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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Punk Floyd

Six By Seven

Nach dem Grünkohl-Essen mit seinem Pressebetreuer braucht Chris Olley um 13 Uhr 30 erst mal einen Magenbitter. Zwei Stunden zuvor sind er und sein Schlagzeuger Chris Davis ziemlich unsanft auf die Landebahn des Flughafens Hamburg-Fuhlbüttel geplumpst. Ein Sturmtief war schuld, das machte die Reise z
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Nach dem Grünkohl-Essen mit seinem Pressebetreuer braucht Chris Olley um 13 Uhr 30 erst mal einen Magenbitter. Zwei Stunden zuvor sind er und sein Schlagzeuger Chris Davis ziemlich unsanft auf die Landebahn des Flughafens Hamburg-Fuhlbüttel geplumpst. Ein Sturmtief war schuld, das machte die Reise ziemlich "shaky". Geschaukelter Kohl mit fetter Wurst und Speck: nicht gut! Entsprechend miesepetrig guckt der Engländer aus der Wäsche.

Dabei sollte der Six By Seven-Mastermind zumindest an deutsches Essen gewöhnt sein. Sein Vater diente in der britischen Armee, war für lange Jahre in Deutschland stationiert. Den größten Teil seiner Jugend verbrachte Chris im beschauliche Dorsten - bis zum 18. Lebensjahr. Dann begann er eine rastlose Wanderschaft, die er sich bis heute nicht so recht erklären kann. Er verließ Deutschland in Richtung Canterbury. Von dort nach Bristol, zurück nach Canterbury, für ein weiteres Jahr nach Deutschland. Dann nach Italien und Leeds, schließlich landete er in Nottingham.

Dort wurde er seßhaft und gründete 1991 die Rockband Six By Seven. Mit den Alben "The Things We Make" (1998) und "The Closer You Get" (1999) erspielte sich das Quartett in England eine beachtliche Fan-Base. Und das obwohl ihr Stil schwer einzuordnen ist, was eine reibungslose Aufnahme in die Wertschöpfungskette des Pop nicht gerade vereinfacht. Six By Seven pendeln irgendwo zwischen den Polen Hardcore und Britpop. In der Vergangenheit wechselten sie das Genre zuweilen sogar innerhalb eines Songs, wofür sie der NME die Band mit dem Begriff Punk Floyd abstrafte.

Die psychedelische Manierismen sind auf dem neuen Album "The Way I Feel Today" verschwunden. Doch Six By Seven klingen immer noch so, als hätte man ein altes verstaubtes Indie-Mixtape aus dem Jahre 1988 im Jugendzimmer des Elternhauses wiedergefunden. Auf ein herausgebrülltes Stück Emo-Core folgt süßester Neuseeland-Pop. Die erste Single "I.O.U. Love" erinnert sogar ein wenig an das traurig-tröstende "Under The Milky Way" von The Church. Mit diese Assoziation sollte ich gar nicht so falsch liegen, wie sich bei unserem Gespräch bald herausstellte:

? Eurer Stil ist ziemlich unentschieden. Was sagen den die britischen Medien dazu?

Olley: Oh je, die haben uns schon mit den absurdesten Vergleichen belegt. Möchtest du eine Auswahl hören: The Cramps, Prince, David Bowie, My Bloody Valentine, Portishead, Straight Jacket Fits...

? Eine tolle Zusammenstellung! Der Prince-Vergleich macht besonders viel Sinn. Aber im Ernst - bei den Popstücken höre ich schon ein wenig Australien und Neu Seeland heraus.

Olley: Yeah, das hat uns wirklich beeinflusst! The Chills, The Triffids. Die klangen so frisch. Man konnte hören, dass sie nicht aus England oder den USA kamen. Der Sound dieser Bands hatte so eine britische Erdigkeit, aber auch diesen "wide open space" amerikanischer Musik. Vielleicht liegt das daran, dass die dort unten auch diese weiten Landschaften haben.

?: Ihr habt immer in Nottingham gelebt. Warum seid ihr nie nach London oder Manchester umgezogen. Und sei es aus strategischen Gründen?

Olley: Schwer zu sagen. Ich weiß nur, dass wir in London ständig ums finanzielle Überleben kämpfen würden. Alles ist so verdammt teuer. Man müsste ständig zu dieser und jener After-Show Party gehen. Vielleicht wäre das interessant, ich weiß nicht. Aber andere Dinge sind uns wichtiger.

Davis: Mehr und mehr Bands entscheiden sich heute gegen London. Wegen der Kohle, die man dort lässt und um sich besser auf die Musik konzentrieren zu können. England ist klein genug, dass man im Prinzip überall leben kann. Man ist trotzdem schnell dort ist, wo man gerade hin muss.

Olley: London ist zwei Autostunden entfernt. Wenn wir auf Tour sind, fahren wir nachts meistens wieder heim. Wir waren auf Tour mit Placebo und sie fragen uns jeden Abend nach dem Gig: "Und, was machen wir noch?". Wir sagten : "Oh, wir fahren jetzt nach Hause." Nottingham liegt in der Mitte Englands. Das ganze Geld für die Hotels kann man sich schenken.

Davis: Die Entfernungen in England sind echt ein Witz. So viel Musikgeschichte auf solch einer kleinen Insel. Im Tourbus machen wir immer ein Quiz. Jeder versucht, so viele Bands wie möglich aus der Stadt aufzuzählen, durch die wir gerade fahren. Da merkt man, dass jede blöde Stadt hat ihre eigene Bandgeschichte hat.

Olley: Bis auf Nottingham...(beide lachen)

? Es muss doch bekannte Bands aus Nottingham geben!

Olley: Na gut, es gab Ten Years After. Sie wurden dadurch bekannt, dass sie das letzte Lied in Woodstock spielten. Und kennst du das? (singt): "Biiilly, don't be a heeero...", das ist von Paper Lace. Auch aus Nottingham!

? Gibt es in Nottingham keine "zeitgenössischen" Bands?

Davis: Nicht allzu viele. Hm, es gibt noch Bent und Pitch Shifter.

Olley: Echoboy! Und D.I.Y, aber das ist eher ein DJ Kollektiv. Dann ist da noch Earache-Records, ein Label für extremen Heavy-Stoff.

? Welche aktuellen englischen Bands gefallen euch?

Olley: Im Moment nicht allzu viel. Überall hört man Starsailor oder Coldplay. Oder Bands, die genauso klingen.

? Du magst Starsailor nicht?

Olley: Sie sind mir einfach egal. Es ist "nice music". Den Leuten scheint es zu gefallen.

? Wie stehst du zu Radiohead?

Olley: Die mochte ich sogar mal sehr. Sie haben hervorragende Songs geschrieben. Jetzt sind sie ein wenig in den Prog-Rock abgedriftet, aber sie waren sehr wichtig für die Gitarrenmusik insgesamt.

? Warum?

Olley: Weil sie anders sind. Schau dir Oasis oder Travis an. Die können nur ein Album machen. Oasis macht kein "Sergeant Pepper" mehr. Ich sehe auch nicht, dass Travis mit einem HipHop-Album kommen. Warum eigentlich nicht? Wenn man groß ist, kann man so viel bewegen. Das sollte man nutzen, um neue Dinge auszuprobieren. Ich habe gehört, Blur machen ihr neues Album mit Fatboy Slim. Das finde ich mutig!