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schweigen ist gold

Silent Poets

Auf der Bühne des verdammt schicken Espace Paul Ricard stehen Stühle und zwei Mikrophonständer, daneben, offstage, ein Mischpult und das DJ-Set-up für davor und danach. Yellow Productions haben zur Record-Release-Show der Silent Poets geladen. Später sitzt auf den Stühlen das Everton Nelson Streichq
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Autor: intro.de

Auf der Bühne des verdammt schicken Espace Paul Ricard stehen Stühle und zwei Mikrophonständer, daneben, offstage, ein Mischpult und das DJ-Set-up für davor und danach. Yellow Productions haben zur Record-Release-Show der Silent Poets geladen. Später sitzt auf den Stühlen das Everton Nelson Streichquintett und zupfgeigenhanselt zum DAT-Playback, während im Wechsel Attica Blues' Roba 'Save The Day' und die New Yorker Nachwuchs-Poetressen Anomalies ihre beiden Tracks vom jüngsten Silent Poets-Album zum besten geben. Die eigentlichen Dichter sind namensgerecht stumm und eigentlich auch unsichtbar, denn während der gesamten, ungefähr halbstündigen Performance bleiben sie am Pult und feintunen an den kleinen Knöpfen. Nach dem Gig wird der Kurzfilm-zur-Platte-zur-Party gezeigt - ein ganz okayes Ding, das in Barcelona gedreht wurde und wohl eher auf dem Mist von Yellow als der List der Silent Poets entsprungen ist -, im wesentlichen eine, ähm, Meditation, ein ca. zehnminütiger Langstreckenlauf.
Am nächsten Tag geben Takahiro Haruno und Michiharu Shimoda, die Herren Poeten, brav zu Protokoll, daß sie den Film ganz prima finden und sehr froh sind, daß es ihn gibt. Falls sie das nicht gesagt haben sollten, dann hat der Yellow-zugehörige Übersetzer ihre Antwort zumindest so interpretiert. Aber egal, denn eigentlich gibt es über das japanisch-französische Handelsabkommen vor allem Gutes zu berichten: Nach den Bemühungen der inzwischen eines betriebswirtschaftlichen Todes erlegenen Firma 99 Records um die Einführung der bisherigen Silent Poets-Alben (immerhin fünf reguläre LPs mit zwei bis drei dazugehörigen Remix-Versionen seit 1992) könnte mit Yellow respektive dem anhängenden EastWest-Vertrieb nun vielleicht ein weiterer Kreis von Musikfreunden auf das fleißige Duo aufmerksam werden. Neben der Verfügbarkeit der Platten bedeutet der Yellow-Deal nicht nur, daß man sich in bester Gesellschaft weiß mit dem Pariser Dimitri, Bang Bang, Kid Loco, Mighty Bop und Co., sondern daß auch eine Superluxus-Fassung des aktuellen Albums inklusive 10-Inch, DVD des Films und dem dicksten Booklet seit Erfindung des Bogendrucks erhältlich ist (limitiert, laminiert, lackfarben).
Und verdient hat '... To Come' sowohl Sonderverpackung als auch Aufmerksamkeit: Die Streicher dominieren fast alle Tracks mit der Würde großer Soundtracks (Kollege Nelson strich schon bei Björk oder Ryuichi Sakamoto; Empfehlung an alle Craig Armstrong- / Massive-Fans), mit u. a. Terry Hall, Virginia Astley, Ursula Rucker und Kirsty Hackshaw wurden extravagante Stimmbänder bespielt, und ansonsten gibt es die Silent Poets-typischen, perfekt ausbalancierten Beats, Bässe und brillanten Soundstrukturen, die es schon immer unmöglich gemacht haben, hier von nur einem Stil zu reden. Das hat Dub, das hat Jazz, das ist fast ambient, das könnte Trip Hop genannt werden, und manchmal ist es zu schön, um darüber reden zu wollen. Die Welt als Wohlklang.
Und wie bei den meisten Vorgängern (hierzulande wohl am bekannstesten 'Words And Silence' von 1994) folgt dem 'richtigen' Album im Herbst ein Remix-Fest im Langspielformat. Aber fürs erste und aufgrund von zeitloser Schönheit auch auf Dauer reicht '... To Come' in der Originalfassung allen denen, die sich gern von musikalischer Dichtkunst durchdringen lassen und auch in stillen Wassern tiefe Befriedigung finden können.