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So war's in Düsseldorf: Zwischen Messe und Geburtstag

Sigur Rós live

Das Publikum will Sigur Rós nicht gehen lassen. Trotz voller Hallenbeleuchtung. Sekunden, Minuten, Stunden: der Applaus hört nicht auf! Im Gegenteil, er schwillt zu einer ohrenbetäubenden Lautstärke an.
Geschrieben am

25.11.13, Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle

 

Da steht er, alleine auf weiter Flur, in der Mitte des Sets beginnt er einsam den Song »Festival«. Und in diesem Moment scheint Jónsi alle Sünden dieser Welt in sich zu vereinen. Er ist Bruder, Geliebter, Vater, Mahner, Richter. Tief blickt er in das Herz seiner Gegenüber, lässt Kummer aufsteigen, alle je begangenen Fehler wieder reflektieren. Tränen kullern über die Wangen, man schämt sich nicht. Man möchte sich sein Herz herausreißen, um diesen Schmerz nicht mehr spüren zu müssen! So muss er sich gefühlt haben, der verliebte Teufel bei Cazotte. Doch dann erfolgt die Erlösung: Schemenhafte Gestalten huschen über die Bühne, ein brachialer Bass setzt ein, der Geräuschpegel lässt die Grundmauern erzittern. Bevor die Welt untergeht, werden all seine Sünden reingewaschen. Totale Katharsis.

Ein Knall, ein Schock, und die Realität ist plötzlich wieder da. Lautes Getöse bricht an, doch ist es nicht mehr die Band, es ist der Applaus des aus einem Trancezustand erwachten Publikums. Es fordert mehr von diesem köstlichen Schmerz. Selbstkasteiung pur.

Es ist ein Abend massiver Dynamik. Begonnen hat die Band nämlich eingerahmt von einer Star Wars - ähnlichen Lasershow hinter Vorhängen verborgen. Die Inszenierung einer Show als präkonzilianische Messe voller Mystik und archaischer Spiritualität. Selbst das eigene Atmen erscheint da noch zu laut.

Doch trotz eines derart sakralen Angangs zwischen Jónsis Fantasiesprache »Vonlenska« und dem enorm feierlichen Auftreten der insgesamt elf Musiker findet die Band immer noch Zeit für die kleinen Freuden im Leben. Während das Publikum selbstverloren auf die Bühne starrt, wird genau dort unvermittelt mit viel Spaß der Geburtstag einer der drei Violinistinnen gefeiert. Hjartanlegar hamingjuóskir á afmælisdaginn!

 

Und zack! wieder zurück: Sigur Rós entrücken immer mehr der wirklichen Welt. Bald sind sie selbst Fabelwesen der isländischen Sagen. Später wir man seinen Kindern nicht von Feen, Elfen und Kobolden erzählen. Nein, die Protagonisten werden Jón Þór „Jónsi“ Birgisson, Georg „Goggi“ Hólm und Ágúst Ævar Gunnarsson heißen. Und von denen möchte man sich einfach nicht trennen. Selbst nachdem längst die komplette Halle wieder voll erleuchtet ist. Der Applaus stemmt sich dagegen. Sie wollen alle unbedingt wieder zurück in diese phantastische Welt von Sigur Rós.