört und wahrscheinlich auch das geringste Problem bei der Entstehung von »Nurture« gewesen sein dürfte, stellte das eigentliche Songwriting eine weitaus größere Hürde für die Band dar. Nicht etwa, weil sich die drei von irgendwelchen Erwartungshaltungen unter Druck gesetzt fühlten, sondern vielmehr aufgrund einiger selbst auferlegter Einschränkungen. »Nurture« sollte nicht mehr klingen wie dieser massive Hybrid aus digital bearbeiteten Loops, dicht geschichteten Klangflächen und unzähligen Effekten. Wir wissen eigentlich selbst nicht mehr so genau, was wir da mit dem ersten Album gemacht haben, gesteht Fabian. 
Viel wichtiger sei gewesen, die Songs diesmal auch wirklich nach einer dreiköpfigen Band klingen zu lassen, ohne sich dabei wieder in den digitalen Möglichkeiten zu verlieren. Doch während man dem Album als gewöhnlicher Hörer eigentlich sofort ein reduzierteres Erscheinungsbild attestieren würde, gibt sich Fabian kritisch: »Es ist auf jeden Fall wieder voller geworden, als wir am Anfang geplant hatten. Wir wollten es ursprünglich wirklich ganz extrem runterfahren«, fasst er etwas entschuldigend zusammen, während Marc relativierend einwirft, dass das aber eben auch einfach ein Teil von Sizarr sei, dieses ausgeprägte Faible für raumgreifende Klangfiguren.
Dass »Nurture« trotzdem nur bedingt an das Debüt mit all seinen dichten Synthesizer-Schwaden und digital gelayerten Schlagzeug-Synkopen anknüpft, ist vor allem einer Tatsache geschuldet: Die Stücke wurden im Arbeitsprozess immer wieder mit ihren Demo-Versionen abgeglichen und im Zweifel eben entrümpelt, wenn der ursprüngliche Vibe plötzlich verschüttet schien. Dieser sehr musikalische Schreibansatz äußerst sich unter anderem darin, dass »Nurture« weitaus heterogener und vielfältiger anmutet als sein Vorgänger, einen aber auch nicht mehr in bester Sturm-und-Drang-Manier erobert, wie es eben dem Debüt mit seinen direkt zu Beginn platzierten Hits gelang. Man kann da jetzt lange drum herum reden, um bloß nicht diese eine Floskel loszuwerden, aber »Nurture« ist eben kurz gesagt ein sehr reifes Album geworden, dessen Zeilen, Bassläufe und Gitarren-Akkorde sich nach einigen Hördurchläufen diskret, aber nachhaltig im Gehörgang festsetzen.
Deutschland, du Streber!

Für das angeblich immer so schwierige zweite Album sind Sizarr an diesem Tag übrigens ziemlich entspannt. Sie sagen dann Sätze wie »Wir hatten nicht die Mentalität, jetzt so ein Hit-Album abliefern zu müssen« oder »Man hat es eh nicht in der Hand, ob man damit Erfolg hat«. Das aber als fehlenden Ehrgeiz auszulegen wäre schon wieder fahrlässig, denn weitaus wichtiger als Plattenverkäufe oder Chartsplatzierungen ist der Band eine gewisse internationale Strahlkraft, also irgendwann auch mal verstärkt in anderen Ländern spielen zu können, ein bisschen herumzukommen, kurz: die Welt zu sehen. In der Theorie stehen die Vorzeichen dafür ziemlich gut. In der Praxis scheint es dann aber doch wieder nicht so einfach zu sein. Eine hiesige Eigenart? Für Marc nicht unwahrscheinlich: »Hier gilt es irgendwie immer erst mal, das eigene Land zu erobern, bevor man woanders Fuß fassen darf. Das ist schon so ein deutsches Ding: erst mal eine Sache richtig machen, bevor man eine andere angeht«, bilanziert er nachdenklich. 
Habt ihr eigentlich das Gefühl, als deutsche Band sehr mit anderen über einen geografischen Kamm geschert zu werden?
F: Voll! M: Ja, das merkt man zum Beispiel, wenn irgendwelche jungen Mädchen auf Instagram ihre CD-Sammlungen posten. Da sind dann immer Prinz Pi, Casper und so weiter dabei, Deutschrap halt, dann aber auch Sizarr. Wie kommen die auf uns?
F: Ja, diese Vermischung ist schon so eine hiesige Eigenart, hat in dem Fall aber natürlich auch damit zu tun, dass wir mit Four Music auf einem ungewöhnlichen Label sind für das, was wir machen. In der ersten Promowoche zu unserem Debütalbum haben uns auch alle Leute irgendwas zu Cro oder Kraftklub gefragt. Weil das halt einfach für alle diese deutschen Newcomer waren – völlig egal, wie weit das musikalisch auseinander ist. Das wird hier schon sehr gerne verallgemeinert.

Ist es bei dieser allgemeinen, durch das Internet bedingten Verfügbarkeit nicht ohnehin sehr schwierig geworden, als Band noch so was wie Distinktion zu entwickeln?

M: Nein, im Internet gibt es vielleicht alles, das heißt aber nicht, dass auch jeder alles findet. Dazu gehört am Ende ja auch ein entsprechender Geschmack ...

