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Mit Julia Jacklin, Chain Wallet und Little Cub

Sieben Entdeckungen vom By:Larm 2017

Mit Fug und Recht darf das norwegische By:Larm Festival als skandinavisches Pendant zum Eurosonic gelten. Christian Steinbrink war bei der diesjährigen 20. Ausgabe in Oslo und sah eine Reihe lohnender Acts am Anfang ihrer Karriere. Hier sind seine sieben Entdeckungen.
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Julia Jacklins letztes Jahr erschienenes Debütalbum »Don’t Let The Kids Win« hatte ich noch leichtfertig als etwas zu klassische Form von Indie-Country abgetan. Bei ihrer Show in dem traditionsreichen Rock-Club Blå packt sie mit eben jenen Songs des Albums aber umstandslos und tief. Live ist ihre Aura sogar mit der einer unprätentiösen Lana Del Rey vergleichbar. Ihre Stimme transportiert unglaublich viel nüchternen Schmerz, und bei dem Hit »Pool Party« kurz vor Schluss hat der ganze Saal einen Kloß im Hals.
Minuten vor ihrem ersten Auftritt beim By:Larm schwirren die Mitglieder der jungen Briten Little Cub noch unruhig umher – irgendetwas technisches scheint nicht in Ordnung zu sein. Als ihre Show dann beginnt, ist von dieser Unruhe plötzlich nichts mehr zu spüren. Bemerkenswert souverän spielt sich die junge Band durch ihre ersten Singles und das Material ihres Ende April auf Domino erscheinenden Debütalbums »Still Life«. Ihr Sänger sieht aus wie eine junge Version von Phoenix’ Thomas Mars, und so ähnlich klingt die Band auch. Auch die Foals oder Hot Chip kommen den Zuhörern in den Kopf. Neu ist ihre Musik sicher nicht, aber unbestechlich gut gespielt und geschrieben. 
Warum die Band Alex Cameron heißt wie ihr Sänger, wird schon nach wenigen Minuten ihres Sets klar: Der Australier ist eine extrovertierte Künstlertype. Sein Vorbild ist auch offensichtlich: Er hat die Haare wie der junge Nick Cave. In den Texten seiner reduziert arrangierten Songs (Laptop-Keyboards, Schlagzeug, Saxofon) ist er aber auf eine fast schon ironische Art selbstreferenziell. Fast hat man den Eindruck, er inszeniere sich als Karikatur. Man muss den Texten seines Debütalbums »Jumping The Shark« gut zuhören, um ihren Reiz zu erkennen. Musikalisch ist das eine dadaistische Lo-Fi-Version von Blues-Rock, die sowohl Witz als auch Charisma transportiert.
Auf der Bühne der riesigen und sehr leeren Kulturkirche stehen vier Teenager-Mädchen, die aussehen, als kämen sie aus den benachteiligten Vorstädten im benachteiligten Norden Englands. Tatsächlich sind sie aber aus London. Mit den Finessen der Musikszene sind sie offenkundig noch nicht vertraut, für ihre Musik brauchen sie das aber auch nicht. Sie spielen einfachsten garagigen DIY-Rumpel-Indie-Rock mit wirkungsvollen Gesangsharmonien, vor allem durch das rauchige Timbre von Frontfrau Lottie alias » Clottie Cream«. Für die große Kirche ist das vielleicht zu nischig und textlich zu explizit, in schmuddeligeren Kaschemmen kann das aber sehr gut funktionieren. Nicht umsonst hat das britische Label Rough Trade gesignt. Mehr wird folgen.
Im Blå führen uns Chain Wallet aus Bergen noch einmal vor, warum wir ihr letztjähriges Debütalbum so gefeiert und ihre Tour präsentiert haben: Bei ihnen paaren sich stilvolle Reminiszenzen an The Cure, Joy Division und auch a-ha mit einem sehr guten Songwriting. Eine große Show muss man bei ihrem schuhstarrenden New Wave nicht erwarten, die Songs tragen den Auftritt aber auf einem emotional hohen Niveau.
Die aus der norwegischen Provinz stammende Soul-Sängerin mit dem irritierenden Namen Fieh ist ein gutes Beispiel für die beim By:Larm auftretenden Acts, die sich erstmals einem internationalen Publikum präsentieren. Songs hat sie bislang nur über ihr Soundcloud-Profil veröffentlicht. Live weiß sie aber durchweg zu überzeugen und erinnert in ihren besten Momenten sogar an die Säulenheilige Erykah Badu. Sie verfügt über eine zumindest technisch herausragend tighte Band und ist eine reizende Performerin, die sicher auch hierzulande Lorbeeren einsammeln könnte. Der erste Schritt ist mit ihrer Performance beim By:Larm auf jeden Fall gemacht.
Eine Sondererwähnung für das enthusiastischste Publikum geht an Julie Bergan. Erstaunlich, wie die norwegische Vorturnerin mit ihrem Trap-Pop ihre sonst meist recht nüchternen Landsleute zu begeistern weiß. Ihr Hit »Arigato« am Schluss ihres Sets lässt die Stimmung im John Dee, eigentlich ein Rock-Club, überkochen. Bergan ist eine dieser skandinavischen Künstlerinnen, die neunstellige Klickzahlen auf Streaming-Diensten, aber noch kein Debütalbum vorweisen können. In Deutschland wird sie demnächst von dem Major-Label Warner angeschoben, und schon bald wird keine Großraumdisco an ihren Liedern mehr vorbei kommen.