... den ihr aber alle drei besitzt. Wirkt sich diese damit einhergehende stilistische Schnelllebigkeit irgendwie auf eure Arbeit als Band aus?

Philipp: Man hat dadurch schon verschiedene musikalische Phasen ...
M: ... die man aber auch ohne das Internet hätte.
P: Ja, aber ich meine so in der Fülle, die man sich da so reinzieht. M: Aber dagegen muss man sich auch ein bisschen wehren.
P: Klar, irgendwann muss man sich schon für einen Weg entscheiden.

Viele sehen ja auch die reine Quantität, die unter dieser Prämisse entsteht, als das eigentliche Problem.

M: Na ja, es kann ja ruhig jeder Musik machen, wenn er mag. Nur, ob das dann auch veröffentlicht werden muss, ist wieder eine andere Frage. Es ist natürlich extrem schwierig und nicht zuletzt auch sehr subjektiv, da im Einzelnen drüber zu entscheiden. Aber natürlich geht diese Quantität auf Kosten der Qualität.
Vielleicht ist es genau das, was Sizarr von manch anderen jungen Bands unterscheidet. Diese unaufgeregte Weitsicht. Klar, »Weitsicht«, das klingt erst mal etwas öde und vernünftig, dürfte aber nicht zuletzt der Grund dafür sein, dass ihr zweites Album in Sachen Halbwertszeit auffällig zugelegt hat. Wenn man denkt, man müsse mit dem Zeitgeist gehen, dann ist der Zeitgeist schon wieder ganz woanders, wenn das Album draußen ist. Das Ziel sollte eher sein, selbst einen Zeitgeist zu erschaffen, bringt es Marc treffend auf den Punkt. Eine Menge Bedachtsamkeit, die allerdings nicht bedeutet, dass sich die drei in musikalischer Hinsicht nicht auch mal austoben würden. Im Gegenteil: Solo-Experimente haben einen hohen Stellenwert bei Sizarr und dienen nicht nur der freizeitlichen Zerstreuung. »Man wird dadurch in seinem Handwerk einfach besser, und das fließt ja letztlich wieder in die Band ein«, stellt Marc klar und fügt an, dass es letztlich den Spaß an der Sache erhalte, wenn man seinem kreativen Output hin und wieder ohne großen Druck freien Lauf lasse. Während Marc unter dem Namen Gora Sou bereits eine Veröffentlichung bei dem Kassetten-Label Noumenal Loom verzeichnen kann, behalten Fabian und Philipp ihre eigenen Songs bisher lieber für sich. »Ich hatte noch nicht das Bedürfnis, etwas davon zu veröffentlichen. Aber dieses Jahr werde ich das stärker angehen«, verrät Fabian.
Hymnen aus der Cloud

Die Suche nach alternativen Kanälen für den kreativen Output ist dabei durchaus nachvollziehbar, ist es doch für die drei nicht gerade einfacher geworden, mal eben im Proberaum ein paar Nummern durchzugehen. Hockten die drei bei den Arbeiten am ersten Album nämlich noch dicht aufeinander, hat es Fabian, Philipp und Marc mittlerweile in gänzlich unterschiedliche Ecken des Landes verschlagen: Fabian hat eine Wohnung nur unweit unseres Treffpunktes in Berlin bezogen, Philipp ist mittlerweile in Hamburg zu Hause, und Marc lebt in Frankfurt. Heißt: Neue Ideen mussten in den vergangenen Monaten eher über Dropbox oder Skype ausgetauscht werden, statt sie im Studio oder Proberaum unmittelbar auszutesten. Das ist insofern bemerkenswert, als dass man im Gespräch immer wieder feststellen muss, wie demokratisch diese Band eigentlich funktioniert. So markant Fabian Altstötter als Sänger auch auf der Bühne herausstechen mag – Hinweise auf eine wie auch immer geartete Band-Hierarchie sucht man hier vergebens. Einfacher werden große Projekte wie eine Albumproduktion dadurch natürlich nicht, denn Situationen, in denen schnell Entscheidungen getroffen werden müssen, gibt es immer. »Wenn etwas für einen gar nicht geht, dann wird es auch nicht gemacht. Bei Zweifeln kann aber auch schon mal jemand überstimmt werden«, bricht Fabian das Prozedere der Entscheidungsfindung runter, betont dabei aber, dass es auch immer ein wenig davon abhänge, wie groß der Anteil des jeweiligen Mitgliedes an der entsprechenden Idee sei.  Das mag alles etwas bürokratisch klingen, letztendlich ist und bleibt es aber vor allem das Gefühl, auf das sich Sizarr bei ihrer Arbeit stets verlassen. Und das kann so falsch nicht sein, wenn am Ende ein derart rundes Album wie »Nurture« steht. Den Titel des Albums darf man laut der Band übrigens durchaus wörtlich nehmen: die eigene Entwicklung, der Reifeprozess als programmatische Klammer. Das kann man etwas prätentiös finden, weitaus treffender wäre allerdings eine ganz grundlegende Emotion: Stolz. Und der sei den dreien an dieser Stelle absolut gegönnt.

Sizarr »Nurture« (Four / Sony / VÖ 27.02.15)

Sizarr

Nurture

Release: 27.02.2015

℗ 2015 Four Music Productions GmbH